Energiewende und Naturschutz Grünes Dilemma

Ästhetik oder Verspargelung? Naturschützer sind nicht zwingend Fans von Windkraftanlagen.

(Foto: dpa)
  • In einem Report befasst sich das Bundesamt für Naturschutz mit den negativen Folgen der Energiewende für die Umwelt in Deutschland.
  • Vor allem Windenergieanlagen sind durch ihre Größe und Wirkung auf Natur und Landschaft problematisch.
  • Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse soll bis 2050 rund 80 Prozent des deutschen Bedarfs decken.
Von Michael Bauchmüller

Die Ästhetik der Energiewende, sagt Beate Jessel, liege im Auge des Betrachters. Für die einen ist ein Windrad das Symbol sauberer Energie, für andere ein übler Fleck in der Landschaft. "Erneuerbare Energien sind eben Lösung und Problem zugleich", sagt die Chefin des Bundesamtes für Naturschutz. Einerseits etwa dienten sie dem Klimaschutz, was wiederum allen Arten helfe, die vom Klimawandel bedroht sind. Andererseits würden Arten auch durch einen zunehmenden Flächenverbrauch durch Ökostromanlagen bedroht. "Und wir müssen uns im Klaren sein, dass ein beschleunigter Ausbau nötig wird", sagt Jessel. Schließlich sollen Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse bis 2050 rund 80 Prozent des deutschen Strombedarfs decken.

"Die Energiewende darf nicht zu Lasten der biologischen Vielfalt gehen."

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Erstmals hat sich das Bundesamt in einem eigenen Report des grünen Dilemmas angenommen. Demnach sind jetzt schon viele Gegenden Deutschlands durch erneuerbare Energien "überprägt". Durch Windparks im hohen Norden, durch Maisfelder und Biomasseanlagen oder große Photovoltaikanlagen im Süden. Zwar sei die Akzeptanz für die Energiewende nach wie vor groß, sie liege weitgehend konstant um die 60 Prozent. Allerdings ändere sich das häufig bei konkreten Projekten. "Vor allem Windenergieanlagen stehen durch ihre vertikale Dominanz und Wirkung auf Natur und Landschaft im Fokus der Debatte", heißt es in dem Bericht. Dies habe sich auch aus der Untersuchung von 270 Bürgerinitiativen ergeben: Meist ging es da um den Schutz von Heimat.

Hinzukommen faktische Folgen für Umwelt und Natur. Bei Windrädern etwa das Kollisionsrisiko für Vögel, bei großen Freiflächen-Solarparks die Überdeckung von Böden, bei der Biomasse die unguten Folgen von Maismonokulturen. Je abgelegener die Ökoenergie erzeugt wird, desto größer ist zudem der Fußabdruck, der bei der Errichtung der Anlagen entsteht. "Die Energiewende darf nicht zulasten der biologischen Vielfalt gehen", sagt Jessel. "Das ist erreichbar."

Bürger sollten künftig mehr und früher über Ökostromprojekte in ihrer Umgebung mitreden dürfen. Oft sei allein das ein Schlüssel, damit sich Anwohner mit Windrädern in ihrer Umgebung abfinden können. Gleichzeitig müssten naturnahe Landschaften erhalten bleiben, "denn die sind für uns Menschen wichtig", sagt Jessel. In alten, naturnahen Wäldern hätten Windräder so wenig zu suchen wie Photovoltaikmodule über extensivem Grünland.

Stattdessen gebe es viele Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen zu minimieren. So lasse sich Solarstrom vermehrt auf Dächern erzeugen statt in Solarparks, und Windräder ließen sich gezielter dort errichten, wo es möglichst wenige Konflikte mit Natur und Landschaft gibt. Auch ein insgesamt geringerer Energieverbrauch könnte helfen, solche Konflikte zu vermeiden - denn dann braucht es auch weniger Ökostromanlagen. "Natur- und Klimaschutz können und müssen zusammengedacht werden", sagt Behördenchefin Jessel. Einen unauflöslichen Widerspruch gebe es da nicht.

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