Die Niederlande und der Klimawandel:Nah am Wasser gebaut

Room for the River

In der Gemeinde Deventer soll eines von 38 neuen Projekten in den Niederlanden "Raum für den Fluss" schaffen. Bei Hochwasser stehen künftig Auslaufzonen zur Verfügung (linkes Bild). Die Zustimmung ist trotz mancher negativer Folgen für den Einzelnen hoch.

(Foto: Room for the River)

Ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Der aber soll aufgrund des Klimawandels noch steigen. Das Land der Deiche, Dämme und Wehre stellt sich nun weit vorausschauend darauf ein.

Von Petra Steinberger

Stan Fleerakkers, der Terpbauer, steht vor dem Hof und schaut über sein Land. Das Land liegt ein ganzes Stück unter ihm, sechs Meter, um genau zu sein. Und irgendwann, vielleicht nächstes Jahr, vielleicht aber auch erst in 100 oder 1000 Jahren, wird dieses Land um den Hof herum ein riesiger See sein. Eine Weile zumindest. "Ich habe Glück gehabt", sagt Fleerakkers, der Bauer, und das meint er ganz ernst. Er ist noch jung, aber längst wettergegerbt, er lebt hier mit seiner Frau Yvonne, drei Kindern und 85 Milchkühen.

Seit Februar dieses Jahres leben die Fleerakkers auf ihrem neuen Hof, haben einen modernen Stall und eine vollautomatische Melkmaschine. Alles wirkt frisch, geradezu jungfräulich: das aufgeschüttete Plateau, auf dem ihr Hof steht, und der Stall. Es ist verdammt heiß, und hier oben ist man der Sonne gnadenlos ausgesetzt - noch. Die Bäume sind klein, aber in ein paar Jahren wird es schon anders aussehen, dann wird alles eingewachsen, schattiger sein, sagt Fleerakkers. Denn das milde Klima hier, am Ufer der Maas, des größten Flusses der Niederlande, wird die Natur schnell aus ihrem Versteck herauslocken. "Wir haben Glück gehabt", sagen sie beide.

Stan Fleerakkers ist ein Terpbauer - das heißt, sein Hof liegt auf einem Terp, einem künstlich aufgeschütteten Hügel aus Sand und Erde. Und er ist Niederländer - er gehört also von Natur aus zu einem Menschenschlag, der gelernt hat, mit dem Wasser zu leben. Hier muss man sich ständig damit auseinandersetzen. Ähnlich wie es ein Bauer in den Alpen mit viel Schnee und Abgründen zu tun hat.

Das Wasser, wenn es eines Tages kommt, wird nicht allzu lange bleiben, sagen zumindest die Wasserbauingenieure. Es wird wieder abfließen - vielleicht sogar schon binnen weniger Stunden oder Tage. So ist das vorgesehen im großen Hochwasserplan der niederländischen Regierung. Aber das Korn, der Mais, das Gras, die Ernte werden dann vielleicht vernichtet sein. Stan Fleerakkers, der Bauer, weiß das natürlich. Und trotzdem: Er hat das Risiko bewusst in Kauf genommen. Das Risiko, erhöht und dennoch mitten in einem Polder zu leben, also in einer Retentionsfläche, die bei der nächsten großen Flut als Ausweichzone für das Wasser genutzt wird. Denn wenn er alles richtig gemacht hat, wird ihn die niederländische Regierung für seinen Verlust entschädigen.

Alles richtig gemacht? Auf einer Plattform mitten im klassischen Hochwassergebiet zu leben und dann noch mit einem Mehrverdienst seines Hofes zu rechnen? Jeder weiß doch, dass Hochwasser vermutlich in der Zukunft häufiger kommen, höher werden, größere Schäden anrichten . . .

Die Niederlande bestehen größtenteils aus einem riesigen Vier-Flüsse-Delta, sie haben über die Jahrhunderte immer mehr Land dem Meer abgerungen. Heute liegen 26 Prozent der Landfläche unterhalb des Meeresspiegels, 59 Prozent sind latent hochwassergefährdet, darunter jene Regionen, in denen 80 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet werden, sei es durch Industrie oder Landwirtschaft. Der Hochwasserschutz, ob am Meer oder an den vielen Flüssen, ist für jeden Niederländer essenziell. Und wie man damit umgeht, ist entscheidend für die Zukunft des Landes.

Alles richtig gemacht? Solche Fragen gibt es natürlich auch in Deutschland - und auch hier wird überlegt und geplant, wie man mit den in Zukunft wahrscheinlich häufiger werdenden Flutkatastrophen umgehen soll. "Seit der letzten Flut 2002 hat sich auch in Deutschland schon viel getan", wird einige Tage später Gerd Friedsam sagen, der Vizepräsident des Technischen Hilfswerks (THW). Das THW ist weltweit immer ganz vorne dabei, wenn es um Katastrophen- oder Notfallhilfe geht, Teams wurden nach New Orleans geschickt oder nach Bangkok. Und auch jetzt, während der Überflutungen in den letzten Monaten, waren THW-Fachleute vor Ort.

