Bauanleitung für Mythen:Wie bastelt man sich eine Verschwörungstheorie?

Die US-Regierung steht bekanntlich in Kontakt mit Außerirdischen, die ja auch die Pyramiden gebaut haben. Aber wussten Sie, dass sueddeutsche.de nach der Weltherrschaft strebt?

Markus C. Schulte von Drach

Hätten Sie gedacht, dass die sueddeutsche.de-Redaktion eigentlich der Arm einer geheimen Organisation ist, die die Weltherrschaft übernehmen will?

Nein? Nun, die Steigerung der Reichweite in den vergangenen Jahren ist doch unverhältnismäßig groß, oder?

Es scheint fast so, als verfügten die Redakteure über ein geheimes Wissen, mit dem sie die Menschen auf ihre Internet-Seiten locken. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Aber wer steckt dahinter?

Ein Tipp: Ersetzt man die Buchstaben in sueddeutsche.de durch ihre Nummer im Alphabet (19 21 5 4 4 5 21 20 19 3 8 5 4 5) und sucht im Internet nach dieser Zahlenkombination, ignoriert Links wie den zum ADAC, der Erklärung der Bildschirmdiagonale, das Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften oder die zoll-cm-Umrechung, so stößt man auf die Homepage von . . . bibel-online.de. Genauer handelt es sich um eine Seite mit der Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium.

Natürlich streiten die Redakteure jede außergewöhnliche Beziehung zur Kirche ab. Doch je heftiger sie es leugnen, umso verdächtiger machen sie sich natürlich . . .

Aus Rom hat der Autor den Tipp erhalten, dass ein religiöser Geheimbund in der Bibliothek des Vatikan auf eine verbotene Schrift des Aristoteles gestoßen ist, in der der griechische Philosoph das Rezept für das perfekte Argument niedergeschrieben hat.

Um die Wirkung zu überprüfen setzen die Angehörigen dieses Geheimbundes ihr geheimes Wissen angeblich derzeit ganz behutsam ein. Und zwar mit Hilfe eines bekannten Online-Mediums. Und plötzlich fügt sich alles ganz wunderbar zusammen. Und wer nach weiteren Hinweisen sucht . . . nun, wer suchet, der findet, nicht wahr?

Häufig abstrus, manchmal furchtbar

Eine abstruse Behauptung, klar. Aber auch nicht abstruser, als viele andere Verschwörungstheorien wie die, dass die US-Regierung im Kontakt mit Außerirdischen steht und Aliens die Pyramiden gebaut haben. Oder dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steckt und das Aids-Virus entwickelt hat. Und angeblich sitzen ja Freimauer oder Illuminaten insgeheim an den Schalthebeln der Macht.

Die wohl schlimmste Theorie dieser Art behauptet, dass die Juden nach der Weltherrschaft streben. Noch heute verweist zum Beispiel die palästinensische Hamas auf ein angeblich historisches Dokument, um diese Lüge zu untermauern. Dabei sind diese "Protokolle der Weisen von Zion" erwiesenermaßen eine Fälschung.

Demnach können Verschwörungstheorien weitreichende und furchtbare Folgen haben. Dabei sind sie nicht schwer zu entwickeln. Der Arzt und Autor Thomas Grüter hat eine interessante Liste von zehn Punkten zusammengestellt, die man gewissermaßen als Blaupause nutzen kann.

1. Man sucht sich eine bestimmte Gruppe, die sich angeblich verschworen hat, ein geheimes, meist böses Ziel zu verfolgen.

2. Beobachtungen, die man sich nicht gleich erklären kann oder deren offizielle Erklärung man bezweifelt, werden herangezogen, um die Verschwörungstheorie zu begründen.

3. Die vagen Vermutungen werden mit realen Vorgängen untermauert, die im Sinne der Verschwörungstheorie umgedeutet und ausgeschmückt werden.

4. Alle wissenschaftlichen oder politischen Erklärungsversuche für die Beobachtungen der Verschwörungstheoretiker werden konsequent in Zweifel gezogen.

