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Paläontologie:Zurück nach Afrika

Giraffatitan and Dicraeosaurus dinosaurs grazing in a prehistoric environment PUBLICATIONxINxGERxSU

Der Dinosaurier gehört zu einem gigantisches Puzzle aus mehreren Exemplaren.

(Foto: imago classic/StockTrek Images)

Seit mehr als 80 Jahren steht ein riesiger Dinosaurier im Berliner Museum für Naturkunde. Doch nun fordern Politiker aus Tansania seine Rückgabe - zu Recht?

Von Angelika Franz

Bernhard Wilhelm Sattler war frustriert. Im Auftrag der Lindi-Schürfgesellschaft sollte der Ingenieur Bodenschätze in Deutsch-Ostafrika finden. Die Anteilszeichner daheim hofften auf saftige Gewinne: Edelsteine und Grafit aus der deutschen Kolonie im Gebiet der heutigen Länder Tansania, Burundi, Ruanda und einem kleinen Teil Mosambiks. Doch alles, was Sattler nach fast drei Jahren Suche vorweisen konnte, war wertloser Grafitgneis und einige Nester Almandin, schmutzig rot schimmernde Halbedelsteine.

Gegen Ende des Jahres 1906 hatten sogar seine einheimischen Arbeiter Mitleid mit dem glücklosen Deutschen: "Herr, es ist schlimm, du suchst immerfort und findest nie etwas", sagte einer zu ihm. "Komm, ich will dir zeigen, was du vielleicht brauchen kannst." Der Arbeiter führte ihn über unwegsames Gelände an einen Hügel. Sein eigenes Volk würde diesen Ort meiden, weil er von bösen Geistern befallen sei, erklärte der Mann. Und tatsächlich war es ein unheimlicher Anblick, der sich dort bot. Riesige Knochen ragten aus der Erde wie aus einem umgepflügten Giganten-Friedhof.

Wirkliche Bodenschätze sollte Sattler nie finden. Aber was Paläontologen mithilfe von einheimischen Arbeitern in den folgenden Jahren aus der Erde des Tendaguru - "steiler Berg" - genannten Hügels im heutigen Tansania gruben, war ein Schatz ganz anderer Art. Er steht heute im Berliner Museum für Naturkunde: Giraffatitan brancai, mit einer Höhe von 13,27 Metern bis heute das größte montierte Dinosaurierskelett der Welt - und seit einigen Jahren ein Zankapfel zwischen Tansania und Deutschland. Es sei höchste Zeit, die Umstände der Ausgrabung zu hinterfragen und über mögliche Reparationen zu reden, fordern tansanische Regierungsvertreter. So bemängelte zum Beispiel der Botschafter von Tansania in Berlin, Abdallah Possi, vergangenes Jahr in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung , dass zu viele Fragen bis heute ungeklärt seien. Wem gehörte im Jahr 1906 der Tendaguru? Überließen die Einheimischen den Deutschen die Knochen als Geschenk oder entfernten die Kolonialherren sie unrechtmäßig aus dem Land? Und wurden die Arbeiter ausreichend entlohnt?

Das Berliner Museum will den Dinosaurier nicht hergeben

Der Berliner Giraffatitan brancai steht damit in einer langen Reihe umstrittener Museumsexponate, die am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den ehemaligen Kolonien in die europäischen Hauptstädte gelangten. Nigeria fordert die Benin-Bronzen zurück, die 1897 bei einer britischen Vergeltungsaktion aus dem Königspalast von Benin geraubt wurden. Sambia hätte gerne seinen 1921 entwendeten, etwa 300 000 Jahre alte Hominiden-Schädel aus Broken Hill wieder. Und Tansania eben den Tendaguru-Koloss.

Das Berliner Museum für Naturkunde will seinen urzeitlichen Publikumsmagneten nicht hergeben, bemüht sich aber redlich darum, Licht in das Dunkel der kolonialen Fund- und Bergungsumstände zu bringen. Dazu gehört auch die Arbeit einer Forschergruppe um Ina Heumann, die sich drei Jahre lang mit dem Hintergrund der Tendarguru-Expedition auseinandersetzte und ihre Ergebnisse in einem umfangreichen Buch dokumentierte (Ina Heumann, Holger Stoecker, Marco Tamborini, Mareike Vennen: "Dinosaurierfragmente: Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte, 1906-2018", Wallstein Verlag).

Die Geschichte des Giraffatitan-brancai-Skeletts beginnt mitten während des blutigen Maji-Maji-Aufstands. Erste Unruhen waren im Sommer 1905 im Hinterland der Küstenstadt Kilwa ausgebrochen, Bald schlossen sich zwanzig Volksstämme zusammen, um sich den Repressalien der deutschen Kolonialmacht zu widersetzen. Deren Rache aber war furchtbar. Statt nur die Anführer zu belangen, vernichteten die Deutschen die Lebensgrundlage der gesamten Bevölkerung, sie verbrannten Dörfer, Felder und sogar das Buschland. Der Hunger forderte am Ende mehr Opfer als die Gewehrkugeln der "Schutztruppe" für Deutsch-Ostafrika. 200 000 bis 300 000 Einheimische starben - etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Die deutsche Seite hingegen beklagte lediglich den Verlust von 15 europäischen Soldaten und 389 schwarzen Söldnern.

