Süddeutsche Zeitung

Deutsche Polarstation Neumayer III:Auf Eis gebaut

Lesezeit: 4 min

Leben wie auf einem fremden Stern: Nach zehnjähriger Planung und zwölf Monaten Bauzeit wird die deutsche Polarstation Neumayer III eingeweiht.

Hanno Charisius

Am Mittwoch war der Himmel blau über Mathias Zöllners Arbeitsplatz - klare Luft, nur ein paar Wolken. Gutes Wetter für einen Umzug. Auch die Temperatur war mit minus 18 Grad Celsius moderat, jedenfalls wenn man in der Antarktis Kisten schleppen muss.

Die deutschen Polarforscher auf der Südhalbkugel beziehen in diesen Tagen ihre neue Unterkunft, die Neumayer III Station. Nach zehnjähriger Planung und zwölf Monaten Bauzeit - die lange Winterpause eingerechnet - wird sie an diesem Freitag offiziell eingeweiht.

Für den feierlichen Akt reiste eigens ein Kader deutscher Spitzenforschungsfunktionäre an und auch Forschungsministerin Annette Schavan wird die Veranstaltung begleiten, wenn auch nur über eine aus der Heimat zugeschaltete Satellitenleitung.

"Es ist wichtig, dass die Entscheider vor Ort miterleben, wofür sie sich jahrelang eingesetzt haben", sagt Hartwig Gernandt, der logistische Leiter des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), das die Station im ewigen Eis betreibt. Auch Vertreter von den internationalen Nachbarstationen würden am Freitag auf einen Besuch vorbeikommen.

Für Zöllner ist dieser Freitag ein Tag wie jeder andere. Das ist in seinem Fall nicht bloß eine Redensart. Er wird ein Jahr lang dafür verantwortlich sein, meteorologische Daten aufzuzeichnen. Jeden Tag in der Woche von neun Uhr morgens bis Mitternacht, alle drei Stunden. In dieser Regelmäßigkeit kann auch der Blick zum Himmel um den Bewölkungsgrad zu beurteilen, zur Strapaze werden.

"Die Routine ist eine große Belastung für uns alle", sagt er, "nach einem Jahr schlaucht das sehr." Dazu kommt die Dunkelheit. Zwei Monate lang geht die Sonne gar nicht über der Station auf.

Auch körperlich geht es mitunter zur Sache. Zöllner musste schon während der Polarnacht bei minus 40 Grad einen mit Messfühlern behängten Mast erklimmen, um die frostempfindliche Elektronik zu reparieren. Der Atmosphärenforscher wird zum zweiten Mal einen Winter im Eis verbringen, das machen nur die wenigsten Polarnachterprobten.

Umzugsstress und hoher Besuch werden Zöllner nicht von seinen Pflichten abhalten. Es gilt, die Datenreihen über Jahrzehnte hinweg lückenlos zu halten. Der Klimaforschung und der Verbesserung von Wetterprognosen soll die Arbeit der deutschen Niederlassung in der Antarktis dienen. Außerdem dürfen nur Staaten in der Antarktis mitbestimmen, die dort Forschung betreiben, so regelt es ein internationales Vertragswerk von 1961.

Seinen ersten antarktischen Winter verlebte Zöller vor vier Jahren noch in der alten Neumayer-Station, die gerade sechs Kilometer nördlich vom Neubau im Ekström-Schelfeis versinkt. Dass Neumayer II untergehen würde, war von Anfang an geplant. Jedes Jahr in der Antarktis bringt bis zu einen Meter Schneezutrag. Nach 16 Jahren Nutzung liegt die alte Station heute 15 Meter unter der Eisoberfläche. In dem röhrenförmigen Stahlkomplex sei kein zuverlässiger Betrieb mehr möglich, sagt Zöllner.

Zurzeit werden die letzten technischen Geräte aus der Katakombe geholt, dann überlassen die AWI-Forscher sie ihrem Schicksal. Sie wird einfrieren und irgendwann mit einem Eisberg von der 200 Meter dicken Schelfeisplatte, die sich mit einer Geschwindigkeit von 150 Metern pro Jahr Richtung Meer schiebt, abbrechen und schließlich versinken.