Die unterschiedlichsten Gruppen müssen ins Boot

Natürlich, sagt Friedsam, hätten die Bundeskanzlerin und die Länderchefs auch in Deutschland nach den jüngsten Fluten einen neuen Hochwasserplan vereinbart. "Da sind wir auf dem gleichen Weg wie die Holländer, die eben schon viel länger so aufgestellt sind." Aber wie in den Niederlanden müsse man auch in Deutschland die unterschiedlichsten Gruppierungen mit ins Boot bringen - "die Bevölkerung, die Umweltverbände, die Bauern, die Verwaltung, die Länder, den Bund."

Auch in den Niederlanden dachte man viel zu lange: Dieses Land im Delta von vier Flüssen kann mit Fluten umgehen. Es hatte ja ein ausgeklügeltes, hochkomplexes System von Deichen, die seit Jahrhunderten von einer basisdemokratischen Organisation der Bauern gepflegt wurden. Von Menschen, die wussten, dass sie zusammenarbeiten mussten. Den Deich zu schützen, das war oberste Priorität. Die Niederlande leben wie kaum ein anderes Land mit und durch das Wasser (ähnlich vielleicht wie Bangladesch, aber das ist eine andere Geschichte). Eigentlich, sollte man denken, müssten sie das Wasserproblem längst im Griff haben.

Und dann kamen die großen Fluten des 20. Jahrhunderts: Erst das katastrophale Nordsee-Hochwasser von 1953, als mehr als 2000 Menschen starben. Dann die schlimmen Überschwemmungen im Süden der Niederlande von 1993 und 1995. Das Land, das glaubte, alles über das Wasser zu wissen und wie man es beherrschen könne, war geschockt. Eine Projektgruppe wurde ins Leben gerufen. Sie veröffentlichte im Jahr 2000 einen allumfassenden Plan für einen neuen Ansatz beim Hochwasserschutz: das Delta-Programm.

Es ist ein langfristiger Plan, wie die "Niederen Lande" mit dem Klimawandel, dem steigenden Meerwasserspiegel, den immer stärkeren und häufigeren Hochwassern umgehen wollen. Und dieses Programm ist ganzheitlich. Es befasst sich nicht nur mit kurzfristigen Nachbesserungen und Schadensbegrenzung, sondern auch mit einer für die meisten weit entfernten Zukunft, in manchen Teilen sogar bis ins Jahr 2100. Es plant die technischen Details - aber ein wesentlicher Teil des Erfolges ist, das betonen die Niederländer immer wieder, die Einbindung aller Ebenen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Und zwar von Anfang an.

Das Projekt der Terpbauern ist dabei nur ein, wenn auch sehr gelungenes, Detail unter Dutzenden Maßnahmen, die entlang der Maas umgesetzt werden. Flusserweiterungen gehören ebenso dazu wie Deicherhöhungen und Renaturierungen. Diese Maßnahmen greifen ineinander, bedingen sich, ja funktionieren eigentlich nur in der Gesamtheit: Wenn eines der Projekte, etwa ein Polder, nicht umgesetzt würde, weil sich die Anwohner dagegen wehrten, dann würde das Wasser zwar nicht dort, aber vielleicht ein paar Dutzend Kilometer weiter unten haltlos und unkontrollierbar über die Ufer treten.

Und manchmal gehört zu solchen Maßnahmen eben auch, dass Menschen um- oder wegziehen müssen - wie im Städtchen Nijmegen an der Waal. Dort wurden mehr als 50 Häuser aufgegeben, weil eine Engstelle des Flusses mitten in der Stadt erweitert werden musste. 50 Häuser wurden für eine ganze Stadt geopfert: "Wir redeten und redeten so lange, bis wir - hoffentlich - zu einer für alle befriedigenden Lösung gekommen waren", sagt Cor Beekmans, der als einer der Leiter des Gesamtprojekts "Raum für den Fluss" in den ersten Jahren des Projekts ebenso wie seine Kollegen vor allem das getan hat: reden, reden reden. Wichtig war aber auch: "Wir zahlen den Marktpreis", so Beekmans. "Außerdem weiß jeder Betroffene, dass unser Land den Wasserschutz braucht. Auch wenn es für ihn persönlich nicht so angenehm ist."

Als Vertreter der Provinzregierung Ende der 1990er-Jahre zu Stan Fleerakkers kamen, war der Bauer entsetzt. Er hatte damals seinen Hof noch unten im Poldergebiet. Und nun teilten ihm die Regierungsvertreter mit, dass sein Land und sein Hof zu den ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten gehörten. Nun waren die insgesamt 16 betroffenen Bauernfamilien der Region wenigstens informiert; sie begannen sich untereinander auszutauschen, sie organisierten sich. Es wurde ein langer Verhandlungsprozess, der nicht ohne Streitigkeiten und Verzögerungen ablief.

