Der Gau in Majak Ewiges Feuer in der geheimen Stadt

In der Atomfabrik Majak arbeiten heute 14.000 Menschen - aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die radioaktiven Altlasten beseitigt sind.

Von Heinz-Jörg Haury

Noch vor zehn Jahren gab es kein einziges Schild auf der Strecke von Jekaterinburg nach Tscheljabinsk, das auf Osjorsk mit seinen immerhin 85000 Einwohnern hingewiesen hätte.

Die Plutoniumfabrik Majak heute.

(Foto: Foto: Google Earth)

Die Existenz der Stadt wurde ebenso geheim gehalten wie ein halbes Dutzend weiterer Orte mit Nuklearanlagen, die als Namen nur Postleitzahlen benutzten: Tomsk-7, Krasnojarsk-26 oder Tscheljabinsk-70. Dabei hatte die damalige Sowjetunion bereits 1989 eingeräumt, dass im Werk Majak bei Osjorsk im Jahr 1957 ein Unfall geschehen war, der gewaltige Mengen Radioaktivität freigesetzt hatte.

Bis heute aber ist ein Besuch der Stadt nur auf ausdrückliche Einladung und mit Genehmigung durch mehrere Behörden möglich, darunter durch den russischen Geheimdienst. Insbesondere Ausländer gelangen daher kaum in die Stadt, die Erlaubnis setzt schon die Teilnahme an einem internationalen Forschungsprojekt oder Ähnliches voraus.

Osjorsk, einstmals Tscheljabinsk-40, entstand als eine der ersten Städte ihrer Art im September 1946. Als Gründer gilt der berüchtigte Chef der sowjetischen Geheimdienste, Lawrenti Berija.

Sie war Heimat der rund 40.000 Strafgefangenen und Soldaten, die die Betriebe der russischen Atombombenproduktion bauten. Auf dem Gelände standen unter anderem sieben Reaktoren, eine chemische Anlage zur Trennung des spaltbaren Materials sowie eine metallurgische Einrichtung, um das gewonnene Plutonium für Atombomben vorzubereiten. Die radioaktiven Grundstoffe des ersten russischen Nuklearsprengkörpers, der 1949 getestet wurde, stammten aus dieser Produktionsanlage.

Gefangen in traumhafter Lage

Nach den Gefangenen und Soldaten zog die russische Technik-Elite nach Osjorsk. Eine Ausreise war für die Bewohner bis Mitte der 1950er Jahre nicht möglich. In traumhafter Lage an einem See mit Blick auf die Berge des Urals gelegen, ist die Stadt noch heute von Grenzbefestigungen umgeben, der Betrieb Majak von mehreren Zäunen umschlossen und von Soldaten bewacht.

Die Arbeit in Majak hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert. Die Produktion von Bombenplutonium wurde 1988 eingestellt, 1990 der letzte der fünf zur Plutoniumproduktion bestimmten Reaktoren stillgelegt. In der Hochphase der Produktion des Bombenmaterials waren bei Majak, dem damals einzigen Arbeitgeber von Osjorsk, rund 25.000 Menschen beschäftigt. Heute hat das Unternehmen noch rund 14.000 Mitarbeiter, die angeblich nur noch in sehr kleinem Umfang militärische Arbeiten durchführen.

Genaue Information dazu gibt es nicht. Im chemischen Betrieb werden Brennelemente russischer Kernkraftwerke, aus Forschungs- und U-Boot-Reaktoren aufgearbeitet. Die Anlage ist zu weniger als 25 Prozent ausgelastet. Mit Hilfe der Wiederaufarbeitung und der beiden noch verbliebenen Reaktoren werden Isotope für Industrie, Medizin und Wissenschaft hergestellt, die international angeboten und verkauft werden. Majak gehört auf diesem Gebiet zu den größten Anbietern weltweit.

Gemeinsam mit den USA haben Ingenieure hier Techniken entwickelt, um Waffenplutonium so zu verarbeiten, dass es als Brennstoff für Kernreaktoren taugt. So wird es auch an die USA verkauft. Ein weiteres gemeinsames Projekt behandelt die sicherere Lagerung von Spaltmaterial.

Die Kosten beider Programme liegen bei mehreren Milliarden Dollar und werden von den USA getragen. Eine eigene Entwicklung von Majak ist dagegen die Verglasung hochradioaktiver Abfälle. Der fünfte Ofen, um Atommüll in Glas einzubetten, ist im Bau.

Mehr Abfall als nach Tschernobyl

Insgesamt befinden sich auf dem Gelände von Majak laut offiziellen Angaben radioaktive Abfälle, die das Vielfache der in Tschernobyl freigesetzten Menge ausmachen. Dort gelangten etwa zwölf Exabecquerel in die Umwelt, also Material, das jede Sekunde zwölf Milliarden Milliarden radioaktive Zerfälle erzeugte. In Majak lagern 17 Exabecquerel

verglaster Abfälle, neun Exabecquerel flüssige Abfälle und vier Exabecquerel in Eisen- und Aluminiumgemischen, die sicher entsorgt werden müssen.

Weitere vier Exabecquerel hauptsächlich des langlebigen Isotops Cäsium-137 befinden sich im nahe gelegenen Karatschai-See. Er muss in den kommenden Jahren abgedichtet werden, um das Eindringen radioaktiver Stoffe in tiefere Schichten und ins Grundwasser zu verhindern.

Auch am Fluss Techa, in den Majak viele Jahre lang radioaktive Abfälle eingeleitet hat, müssen die Spuren eingedämmt werden. Zur Sicherheit der Anwohner wurden drei Rückhaltebecken gebaut, in denen sich ebenfalls große Mengen radioaktiver Stoffe befinden. Daher müssen sich die Mitarbeiter von Majak nicht um ihre Arbeitsplätze sorgen. Die Eindämmung der ökologischen Folgen der Nuklearproduktion wird Tausende Menschen beschäftigen und Milliarden Euro kosten.

Der Autor ist Sprecher des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit. Er ist einer von wenigen Deutschen, die in Majak Zutritt bekamen.