Die Niederlande und der Klimawandel:Das Wasser könnte jetzt kommen

Heute, mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der langen Verhandlungen, nähert sich das Projekt dem Ende. Es wurde tatsächlich im allgemeinen Einvernehmen realisiert: Die Familien sind eine nach der anderen umgezogen. Ein paar haben sich Höfe irgendwo anders im Land gesucht. Ein Bauer ging sogar nach Kanada. Die meisten alten Gehöfte sind bereits abgerissen, die neuen Höfe bezogen. Das Wasser - ja, es könnte jetzt kommen.

Das Besondere am niederländischen Wassermanagement ist wohl, dass alle Bereiche und alle Beteiligten zusammenspielen und einander ergänzen: Bauern ebenso wie Umweltschützer; die Regierung ebenso wie die regionalen, traditionellen Wasserämter. Ingenieure ebenso wie Ökonomen. Besonders ist auch, dass das System langfristig abgesichert ist: per Gesetz sind das Amt eines unabhängigen Deltabeauftragten und ein jährlicher Etat von einer Milliarde Euro festgelegt.

Daran kann kein Wahlkampf, keine Sparmaßnahme rütteln. "Da stehen die Holländer zusammen", sagt stolz Louis van der Kallen vom regionalen Wasseramt Brabantse Delta, in dessen Bereich auch die Terpbauern fallen. "Wir leben mit dem Wasser, und das Wasser lebt in unseren Herzen." Das sagt er so oft und gern, dass man glauben könnte, er ganz persönlich trage die Sorge für den niederländischen Wasserschutz mit sich herum. Aber ein solcher Enthusiasmus scheint ganz typisch zu sein für die vielen Angehörigen der alten Wasserämter.

"Das System beruht auf Solidarität, Flexibilität und Nachhaltigkeit", drückt es Jaap van Steenwijk, Krisenkoordinator im "Wassermanagementzentrum der Niederlande", etwas sachlicher aus. Hier im Zentrum in Lelystad, einer Kleinstadt bei Amsterdam, einem sachlichen Gebäude, das trotz oder vielleicht gerade wegen seines Siebzigerjahre-Charmes erstaunlich modern wirkt, sitzen Hydrologen und andere Fachleute Tag und Nacht vor ihren Bildschirmen und werten die Charts und Daten aus, die hier ständig aus den Niederlanden und ganz Europa eintreffen.

"Die Holländer", sagt Gerd Friedsam vom THW, "haben es leichter, weil sie zentral organisieren. Sie sind schneller." Doch zugleich blickt er ganz hoffnungsfroh auf den deutschen Hochwasserschutz, wartet auf die Initiativen, die nun, nach den letzten Fluten, endlich in Gang kommen sollen. Auch wenn er weiß, wie viel schwerer es wäre, ein ähnlich ganzheitliches Konzept in einem so diversen Land wie Deutschland umzusetzen. "Erklären Sie mal einem Bewohner fern von Überschwemmungsgebieten, warum er für den Deichschutz zahlen soll."

Wenn Stan Fleerakkers eines Tages erfahren sollte, dass er sein Vieh zusammentreiben muss, weil in einer Woche das Wasser kommt, dann erfährt er das auch dank Menschen wie Jasper Stam. Der Hydrologe und "Flussberater" gibt Warnungen heraus, wenn es nass werden könnte entlang der Maas. "Eine Hochwasserwarnung muss stets abgewogen werden", sagt Stam, der so jung aussieht, als sei er frisch von der Uni gekommen, und doch als einer der besten Fachleute hier gilt. "Warnen wir zu viel, glauben uns die Leute beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr. Warnen wir aber zu wenig, könnte das schlimme Folgen haben."

Ein alter Spruch lautet: "Gott erschuf die Welt, aber die Holländer erschufen Holland." Das Erschaffen und Leben aus und mit dem Wasser gilt bis heute. Der Hochwasserschutz der Niederlande ist auf 1250 Jahre angelegt. Die Deiche sind also so hoch und die Polder so groß, dass sie selbst eine derart gewaltige Flut aushalten, wie sie nur alle 1250 Jahre vorkommt. Im Vergleich dazu sind in Deutschland die Deiche und Polder oft nur auf eine kleinere Flut ausgerichtet, wie sie vielleicht alle 200 Jahre eintritt. Vielleicht braucht man hier die ganz große Vorsorge auch nicht.

Stan Fleerakkers ist gerade einem Verein beigetreten, durch den Stadtkinder lernen sollen, wie es so zugeht auf einem Bauernhof: "Damit sie nicht vergessen, wo sie herkommen." In ein paar Monaten wird die Familie Fleerakkers also Schulkindern ihr Leben auf dem gerade errichteten Terp zeigen - so, als hätte sie immer schon dort oben gelebt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB