bedeckt München

Dino-Spuren:Jurassic Park im Weserbergland

Im Sandsteinbruch von Obernkirchen in Niedersachsen finden sich mehr Fußspuren von Raubsauriern als irgendwo sonst in Europa.

Es geschah am 15. September vor einem Jahr. Die Geologinnen Annette Richter und Annina Böhme hatten soeben den Sandsteinbruch im Weserbergland inspiziert. Am folgenden Morgen, dem "Tag des Geotops" wollten sie Besucher hier durchführen. Der Sandstein von hier ist im Kölner Dom verbaut, im Bremer Rathaus und in einigen der neuen Bankgebäude in Berlin. Von dort kamen auch viele der Besucher in Obernkirchen.

Spurensuche

Dinos im Weserbergland

Durch das schräge Licht der Abendsonne warfen die kleinsten Unebenheiten im Steinboden kantige Schlagschatten. In diesem Augenblick merkten die Forscherinnen, dass sie in den Fußspuren eines Dinosauriers stehen.

Klar zeichnete sich im Sandstein die Fährte eines fleischfressenden Allosaurus ab, der vor mehr als 140 Millionen Jahren hier durchstapfte. "Es war, als würde man dem Tier die Hand geben", sagt Annette Richter, und wenn sie dann über längst vergangene Zeiten dieses Planeten erzählt, wechselt die Kustodin des Landesmuseums Hannover oft vom Mesozoikum ins Präsens. "Diese Saurier laufen auf zwei Beinen", sagt sie dann, oder "hier geht eine kleine Herde entlang."

Fast ein Jahr verging, bis ein Grabungsteam die Saurierspur in Niedersachsen vom Lehm befreit hatte. Inzwischen sind noch an einer weiteren Stelle Spuren aufgetaucht. Insgesamt sind es Hunderte auf 2500 Quadratmetern.

Sie stammen von fünf oder sechs verschiedenen Saurierarten. Nirgendwo sonst in Europa gibt es so viele Fährten der Urechsen auf so kleinem Raum. 49 Fußabdrücke stammen von Raptoren, einer kleinen, gefiederten Raubsaurierart, aus der sich die Vögel entwickelt haben sollen.

"Das ist der Beweis, dass Europa ein aktives Evolutionszentrum war", sagt Richter, die die Ausgrabungen geleitet hat. "Das Leben muss hier getobt haben." Bislang hatte man die Ursprünge der Vogelwelt in Asien vermutet.

Am vergangenen Sonntag war wieder Geotoptag im Obernkirchener Steinbruch auf dem Bückeberg. 4000 Besucher kamen in diesem Jahr, sonst waren es um die 300. Wie um die menschliche Begeisterung für Dinosaurier zu beweisen, fallen Kinder auf die Knie, und scharren im harten Lehm nach Spuren der Urechsen. Manche der Erwachsenen sehen aus, als würden sie es gern nachmachen.

"Mit so einem Fund hat in der Region niemand mehr gerechnet", sagt Oliver Wings vom Naturkundemuseum Berlin. Er hat vor Jahren Fährten im 20 Kilometer entfernten Münchehagen mitentdeckt. Das dicht besiedelte Europa berge kaum noch Möglichkeiten für solche Fundstätten, sagt er.

Besonders die Raptorenfährte fasziniere ihn, "damit fügt sich wieder ein kleines Puzzleteil zum Gesamtbild". Weltweit gibt es erst sechs solcher Funde, nirgendwo sind sie so aussagekräftig.

Die Kralle in der Halsschlagader

Die sogenannte A-Spur, der erste Raptorenfund in Obernkirchen, ist zwölf Schritte lang. Aus dem Abstand der Vertiefungen im Sandstein hat Torsten van der Lubbe aus dem Hannoveraner Grabungsteam die Geschwindigkeit des Tieres ermittelt: Elf Kilometer pro Stunde. Nach allem was über das Tier, das einen Meter groß wurde, bekannt ist, konnte es bis zu dreimal so schnell rennen, wenn es hinter einer Beute her war.

Auch in Steven Spielbergs Kinofilm Jurassic Park hatten die kleinen Raubsaurier einen Auftritt. In einer Szene trommelt ein Raptor mit seiner Kralle auf den Boden. Dieses tödliche Instrument, da sind sich Dinoforscher sicher, gab es wirklich. Nur das Trommeln nicht.

"Es wäre unsinnig, wenn ein Jäger seine wirkungsvollste Waffe stumpf machen würde", sagt van der Lubbe. Wahrscheinlich sprang der Jäger auf seine Opfer und rammte ihnen die Kralle in die Halsschlagader. "Ein ähnliches Verhalten zeigen Uhus", sagt Annette Richter.

Wo heute der Sandsteinbruch ist, war in prähistorischen Zeiten eine Lagune, in die während Sturmfluten Sand aus dem Meer gespült wurde. In diesen Untergrund setzten die Saurier ihre Füße.

Etwa eine Woche lang blieben die Abdrücke unberührt, schätzen Forscher. Dann muss eine weitere Flut frischen Sand in die Lagune geschwemmt haben, der die Abdrücke bedeckte und konservierte. Jeder Sandschwall ist als schmales Band an den Wänden des Steinbruchs zu erkennen. Um hier Baumaterial zu gewinnen, muss nicht gesprengt werden. Ein Bagger hebelt bis zu acht Tonnen schwere Platten aus jeder Schicht und trägt den Sandstein von oben ab.

"Hier blicken wir auf den Hühnerhof", sagt Torsten van der Lubbe. Gemeint ist damit die Fläche mit den Raptor-Spuren, die so unscheinbar sind, dass sie den Forschern erst nach Monaten zwischen den tiefen Eindrücken der Allosaurier auffielen.

Von einem Felspodest aus sechs Metern Höhe sieht man, warum der Fundort seinen Namen bekam: Eng liegen die Fußabdrücke der Saurier, für Laien oft nur durch eine Wachslinie zu erkennen, mit der die Forscher sie umrandet haben.

Zur SZ-Startseite