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Deutschlands Gesellschaft:Digitalisierung und Globalisierung

Insbesondere führen Digitalisierung und Globalisierung dazu, dass die Lebenswelten und das Wertempfinden der Menschen auseinanderdriften - nicht alle können mithalten, manche werden sozial deklassiert. Insbesondere in der ökonomischen Mittelschicht grassieren Abstiegsängste. Vorbei sind die Zeiten, als die deutschen Soziologen über die nivellierte Mittelstandsgesellschaft stritten, eine Gesellschaft also, in der fast alle zur Mittelschicht gehören. Allein von 2001 bis 2009 sank der Anteil der Mittelschicht von 65 auf 62 Prozent.

Die gesellschaftlichen Veränderungen führen aber selten dazu, dass gestandene Erwachsene ihr Leben neu ausrichten und in ein neues Milieu wechseln. "Wir wissen aus empirischen Studien, dass die Milieuzuordnung nach dem Berufseinstieg relativ stabil ist", erläutert Flaig. Eine typische Milieu-Karriere könnte so aussehen: Wie die Eltern gehört man zunächst der bürgerlichen Mitte an.

Als Student wechselt man ins hedonistische Milieu, die spaß- und erlebnisorientierte moderne Unterschicht. Sie ist eine typische Durchgangsstation, bis man im Berufsleben traditioneller und wohlhabender wird und beispielsweise ins adaptiv-pragmatische Milieu aufsteigt oder gar ins Milieu der Performer, das die Sinus-Forscher als effizienz-orientierte Leistungselite beschreiben.

Allerdings ist sich die Forschung uneins, wie stark die gesellschaftlichen Änderungen tatsächlich sind.

"Deutschland ist aktuell ein ziemlich stabiler Markt", relativiert Sigma-Geschäftsführer Carsten Ascheberg, obwohl er die langfristigen Trends ähnlich sieht. Vor allem aber streiten Soziologen darüber, ob es tatsächlich einen langfristigen Rückgang der Mitte gibt. In den ersten Jahren des Jahrtausends hatte die Ungleichheit zwar deutlich zugenommen, seit 2007 aber wächst die Mittelschicht wieder, und die Einkommensungleichheit - gemessen mit dem Polarisierungsindex des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung - geht schon seit 2006 zurück. Trendwende oder Verschnaufpause?

Allerdings ist die gefühlte Mittelschicht weit größer als jene 62 Prozent, die zur mittleren Einkommensschicht gerechnet werden. Zur oberen Einkommensschicht gehört laut offizieller Statistik ein kinderloses Ehepaar schon, wenn jeder Partner netto 1384 Euro verdient, ein Alleinstehender ab einem Nettoeinkommen von 1844 Euro. Viele Industrie-Facharbeiter gehören damit zur Oberschicht, obwohl sie sich selbstverständlich der Mittelschicht zuordnen würden.

Für die Milieu-Forscher Bodo Flaig und Carsten Ascheberg ist diese ökonomische Diskussion nur bedingt relevant. Denn sozialer Status heißt bei ihnen nicht nur Einkommen und Vermögen, sondern auch Prestige, Bildung und Sicherheit. Entscheidend sei, ob die Mittelschicht sich subjektiv bedroht sieht. Und diese gefühlte Verschlechterung der sozialen Lage wiederum sei weit größer als die reale. "Vereinfacht kann man sich das wie eine Presse vorstellen", sagt Flaig. "Wenn von oben und unten Druck kommt, strebt die Mitte auseinander." Die Mittelschicht bleibt, aber sie wird unterschiedlicher.

Ohnehin wollen alle Mittelschicht, aber kaum jemand will Mitte sein. "Mitte hört sich nach Durchschnitt an", erklärt Carsten Ascheberg vom Sigma-Institut. Das zeigt sich auch am Bedeutungsverlust der klassischen Mitte-Marken, während Premium- und Billig-Marken zulegen konnten. Auch hier deutet sich jedoch eine Trendumkehr an. Durch die Wirtschaftskrise haben klassische Werte wie Vertrauen wieder an Bedeutung gewonnen, vermutet Wolfgang Adlwarth vom Nürnberger Marktforscher GfK.

Fast alle Forscher bestätigen hingegen die These vom Aufweichen der klassischen Wertekataloge. Möglicherweise wird es in Zukunft schwerer werden, überhaupt noch große Milieus festzustellen. Vor allem Jugendliche kombinieren heute traditionelle mit modernen Werten. Sie finden traditionelle Lebensformen wie die Familie wichtig, haben aber kein Problem mit neuen Lebensformen wie der Ehe ohne Trauschein oder homosexuellen Beziehungen. Schon heute rät das Sinus-Institut deshalb davon ab, pauschal verschiedene Milieus zu Obergruppen zusammenzufassen. Dafür sei Deutschlands Gesellschaft einfach zu heterogen geworden.

© SZ vom 22.09.2010/mcs
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