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Die Folgen des Klimawandels:Solches Unheil droht der Welt

Dass der Klimawandel schuld am Taifun "Haiyan" ist, wird sich nicht beweisen lassen. Aber der Wirbelsturm demonstriert, was vielen Menschen in Zukunft noch häufiger droht, wenn die Kohlendioxidemissionen nicht zurückgehen. Für die UN-Klimakonferenz in Warschau ist er ein Signal.

Eine Analyse von Markus C. Schulte von Drach

Es ist, als hätte jemand ein Drehbuch entworfen, um die Bedeutung der Klimakonferenz in Warschau zu betonen: Während sich Delegierte aus allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in Polen treffen, um über den Klimawandel und seine drohenden Folgen zu diskutieren, hat der Taifun Haiyan auf brutale Weise demonstriert, was extreme Wetter anrichten können. Und extreme Wetter, da sind sich die Klimaforscher einig, werden in Zukunft zunehmen. Die Katastrophe, die die Philippinen derzeit heimsucht, sei eine der ernüchternden Realitäten, die sich aus der Erderwärmung ergäben, sagte die Generalsekretärin der UN-Klimakonferenz, Christina Figueres.

Tatsächlich spiegelt das Schicksal der Menschen in den von Haiyan zerstörten Gebieten wider, worauf sich die Bevölkerung in anderen Regionen der Erde ebenfalls einstellen muss. Doch furchtbare tropische Wirbelstürme gibt es nicht erst seit der industriellen Revolution und der zunehmenden Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre. Auch waren die Folgen einiger Stürme in der Vergangenheit schlimmer als die, unter denen die Menschen auf den Philippinen nun leiden - so furchtbar sie auch sind.

Es kommt nicht nur darauf an, wie stark ein Sturm letztlich ist, sondern ob er bewohnte Gebiete erreicht und wie empfindlich diese sind. So tötete etwa der Zyklon Bhola, der deutlich schwächer war als der Taifun Haiyan, 1970 mehr als 300.000 Menschen vor allem im extrem flachen Gebiet des Ganges-Delta an der Küste Ostpakistans (das heutige Bangladesch).

Aber über drei Punkte dürfte in Warschau trotzdem Einigkeit herrschen:

  • Tropische Wirbelstürme werden vielleicht nicht an Zahl, aber an Stärke zunehmen, warnt der Weltklimarat IPCC. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Menschen in Bangladesch nicht unbedingt damit rechnen müssen, dass sie häufiger von Zyklonen heimgesucht werden als bisher. Aber die kommenden Zyklone könnten stärker sein als Bhola vor 43 Jahren. Und das Gleiche gilt auch für alle anderen Regionen, in denen tropische Wirbelstürme auftreten. Dazu kommt, dass der Meeresspiegel steigt. So berichtet die Meteorologieorganisation der UN, die WMO, gerade von einem neuen Rekordanstieg: 3,2 Millimeter im Schnitt pro Jahr seit 1993 - das ist doppelt so viel wie der Jahresschnitt über das 20. Jahrhundert. Ein höherer Meeresspiegel aber macht Küstengebiete noch anfälliger für Sturmfluten, warnt die WMO.
  • Verheerende tropische Wirbelstürme sind kein neues Phänomen. Es wäre Zeit gewesen, sich besser auf sie vorzubereiten. Ansätze dazu gibt es. So existieren in Bangladesch zum Beispiel sogenannte Cyclone Shelter, eine Art Betonbunker auf Stelzen, in denen die Menschen Schutz suchen können. Thomas Hirsch von "Brot für die Welt" zufolge aber haben bislang nur zehn Prozent der Betroffenen Zugang zu solchen lebensrettenden Schutzräumen. Es fehlte und fehlt am Geld. Auch auf den Philippinen gibt es Schutzunterkünfte und ein Frühwarnsystem. Doch die Maßnahmen haben nicht ausgereicht, um zu verhindern, dass bei dem Sturm Hunderte Menschen starben.
  • Außerdem sind stärkere tropische Wirbelstürme und Überschwemmungen nur eine Folge des Klimawandels. Andernorts drohen Wassermangel und Dürren, Hungersnöte, Überflutungen. Millionen Menschen werden dann in den kommenden hundert Jahren ihren Lebensraum verlieren, es wird zu riesigen Flüchtlingsströmen kommen. Neue Konflikte und Kriege sind zu befürchten. Die direkten und indirekten Folgen des Klimawandels werden deshalb nicht nur die Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern auch die Industrieländer zu spüren bekommen.

Wir befinden uns also in einer Art "Rüstungswettlauf". Auf der einen Seite steht das Wetter, das wir mit den weiterhin zunehmenden Emissionen insbesondere von Kohlendioxid immer extremer machen. Auf der anderen Seite versuchen die Länder, die von diesem Wetter bedroht sind, sich dagegen zu wappnen.

