Diskussion um Erdzeitalter Anthropozän:Der Start der neuen Epoche lässt sich genau datieren: auf den Tag der ersten Atombombenexplosion

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Viele Wissenschaftler geben den Start des neuen Zeitalters sogar auf den Tag genau an: den 16. Juli 1945, den Tag der ersten Explosion einer Atombombe. Diesen Termin schlägt jetzt auch eine Arbeitsgruppe vor, die die Frage nach dem neuen Erdzeitalter geologisch untersucht (Quarternary International, online). Danach sei bis 1988 im Mittel alle zehn Tage eine weitere Bombe gezündet worden, schreibt das Team um Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester. Jede Erdschicht, die danach entstehe, werde radioaktiven Fallout enthalten.

Die beiden Konzepte, das Anthropozän und die planetaren Grenzwerte, hängen eng zusammen. "Die Belege für die beschleunigten Veränderungen im Anthropozän sind sozusagen die Diagnose des grundsätzlichen Problems", sagt Will Steffen, "und die planetaren Grenzwerte sind der Vorschlag einer Lösung." Allerdings ist den Forschern klar, dass es damit nicht getan ist. Wissenschaftler könnten der Menschheit nichts diktieren, sie müssen Regierungen und Konzernlenker überzeugen. Steffens Team will die Studien kommende Woche den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums in Davos vorstellen.

"Was für eine Gruppe von Intellektuellen akzeptable Grenzen sind, muss nicht auch für die Gesellschaft akzeptabel sein", bestätigt Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Eine Veränderung als "gefährlich" anzusehen, sei ein Werturteil, keine wissenschaftliche Tatsache. Aber es sei auf jeden Fall sinnvoll, wenn Forscher die Menschheit - auch ungefragt - darüber informierten, wo Veränderungen zu erwarten sein.

Und gerade die Idee, dass die Menschheit die eigenen Lebensbedingungen destabilisieren könnte, motiviert etliche Politiker, sich dem entgegenzustellen. "Die Studie zeigt einmal mehr, welch dramatische Krise wir mit unserer Wirtschaftsweise auslösen", sagt Annalena Baerbock aus der Grünen-Fraktion im Bundestag. Solche Erkenntnisse sind zumindest in Deutschland auch keine Frage der Parteizugehörigkeit. "Wir Menschen sind nicht eine unbedeutende Art von Lebewesen, wir überformen diesen Planeten", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der die Idee vom Anthropozän politisch fördert. "Was wir tun, ist von existenzieller Bedeutung für den ganzen Planeten. Das heißt, wir müssen Fehler korrigieren oder am besten gleich vermeiden."

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