bedeckt München 20°

Dissertation:Brandheiß im Detail

Es braucht schon eine Portion Hartnäckigkeit, um Sätze wie diesen zu formulieren: "Für die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten unter ausschließlicher Verwendung von Resultaten quantenchemischer Ab-initio-Rechnungen werden zumeist Informationen über größere Ausschnitte der Potentialhyperfläche benötigt, die in unterschiedlicher Weise die resultierenden Geschwindigkeitskonstanten beeinflussen."

So etwas schreibt nur jemand, der auch im echten Leben nicht leichtfertig über die Dinge hinweggeht. Wer Quantenphysik studiert und in theoretischer Chemie promoviert, neigt ja an sich nicht zum Schlendrian. Dass man komplexe Probleme mit ganz besonderer Akribie an der Wurzel packen muss, hat die Physikerin und heutige Kanzlerkandidatin Angela Merkel mit ihrer Dissertation im Jahr 1986 bewiesen (1).

Dabei geht ihr der Blick für das Ganze nicht verloren. Das zeigt sich in der Einleitung: Dort verweist die Autorin auf die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung ihres Themas, auch wenn es letztlich auf 150 Seiten um ein winziges Molekülschnipsel geht, das Methylradikal CH3. Weil dieses in Verbrennungsprozessen, ob in Kraftwerken oder Motoren, eine wichtige Rolle spielt, ist es für die Energieerzeugung ebenso wichtig wie für die Abfallvernichtung. Und so wie die meisten Großthemen der modernen Gesellschaft sind auch die Details der "Kohlenwasserstoffumwandlung bei hohen Temperaturen" nicht mit einer Promotion erschöpfend bearbeitet.

"Außerordentlich substanziell und fehlerfrei"

Die Dissertation enthält nach dem Urteil von Wolfgang Domcke, Professor für Theoretische Chemie an der TU München, "keine wissenschaftliche Revolution", sei aber außerordentlich "substanziell, sorgfältig bearbeitet und fehlerfrei". Aus seiner Sicht eine "glatte Eins".

Insbesondere die Bibliografie zeigt, dass es am Lehrstuhl von Merkels Doktorvater Lutz Zülicke wenig ostisch zugegangen sein muss. Sie enthält eine vollständige Liste der seinerzeit relevanten Literatur zum Thema, auch Arbeiten aus West-Instituten. Einer der drei Menschen, denen Merkel am Ende ihrer Dissertation dankt, ist Dr.J.Sauer, Joachim Sauer, heute Chemieprofessor und seit 1998 Merkels Ehemann.

Die von der Physikerin Merkel angegangenen wissenschaftlichen Probleme sind im übrigen bis heute nicht befriedigend gelöst. Das allerdings hat mit der Komplexität der Sache zu tun und lässt wenig Rückschlüsse auf den Erfolg der Politikerin Merkel zu. Als solche könnte sie bekanntlich die Chance bekommen, die nicht minder komplexen Strukturen eines ganzen Landes nach Lösungsansätzen abzusuchen. Akribie und Hartnäckigkeit sind zweifellos auch auf diesem Gebiet von Nutzen.

(1) "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden", Dissertation, Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR, 8. Januar 1986

(SZ vom 24.8.2005)