Der Krieg war auch ein herber Schlag für die Lindi-Schürfgesellschaft. Die Bohrstation am Hauptsitz der Gesellschaft in der Siedlung Nambiranji war mitsamt allen Geräten und Vorräten zerstört worden. Die Investoren daheim in Deutschland verloren das Interesse daran, Geld in die desolate Region zu pumpen. Die Konzession verpflichtete die Gesellschaft allerdings dazu, "ständig einen Prospektor im Konzessionsgebiet tätig sein zu lassen und mindestens 10 000 Mark jährlich in Schürfarbeiten" zu investieren.

Halbherzig schickte man Sattler wieder auf die Suche, sobald sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte. Dass seine Arbeiter ihm unter diesen Umständen den Weg zum Tendaguru-Hügel zeigten, spricht für den deutschen Ingenieur. "Sattler (...) konnte ganz vortrefflich mit den Schwarzen fertig werden", notierte Wilhelm Arning, Mitglied des Deutschen Reichstags für den Wahlkreis Hannover 7, ehemaliger Stabsarzt der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika und einer der Anteilzeichner der Schürfgesellschaft anerkennend in seinen Aufzeichnungen.

Arning war es auch, den Sattler als Ersten von seinem Fund unterrichtete. Am 22. März 1907 flatterten dem Politiker die handgefertigten Skizzen Sattlers von den riesigen Knochen auf den Schreibtisch. Er war elektrisiert - und begann, mit der Idee der Bergung hausieren zu gehen. Bei der Kolonialverwaltung biss er zunächst auf Granit. Es handele sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Giraffen- oder Elefantenknochen hieß es lapidar. Doch Arning nutzte geschickt seinen politischen Einfluss, um die Skelettreste zur Staatsangelegenheit zu machen. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Behörden letztlich doch neugierig wurden und im Sommer 1907 den Stuttgarter Paläontologen Eberhard Fraas zum Tendaguru schickten, damit der sich die Sache mal näher ansehe.

Sechs Tage lang schlug der Forscher sich von der Hafenstadt Lindi aus durch das Buschland bis zur Fundstelle. Für Fraas war es ein Weg ins Paradies. Es handele sich bei den Knochen um "die Überreste von gewaltigen Dinosauriern und damit um einen der wichtigsten geologischen Funde in Afrika", jubelte der Paläontologe, darunter "ganz neue entwicklungsgeschichtlich bedeutungsvolle Arten." Eine Woche lang zeichnete, fotografierte und dokumentierte er unermüdlich jeden Knochen, den er auf die Schnelle freilegen konnte. Verzweifelt versuchte er, "Träger in den entvölkerten Gegenden aufzutreiben", die ihm das sorgfältig in Kisten verpackte Material nach Lindi bringen sollten. Unter Fraas' hastig gesammelter Beute befanden sich erste Schätze, die allerdings erst Jahre später von seinen Kollegen in Berlin bearbeitet und wissenschaftlich beschrieben werden sollten: die ersten bekannten Exemplare von Barosaurus africanus, von Janenschia robusta sowie von Dysalotosaurus lettowvorbecki.

Zu dem Zeitpunkt galt das Gebiet um den Tendaguru allerdings immer noch als "herrenlos". Um dies zu ändern, trafen sich am 13. März 1908, einem Freitag, sieben Männer in dem verlassenen Dorf Nanundwe am Mbenkuru-Fluss, etwa zehn Kilometer westlich des Tendaguru-Hügels. Zu dem Treffen geladen hatte Walther Wendt, Kaiserlicher Bezirksamtmann des Bezirks Lindi, die übrigen Anwesenden waren von der Kolonialverwaltung eingesetzte Dorfvorsteher weiter entfernt liegender Ansiedlungen. Von den Anwohnern Nanundwes selber war niemand erschienen, wie das Protokoll vermerkt. Auch würde dort niemand wohnen, und es habe niemand Eigentumsrecht auf das 3500 Hektar große Gebiet geltend gemacht. Damit, schließt Wendt seinen Bericht, "habe ich das Gebiet durch Erklärung zu Kronland für den Deutsch-Ostafrikanischen Landesfiskus in Besitz genommen." Mit seiner Unterschrift war die Fundstätte fortan nicht mehr herrenlos - sondern zur Ausbeutung durch die Kolonialmacht freigegeben.

Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn vor einer kostspieligen Ausgrabung scheuten die Behörden immer noch zurück. Daheim in Deutschland aber weckten die Funde mittlerweile das Interesse von Wilhelm von Branca, Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums in Berlin. Unermüdlich warb er um private Spendengelder, bis im April 1909 endlich die Ausgrabungen beginnen konnten. Was Branca damals noch nicht wusste: Der größte Fund vom Tendaguru sollte später zum Dank seinen Namen tragen, Giraffatitan brancai.

