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Der Ethiker:Sollen Väter die neuen Mütter sein?

Der Philosoph Volker Gerhardt klärt die Argumente der Wissenschaftler und Politiker: Was sollen und was dürfen sie verlangen? Diesmal: Philosophische Auskünfte zur Kindererziehung.

Das Elterngeld ist ein Erfolg. Ein kleiner finanzieller Anreiz und eine kurze Entlastung von der beruflichen Arbeit reichen offenbar aus, Paaren die Entscheidung für ein Kind zu erleichtern. Nach der Einführung des Elterngelds wurden im vergangenen Jahr ein bis zwei Prozent mehr Babys geboren als in den Vorjahren - das ist in Zeiten üblicherweise sinkender Geburtenzahlen eine ansehnliche Steigerung. Sogar die besorgten Bevölkerungswissenschaftler, die für kinderlose Paare schon Steuererhöhungen und Arbeitsdienste in Kinderheimen gefordert haben, können sich damit zufriedengeben.

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Das Talent zum Erziehen ist für Gerhardt nicht nach Geschlechtern verteilt.

(Foto: Foto: AP)

Ein positiver Effekt der neuen Regelung ist auch die gestiegene Verantwortungsbereitschaft der Männer. Etwa zehn Prozent aller Anträge auf Elterngeld stammen von den Vätern. Zwar lassen sich die meisten von ihnen nur zwei Monate von der Arbeit freistellen, um für ihr Kind zu sorgen, während die Frauen ihrem Beruf sehr viel länger entsagen.

Aber es ist ein Anfang. Der Anteil der Männer dürfte in Zukunft wachsen, auch wenn nicht anzunehmen ist, dass er den der Frauen übersteigen wird. Auf welchem Niveau sich die Verteilung der Geschlechter in der Elternzeit einpendelt, sollten wir gelassen abwarten. Das Engagement der Väter ist ohnehin kein Erfolg feministischer Kampfparolen oder gar der neuen Gender Studies, die jeden Unterschied zwischen Mann und Frau als Folge gesellschaftlicher Herrschaft deuten.

Ergebnis der Frauenbewegung

Die tief greifende Veränderung im Verhältnis der Geschlechter, die sich auch in der neuen Vaterschaft ausdrückt, hat sich unabhängig von den aktuellen politischen Fronten entwickelt. Sie ist das Ergebnis der Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Überzeugung von der Gleichheit von Mann und Frau inzwischen ins allgemeine Bewusstsein durchgesickert ist.

Mehr als alle Philosophie aber trägt der medizinische Fortschritt zur Gleichstellung von Mann und Frau bei. Er ermöglicht Frauen nach einem erfolgreichen Eintritt ins Berufsleben noch relativ spätes Mutterglück. Wenn es eine gute medizinische Versorgung gibt und Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, sind die Philosophen mit ihren ausgefeilten Argumenten für mehr Gleichberechtigung gar nicht nötig. Aber vielleicht sind die Philosophen aus einem anderen Grund doch gefragt?

Womöglich ist die Umwälzung des Geschlechterverhältnisses, die sich binnen weniger Jahrzehnte vollzogen hat, zwangsläufig mit einem Verfall der Werte verbunden: Werden Männer vielleicht unmännlich? Gerät unsere Gesellschaft, die lang patriarchalisch geprägt war, aus den Fugen?

Das sind abwegige Spekulationen. Aus der Sicht der Ethik, die Sokrates unter Berufung auf Selbsterkenntnis und Selbstherrschaft begründet hat und der Kant das Ziel der Selbstbestimmung gab, spricht alles eher für das Gegenteil: Die Menschen lösen sich mit guten Gründen von den vorgegebenen Rollen und richten sich nach eigener Einsicht in veränderten Realitäten ein.