Damit Neumayer III nicht auch im Eis versinkt, haben die Konstrukteure sie auf 16 hydraulische Stahlbeine gestellt. Einmal im Jahr werde sie neu austariert, erklärt Gernandt, der das Konzept gemeinsam mit Dietrich Enss, einem Hamburger Experten für Polarbauten, entwickelt hat. Mit Hilfe der Hydraulik im Kellergeschoss wird ein Bein nach dem anderen angehoben um Schnee darunter zu schieben. Danach senken die Techniker die Stahlstützen wieder und schieben die gesamte Station bis zu einen Meter in die Höhe.

So wird zugleich die Spannung aus dem Stahlskelett der Station genommen, die durch Bewegungen des Schelfeises im Untergrund entsteht. Ohne diese Ausgleichsmaßnahme würde die Station nach einiger Zeit wahrscheinlich von den Scherkräften zerrissen werden. Schnee sei eben kein optimaler Baugrund, sagt Gernandt.

Für den Fall, dass eines der eisigen Fundamente nachgibt, sei ein automatisches Stabilisierungssystem eingebaut, das die Forschungsplattform austariert, indem es die entsprechende Stütze ausfährt. Um Wind und Schneedrift weniger Angriffsfläche zu bieten, wurde der oberirdische Teil der Station zudem auf sechs Meter hohe Stelzen montiert.

Die mitwachsende Polarstation wurde allerdings nicht bloß konzipiert, um die Betriebszeit auf wenigstens 25 Jahre auszudehnen. Es ging auch um Umweltschutz: "Eine versinkende Röhre hätte das Umweltbundesamt wahrscheinlich gar nicht mehr genehmigt", sagt Zöllner.

Die neue Station ist rückbaubar bis zur letzten Schraube. Auch während des laufendes Betriebes soll sie möglichst keine Spuren hinterlassen. Deshalb wird das Abwasser biologisch geklärt und für die Toilettenspülung wiederverwendet. Die Reste aus der Kläranlage werden getrocknet und zusammen mit dem anderen Müll wieder mit nach Hause genommen. Und obwohl die Station nun nicht mehr geschützt im Eis liegt und wesentlich größer ist als die alte, braucht sie nur 30 Prozent mehr frostfesten Diesel für die drei Blockheizkraftwerke, die Wärme und elektrischen Strom liefern.

Alles sei so ausgelegt, dass NeumayerIII samt Besatzung zwei Jahre lang autark im Eis überleben könnte, sagt Gernandt, "für alle Fälle". Dafür wurden 300 Tonnen Brennstoff plus weitere Reserven in Tankschlitten auf dem Eis deponiert.

Der Stationskoch Tamer Kazanc aus Hamburg hat die Verantwortung dafür, dass auch die Lebensmittelvorräte so lange reichen. Im März wird ein letztes Flugzeug noch einmal 200 Kilogramm Frischproviant bringen, danach sind die neun Überwinterer bis zum südpolaren Frühling im kommenden November von der Außenwelt abgeschnitten. Wenn dann das Wetter wieder besser geworden ist, kommen "die Sommergäste", berichtet Zöllner. Dann leben bis zu 50 Forscher auf der Station.

Neben den Wissenschaftlern sind auch Techniker dabei, die ausschließlich arbeiten, um das Überleben in der Wildnis zu sichern. Auch wer forscht, müsse sich an allgemeinen Aufgaben beteiligen, sagt Zöllner, dazu gehöre der Putzdienst genauso wie die Müllentsorgung. Der Arbeitsaufwand insgesamt für den Betrieb der Station und die Forschung sei immerhin fast hälftig aufgeteilt, erklärt Gernandt, "so ein gutes Verhältnis hat keine andere Station, die das ganze Jahr über bewohnt wird."

Das Zusammenleben vieler Menschen auf begrenztem Raum sei ein weiterer Stressfaktor, erzählt Zöllner. Es sei wichtig, Achtsamkeit für die Gruppe zu entwickeln. Außer seiner Familie vermisst er nichts im ewigen Eis. Der Ort sei so außergewöhnlich, dass er wenig Aufmerksamkeit für andere Dinge habe. "Es ist der Ort mit seinen bizarren Formen und mit der ursprünglichsten und lebensfeindlichsten Landschaft auf unserem Planeten."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.472773
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.