Der Mann und sein Unterleib:Schmerz, sei still

Tim Parks, der durch und durch rationale britische Autor, hat ein quälendes, aber großes Buch über seine Leiden und seine Odyssee zur Selbsterkenntnis geschrieben.

Alex Rühle

Es gibt ja diese Meditationsmeister, die Schüler erstmal ein paar Wochen vor dem Kloster stehen lassen, in Schneematsch, Wind und Einsamkeit, um zu sehen, ob die Neulinge es wirklich ernst meinen. Vielleicht wollte Tim Parks mit seinen Lesern einen ähnlichen Test anstellen. Wie auch immer - die ersten 160 Seiten dieses Buches sind eine ziemliche Qual. Eine Altmännerqual.

Tim Parks

Der britische Autor Tim Parks.

(Foto: dpa)

Der britische Schriftsteller, der seit Jahren in Italien lebt, muss immer öfter nachts raus. Es tröpfelt nur noch kümmerlich, dazu quälen ihn Schmerzen im Unterleib. Aus Angst vor Prostatakrebs beginnt er eine Odyssee durch die Schulmedizin, verschiedene Ärzte untersuchen ihn, finden jeweils nichts, raten aber jedes Mal zu irgendwelchen Operationen.

Er fängt an obsessiv im Netz herumzusurfen, gibt das Trinken und Rauchen auf, nimmt Tabletten - nichts hilft, im Gegenteil, er muss noch öfter raus und die diffus quälende Krankheit breitet sich in jedem Winkel seines Lebens und seiner Psyche aus. All das schreibt Parks sehr ehrlich auf, führt einen dabei aber tiefer und länger in seinen Darm, seine Prostata und all die umliegenden dunklen Gebiete ein, als einem lieb ist. Es gibt da Diagramme, die einen beim Lesen instinktiv die Luft zwischen den Zähnen einziehen lassen, es gibt Details über Analmassagen, die - nein? Nicht weiter? Es reicht? Eben.

Trotzdem: Dies ist ein großes Buch. Zum einen, weil da ein älterer Mann den Mut dazu hat, zunächst rückhaltlos über beschämende und deshalb tabuisierte Beschwerden zu schreiben. Vor allem aber kommt er im weiteren Verlauf seiner Suche nach Erlösung in Gebiete, die er bislang belächelt, wenn nicht verachtet hat:

Tim Parks, der durch und durch rationale Autor, der von seinen anglikanischen Eltern die Verehrung für wissenschaftliche Welterklärungsmodelle und die inbrünstige Verachtung für allen Esoterikquark geerbt hat, der spöttische Vollblutskeptiker, über dessen Prosa Will Self schrieb, sie klinge immer so, "als raune sie dem Leser zu, du und ich wir verstehen einander hervorragend und indem wir uns so gut verstehen, werden wir auch diese verrückte Welt intellektuell in den Griff bekommen", ausgerechnet dieser Autor wird am Ende durch Vipassana, eine Form der Atemmeditation geheilt.

Der Körper? Statt Orangen sind Organe in der Tüte

Auf seiner Suche stößt Parks zunächst auf das Buch zweier amerikanischer Ärzte, die genau seine Symptome beschreiben und sagen, der Grund für seine Leiden sei eine simple Beckenbodenverspannung. Weil er, wie die meisten von uns, seinen Körper nur als ein Vehikel sieht, das man mit sich rumschleppt wie eine vollgestopfte Alditüte. Statt Orangen sind halt Organe drin, dazu ein Haufen Fleisch und Knochen. Weil er, wie die meisten von uns, diesen Sack voll Leben jeden Morgen achtlos auf einen Stuhl setzt, um zu arbeiten, was in seinem Falle heißt: Die Welt in Worte zu fassen.

Der Rat der beiden Ärzte, der ihn auf seine Reise in die Stille schickt: Statt die Schmerzen wegzudrücken, soll er sich auf eine merkwürdig paradoxe Art und Weise mit ihnen beschäftigen, indem er sich auf eine Stelle im Körper konzentriert und dabei nicht versucht sie zu entspannen. "Okay, ich versuch's, dachte ich. Oder vielmehr, ich versuch's nicht. Ich versuche, es nicht zu versuchen."

Das obsessiv Zwanghafte seines Charakters, das ihn über Jahrzehnte (und den Leser dieses Buches über die ersten 160 Seiten) gequält hat, hilft ihm nun, denn er vergräbt sich immer tiefer in dieses paradoxe Problem, bewusst den Kopf abzuschalten, wortlos wachsam zu sein. So stößt er auf den amerikanischen Meditationsmeister John Coleman und meldet sich an zu einer einwöchigen Vipassana-Meditation.

Die Beschreibung dieser Woche gehört zum Schönsten, was je über Meditation geschrieben wurde, weil es zum einen vollkommen unesoterisch und ohne den narzisstischen Sound so vieler Selbstfindungsbücher daherkommt. Zweitens beschreibt er mit all seinem schriftstellerischen Können, seinem Sinn für ätzenden Humor und seiner trockenen Selbstironie, wie grauenhaft schwer es ist einfach mal stillzusitzen, angefangen von den brennenden Schmerzen in den Knien, über die Gedanken, die wie ein lärmender Vogelschwarm durch seinen Geist flattern, bis hin zu den hartnäckigen Egoplustereien.

Vor allem aber zeigt er auf fast schon pathetische - aber eben nie falsch klingende - Art und Weise, wie da quasi in ihm selbst ein neuer Mensch zur Welt kommt: "Irgendetwas an diesem Stillsitzen, am Entleeren des Geistes, am Eliminieren der Selbstbezogenheit, am Sicheinlassen auf das eigene Fleisch und Blut, etwas an dem leisen Atmen und den langen Stunden, in denen man einfach hier war (...) führte dazu, dass man irgendwann sein Herz öffnete. - Da! Jetzt habe ich Worte benutzt, die mich normalerweise erschauern lassen."

Es ist diese immer wiederkehrende Kippfigur einer tiefen Erfahrung, die im selben Moment skeptisch, ja fast ungläubig unter die Lupe genommen wird, die das Buch so angenehm macht.

Dass er John Coleman während der Meditationswoche zunächst als fetten Schwätzer skizziert, ihm am Ende aber sein Buch widmet, spricht da Bände. Parks bemerkt, dass er durch das Beschreiben der Welt sich diese ein Leben lang vom Leib gehalten hat und beschreibt, wie schwer es für einen Autor ist, der all seine Lebenskraft darauf verwendet hat Dinge zu verbalisieren, genau mit dieser Arbeit aufzuhören. Aber er wird belohnt. Nicht nur durch seine Gesundung, sondern durch einen fundamental anderen Blick auf das Leben. Man darf gespannt sein, ob diese Veränderung nur Klimax eines einzelnen, schönen Buches war, oder ob diese Erfahrung tatsächlich ausstrahlen wird auf sein weiteres Schreiben.

TIM PARKS:

Die Kunst stillzusitzen

Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung

Aus dem Englischen von Ulrike Becker

Kunstmann Verlag, München

368 Seiten

24,90 Euro.

© SZ vom 21.10.2010/mcs
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