Vier Jahre dauerten die Arbeiten am "steilen Berg". Bis zu 500 Arbeiter, die meisten von ihnen hungrig und traumatisiert vom Krieg, schleppten 225 Tonnen Knochen auf tagelangen Märschen nach Lindi. Sie mussten die Last auf ihren Schultern tragen - Tiere konnten nicht eingesetzt werden, sie hätten die gefährlichen Tse-Tse-Fliegen angelockt. Die großen Knochen transportierten die Einheimischen in gezimmerten Kisten, die kleinen wurden sorgfältig auf Savannengras gebettet und in Bambustrommeln verstaut, mitunter auch in den Fruchtschalen von Affenbrotbäumen oder leeren Konservendosen.

Die schiere Menge an Material war so gewaltig, dass noch heute viele der Behälter ungeöffnet im Magazin des Museums für Naturkunde lagern. Nur eines fanden die Ausgräber nicht am Tendaguru: einen ganzen Dinosaurier. "In keinem einzigen Falle ist (im Verlauf der Tendaguru-Expedition) ein wirklich vollständiges Skelett gefunden worden", bedauerte 1912 Expeditionsleiter Edwin Hennig. "Statt dessen liegen sehr zahlreiche Einzelfunde vor, in der Hauptsache von Beinknochen, doch auch wohl ein Fuß, ein Stück Wirbelsäule, ein Schulterblatt und dergleichen. Durch gegenseitige Vergleichung und Ergänzung dürfte es jedenfalls möglich sein, im Berliner Museum für Naturkunde auch ein wirklich vollständiges Tier aufzubauen."

Das Exponat ist Ergebnis Tausender Arbeitsstunden

An dieser Stelle kommt man zum Kern in der Diskussion um die Rückgabe. Denn was im Lichthof des Museums für Naturkunde steht, ist kein einzelner Dinosaurier. Es ist ein gigantisches Puzzle aus mehreren Exemplaren, das prominenteste von ihnen ein noch nicht ganz ausgewachsenes Tier Namens HMN SII. Große Teile liegen gar nicht als Knochen vor, sondern sind lediglich rekonstruiert. Vor allem aber ist das Exponat das Ergebnis Tausender Arbeitsstunden sowie Dutzender wissenschaftlicher Arbeiten. Allein an einem Halswirbel arbeiteten Präparatoren 450 Stunden, bevor sie ihn montieren konnten. Entsprechend lange dauerte es, bis die Öffentlichkeit das Skelett zu sehen bekam.

Erst 1924 präsentierte das Museum den ersten Dinosaurier aus Tendaguru, einen Kentrosaurus, einen Vogelbeckensaurier aus der Gruppe der Stegosauria. Giraffatitan brancai war erst 1937 bereit für seinen Auftritt, damals noch unter dem Namen Brachiosaurus brancai. Auch musste er damals noch wie ein Krokodil auf abgeknickten Beinen kauern, erst spätere Forschung korrigierte die Position und gab ihm damit ein paar zusätzliche Meter an Höhe. Die jüngste Änderung: 2009 wurde aus dem Brachiosaurus ein Giraffatitan.

Für den heutigen Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums Johannes Vogel ist die Rückgabe des Dinosauriers an Tansania eine absurde Forderung. Giraffatitan brancai sei kein Natur- sondern ein Kulturgut, erklärte er in der Süddeutschen Zeitung: "Er wurde erst in Berlin in jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit zu einem Dinosaurier-Modell zusammengesetzt". Aus diesem Grund stehe er auch seit 2011 im Verzeichnis der national geschützten Kulturgüter.

Tatsächlich ist die Rückgabeforderung wohl nicht wirklich ernst gemeint. Mit dem Projekt "Holt den Dino heim!" wird in Tansania vor allem Wahlkampf geführt. Zum Glück - denn es gibt bessere Wege und Möglichkeiten, sich für das in Deutsch-Ostafrika verübte Unrecht zu entschuldigen. Deutschland könnte beispielsweise die Eigentumsrechte an den Knochen an Tansania zurückgeben, den zusammengebauten Giraffatitan brancai aber als Dauerleihgabe in Berlin behalten. Die Leihgebühren könnten Forschungsprojekte und Stipendien für tansanische Wissenschaftler oder den Bau eigener Museen für künftige Funde finanzieren. Mit der Aufarbeitung der Geschichte des Maji-Maji-Aufstandes wurde jedenfalls bereits begonnen. 2017 unterzeichneten die Universität Daressalam und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein "Memorandum of Understanding" zur gemeinsamen Forschungsarbeit in deutsch-tansanischen Teams.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde nach der ursprünglichen Publikation noch um einen Buchhinweis ergänzt.

© SZ/cwb
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