5. Verschiedene Ereignisse und Beobachtungen, die nichts miteinander zu tun haben, werden im Sinne der Verschwörungstheorie miteinander verbunden.

6. Wahres, Halbwahres, aber auch Unwahres wird schließlich zu einem so komplexen Theorie-Gebilde zusammengebaut, dass es Skeptikern nur noch mit Hilfe mühevoller Recherche möglich ist, die wahren Zusammenhänge zu erklären und Lügen aufzudecken.

7. Man behauptet, die eigentlichen Motive der Personen und Gruppen, die sich verschworen haben, zu kennen und offenzulegen. Über diese der Phantasie entsprungenen Motive lassen sich verschiedene Teile der Verschwörungslegenden verbinden.

8. Zur Unterstützung der Verschwörungstheorie werden bekannte Persönlichkeiten mit Aussagen zitiert, die das Hirngespinst irgendwie zu untermauern scheinen. Besonders gern wird dabei auf historische Personen zurückgegriffen.

9. Die Gegner werden möglichst bösartig dargestellt, um die Bedeutung der Verschwörungstheorie zu betonen. Je furchtbarer die Mittel der Verschwörer und je weitergehend ihr Ziel, umso wichtiger ist es, zu den Eingeweihten zu gehören. Es werden Schwachstellen der Gegner aufgedeckt, damit der Kampf gegen das Böse nicht hoffnungslos erscheint.

10. Man ruft alle verantwortungsbewussten Menschen dazu auf, sich an der Aufdeckung der dunklen Machenschaften zu beteiligen. Darüber hinaus gibt man häufig Hinweise auf weitere bevorstehende Enthüllungen.

Der Politikwissenschaftler Bernd Harder hat mit Hilfe dieser Punkte kürzlich die Verschwörungsstheorie aufgestellt, das sogar die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) insgeheim nach der Weltherrschaft strebt.

Rationale Erklärungen häufig unbefriedigend

Warum aber sind Verschwörungstheorien so erfolgreich? Offenbar empfinden viele Menschen die rationalen, häufig komplizierten oder schwer zu akzeptierenden Erklärungen für das, was auf unserem Planeten vor sich geht, als unbefriedigend.

Darüber hinaus lässt sich vieles auch (noch) gar nicht vernünftig erklären. Und Misstrauen ist ja tatsächlich angebracht, wenn jemand verkündet, Entscheidungen im Sinne anderer oder gar aller zu treffen. Zu oft hat sich gezeigt, dass politische, wirtschaftliche oder religiöse Führer in Wahrheit in erster Linie ihre eigenen Interessen im Auge hatten.

Für den Einzelnen sind die unzähligen Konflikte und Kriege, Terroranschläge, Krankheiten, die Arbeitslosigkeit und das Elend in großen Teilen der Welt kaum zu überblicken und noch weniger zu begreifen.

Wir haben jedoch das Bedürfnis, zu verstehen, was geschieht. Und auch wo dies schwierig ist, tendieren wir dazu, möglichst unkomplizierte Zusammenhänge zwischen einer Ursache und einer Wirkung herzustellen. Darüber hinaus gibt es das Bedürfnis, auch in völlig sinnfreien Entwicklungen wie etwa dem Auftreten des HI-Virus einen Sinn zu finden.

Verschwörungstheorien nun befriedigen das Misstrauen und stellen vordergründig schlüssige, leicht zu verstehende Zusammenhänge her. Deshalb sind sie attraktive Erklärungsalternativen. Und wer glaubt, die "Wahrheit" erkannt zu haben, wer glaubt, zu wissen, wo das Böse tatsächlich lauert, der fühlt sich etwas sicherer. Außerdem betrachten sich Anhänger von Verschwörungstheorien häufig als "Eingeweihte" und damit als etwas Besonderes.

Eine große Gefahr ist jedoch, dass sie auf der Grundlage einer Verschwörungstheorie einen Sündenbock finden, der für verschiedene Miseren verantwortlich sein soll. Und häufig wird ein solcher Sündenbock verfolgt, wie zum Beispiel das Schicksal der Juden gezeigt hat und noch immer zeigt.

© sueddeutsche.de
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