Die Niederlande und der Klimawandel:Die unterschiedlichsten Gruppen müssen ins Boot

Natürlich, sagt Friedsam, hätten die Bundeskanzlerin und die Länderchefs auch in Deutschland nach den jüngsten Fluten einen neuen Hochwasserplan vereinbart. "Da sind wir auf dem gleichen Weg wie die Holländer, die eben schon viel länger so aufgestellt sind." Aber wie in den Niederlanden müsse man auch in Deutschland die unterschiedlichsten Gruppierungen mit ins Boot bringen - "die Bevölkerung, die Umweltverbände, die Bauern, die Verwaltung, die Länder, den Bund."

Auch in den Niederlanden dachte man viel zu lange: Dieses Land im Delta von vier Flüssen kann mit Fluten umgehen. Es hatte ja ein ausgeklügeltes, hochkomplexes System von Deichen, die seit Jahrhunderten von einer basisdemokratischen Organisation der Bauern gepflegt wurden. Von Menschen, die wussten, dass sie zusammenarbeiten mussten. Den Deich zu schützen, das war oberste Priorität. Die Niederlande leben wie kaum ein anderes Land mit und durch das Wasser (ähnlich vielleicht wie Bangladesch, aber das ist eine andere Geschichte). Eigentlich, sollte man denken, müssten sie das Wasserproblem längst im Griff haben.

Und dann kamen die großen Fluten des 20. Jahrhunderts: Erst das katastrophale Nordsee-Hochwasser von 1953, als mehr als 2000 Menschen starben. Dann die schlimmen Überschwemmungen im Süden der Niederlande von 1993 und 1995. Das Land, das glaubte, alles über das Wasser zu wissen und wie man es beherrschen könne, war geschockt. Eine Projektgruppe wurde ins Leben gerufen. Sie veröffentlichte im Jahr 2000 einen allumfassenden Plan für einen neuen Ansatz beim Hochwasserschutz: das Delta-Programm.

Es ist ein langfristiger Plan, wie die "Niederen Lande" mit dem Klimawandel, dem steigenden Meerwasserspiegel, den immer stärkeren und häufigeren Hochwassern umgehen wollen. Und dieses Programm ist ganzheitlich. Es befasst sich nicht nur mit kurzfristigen Nachbesserungen und Schadensbegrenzung, sondern auch mit einer für die meisten weit entfernten Zukunft, in manchen Teilen sogar bis ins Jahr 2100. Es plant die technischen Details - aber ein wesentlicher Teil des Erfolges ist, das betonen die Niederländer immer wieder, die Einbindung aller Ebenen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Und zwar von Anfang an.

Das Projekt der Terpbauern ist dabei nur ein, wenn auch sehr gelungenes, Detail unter Dutzenden Maßnahmen, die entlang der Maas umgesetzt werden. Flusserweiterungen gehören ebenso dazu wie Deicherhöhungen und Renaturierungen. Diese Maßnahmen greifen ineinander, bedingen sich, ja funktionieren eigentlich nur in der Gesamtheit: Wenn eines der Projekte, etwa ein Polder, nicht umgesetzt würde, weil sich die Anwohner dagegen wehrten, dann würde das Wasser zwar nicht dort, aber vielleicht ein paar Dutzend Kilometer weiter unten haltlos und unkontrollierbar über die Ufer treten.

Und manchmal gehört zu solchen Maßnahmen eben auch, dass Menschen um- oder wegziehen müssen - wie im Städtchen Nijmegen an der Waal. Dort wurden mehr als 50 Häuser aufgegeben, weil eine Engstelle des Flusses mitten in der Stadt erweitert werden musste. 50 Häuser wurden für eine ganze Stadt geopfert: "Wir redeten und redeten so lange, bis wir - hoffentlich - zu einer für alle befriedigenden Lösung gekommen waren", sagt Cor Beekmans, der als einer der Leiter des Gesamtprojekts "Raum für den Fluss" in den ersten Jahren des Projekts ebenso wie seine Kollegen vor allem das getan hat: reden, reden reden. Wichtig war aber auch: "Wir zahlen den Marktpreis", so Beekmans. "Außerdem weiß jeder Betroffene, dass unser Land den Wasserschutz braucht. Auch wenn es für ihn persönlich nicht so angenehm ist."

Als Vertreter der Provinzregierung Ende der 1990er-Jahre zu Stan Fleerakkers kamen, war der Bauer entsetzt. Er hatte damals seinen Hof noch unten im Poldergebiet. Und nun teilten ihm die Regierungsvertreter mit, dass sein Land und sein Hof zu den ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten gehörten. Nun waren die insgesamt 16 betroffenen Bauernfamilien der Region wenigstens informiert; sie begannen sich untereinander auszutauschen, sie organisierten sich. Es wurde ein langer Verhandlungsprozess, der nicht ohne Streitigkeiten und Verzögerungen ablief.

Aber irgendwann entschieden die Bauern gemeinsam mit den Abgeordneten vom Wasseramt, mit den Wasseringenieuren und der Regierung, was geschehen sollte. Ein paar von ihnen würden entschädigt werden und wegziehen. Neun Familien würden bleiben - und, das hatten sie verlangt, "höhergelegt" werden, auf extra für sie angelegte Plattformen, eben jenen Terpen.

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