Aber irgendwann entschieden die Bauern gemeinsam mit den Abgeordneten vom Wasseramt, mit den Wasseringenieuren und der Regierung, was geschehen sollte. Ein paar von ihnen würden entschädigt werden und wegziehen. Neun Familien würden bleiben - und, das hatten sie verlangt, "höhergelegt" werden, auf extra für sie angelegte Plattformen, eben jenen Terpen.

Das Wasser könnte jetzt kommen

Heute, mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der langen Verhandlungen, nähert sich das Projekt dem Ende. Es wurde tatsächlich im allgemeinen Einvernehmen realisiert: Die Familien sind eine nach der anderen umgezogen. Ein paar haben sich Höfe irgendwo anders im Land gesucht. Ein Bauer ging sogar nach Kanada. Die meisten alten Gehöfte sind bereits abgerissen, die neuen Höfe bezogen. Das Wasser - ja, es könnte jetzt kommen.

Das Besondere am niederländischen Wassermanagement ist wohl, dass alle Bereiche und alle Beteiligten zusammenspielen und einander ergänzen: Bauern ebenso wie Umweltschützer; die Regierung ebenso wie die regionalen, traditionellen Wasserämter. Ingenieure ebenso wie Ökonomen. Besonders ist auch, dass das System langfristig abgesichert ist: per Gesetz sind das Amt eines unabhängigen Deltabeauftragten und ein jährlicher Etat von einer Milliarde Euro festgelegt.

Daran kann kein Wahlkampf, keine Sparmaßnahme rütteln. "Da stehen die Holländer zusammen", sagt stolz Louis van der Kallen vom regionalen Wasseramt Brabantse Delta, in dessen Bereich auch die Terpbauern fallen. "Wir leben mit dem Wasser, und das Wasser lebt in unseren Herzen." Das sagt er so oft und gern, dass man glauben könnte, er ganz persönlich trage die Sorge für den niederländischen Wasserschutz mit sich herum. Aber ein solcher Enthusiasmus scheint ganz typisch zu sein für die vielen Angehörigen der alten Wasserämter.

"Das System beruht auf Solidarität, Flexibilität und Nachhaltigkeit", drückt es Jaap van Steenwijk, Krisenkoordinator im "Wassermanagementzentrum der Niederlande", etwas sachlicher aus. Hier im Zentrum in Lelystad, einer Kleinstadt bei Amsterdam, einem sachlichen Gebäude, das trotz oder vielleicht gerade wegen seines Siebzigerjahre-Charmes erstaunlich modern wirkt, sitzen Hydrologen und andere Fachleute Tag und Nacht vor ihren Bildschirmen und werten die Charts und Daten aus, die hier ständig aus den Niederlanden und ganz Europa eintreffen.

"Die Holländer", sagt Gerd Friedsam vom THW, "haben es leichter, weil sie zentral organisieren. Sie sind schneller." Doch zugleich blickt er ganz hoffnungsfroh auf den deutschen Hochwasserschutz, wartet auf die Initiativen, die nun, nach den letzten Fluten, endlich in Gang kommen sollen. Auch wenn er weiß, wie viel schwerer es wäre, ein ähnlich ganzheitliches Konzept in einem so diversen Land wie Deutschland umzusetzen. "Erklären Sie mal einem Bewohner fern von Überschwemmungsgebieten, warum er für den Deichschutz zahlen soll."

Wenn Stan Fleerakkers eines Tages erfahren sollte, dass er sein Vieh zusammentreiben muss, weil in einer Woche das Wasser kommt, dann erfährt er das auch dank Menschen wie Jasper Stam. Der Hydrologe und "Flussberater" gibt Warnungen heraus, wenn es nass werden könnte entlang der Maas. "Eine Hochwasserwarnung muss stets abgewogen werden", sagt Stam, der so jung aussieht, als sei er frisch von der Uni gekommen, und doch als einer der besten Fachleute hier gilt. "Warnen wir zu viel, glauben uns die Leute beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr. Warnen wir aber zu wenig, könnte das schlimme Folgen haben."

Ein alter Spruch lautet: "Gott erschuf die Welt, aber die Holländer erschufen Holland." Das Erschaffen und Leben aus und mit dem Wasser gilt bis heute. Der Hochwasserschutz der Niederlande ist auf 1250 Jahre angelegt. Die Deiche sind also so hoch und die Polder so groß, dass sie selbst eine derart gewaltige Flut aushalten, wie sie nur alle 1250 Jahre vorkommt. Im Vergleich dazu sind in Deutschland die Deiche und Polder oft nur auf eine kleinere Flut ausgerichtet, wie sie vielleicht alle 200 Jahre eintritt. Vielleicht braucht man hier die ganz große Vorsorge auch nicht.

Stan Fleerakkers ist gerade einem Verein beigetreten, durch den Stadtkinder lernen sollen, wie es so zugeht auf einem Bauernhof: "Damit sie nicht vergessen, wo sie herkommen." In ein paar Monaten wird die Familie Fleerakkers also Schulkindern ihr Leben auf dem gerade errichteten Terp zeigen - so, als hätte sie immer schon dort oben gelebt.

© SZ vom 03.08.2013/mcs
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