Die Katastrophe auf den Philippinen taugt deshalb selbst dann zum Warnsignal, wenn sich nicht beweisen lässt, dass Haiyan eine Folge des Klimawandels ist. Es ist eine Demonstration dessen, womit wir in Zukunft rechnen müssen. Es wurde schon zu lange über Fragen diskutiert wie: Findet der Klimawandel überhaupt statt? Sind die Menschen dafür verantwortlich? Ist dieses Hochwasser, ist jener Sturm darauf zurückzuführen? Diese Diskussion muss endlich beendet werden.

Das Kyoto-Protokoll genügt nicht mehr

Jetzt darf es nur noch um zwei Dinge gehen: Erstens darum, dass das Wetter tatsächlich nicht länger durch Treibhausgase immer extremer wird, sondern dass die Emissionen abnehmen. Diese Forderung ist alt. Nur sind wir ihr bislang überhaupt nicht nachgekommen, vor allem nicht global. Die Emissionen steigen und steigen und es ist fraglich, ob es uns gelingen wird, die Erderwärmung auf jene maximal zwei Grad zu beschränken, von denen die Wissenschaftler hoffen, dass sie das Weltklima verkraftet.

Die Industrieländer aber lehnen weiterhin die historische Verantwortung für den Klimawandel ab, obwohl der größte Anteil des zusätzlichen Kohlendioxids in der Atmosphäre aus ihren Schloten stammt. Und die Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien beanspruchen zu Recht mehr Wohlstand für ihre Bevölkerungen und wiederholen deshalb viele Fehler der Industrieländer.

Zum Zweiten geht es darum, Länder, die von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sind, zu unterstützen. Dafür gibt es bereits das Versprechen der Industrienationen, 100 Milliarden Dollar pro Jahr für den Green Climate Fonds zur Verfügung zu stellen, um insbesondere den Entwicklungsländern zu helfen. Aber genau wie bei der Diskussion um die Reduzierung der Treibhausgasemissionen möchte hier kein Land seiner Bevölkerung eine größere Belastung zumuten.

Wer also reduziert wie viel Emissionen? Wer gibt wie viel Geld für die Schutzmaßnahmen in anderen Ländern? Es ist zu befürchten, dass die Delegierten auf diese Fragen auch diesmal keine vernünftigen Antworten finden werden.

Ganz zu schweigen davon, dass die einzig gerechte Lösung Realität werden könnte. Gleiche Emissionsrechte für alle Länder - und zwar pro Einwohner. Derzeit bläst zwar China die weltweit größte Menge CO2 in die Luft. Seine Einwohner haben jedoch pro Kopf deutlich weniger zu verantworten als etwa jeder Deutsche oder US-Amerikaner. Obwohl die Forderung nach gleichen Emissionsrechten für alle von Indien wiederholt gestellt wurde und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 sie als G8-Präsidentin unterstützte, ist sie auf den Weltklimakonferenzen nie ernsthaft diskutiert worden. Dabei wären damit Klimasünder wie die USA gezwungen wären, ihre Emissionen so weit zu reduzieren, dass der Ausstoß endlich auch global gesehen zurückgehen würde.

Stattdessen geht es seit 1997 - seit das Kyoto-Protokoll verabschiedet wurde - darum, dieses Protokoll um- und fortzusetzen, obwohl es ganz offensichtlich nicht ausreicht. Die globalen Kohlendioxidemissionen haben trotz der Beschränkungen, die sich eine Reihe von Ländern im Rahmen des Kyoto-Protokolls selbst auferlegt haben, nicht ab-, sondern dramatisch zugenommen.

Das Kyoto-Protokoll war Ende der 1990er Jahre ein Durchbruch, da sich große Teile der Weltgemeinschaft erstmals überhaupt verpflichteten, das Klima mit konkreten Maßnahmen zu schützen. Doch lediglich eine Reihe von Industrieländern hat das Protokoll ratifiziert, während wichtige Länder wie die USA und Schwellenländer wie China und Indien sich nicht beteiligen. Kanada, Russland, Japan und Neuseeland sind aus dem Protokoll sogar wieder ausgetreten. Die noch immer beteiligten Länder sind nur für etwa 15 Prozent der globalen Kohlendioxidemissionen verantwortlich.

Inzwischen braucht die Weltgemeinschaft eine echte Alternative zu dem Protokoll mit seinen ganz offensichtlich untauglichen Mitteln. Das Abkommen von Kyoto hat vor allem dazu geführt, dass alle Beteiligten darum feilschen, möglichst wenig für den vereinbarten gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Es ist Zeit für einen Weltklimavertrag, dem dann endlich auch Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien, aber auch Industrieländer wie die USA und Kanada zustimmen können. Ein Abkommen, bei dem sich niemand übergangen oder gar übervorteilt fühlt.

Vielleicht fällt es den Delegierten angesichts der Katastrophe auf den Philippinen leichter, diesen Gedanken zu akzeptieren. Die Hoffnung ist allerdings gering und die Zeit bis zur entscheidenden Klimakonferenz 2015 in Paris nur noch kurz.

© Süddeutsche.de/dmo/gal/bavo

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