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Der Ethiker:Dürfen wir Nahrung als Treibstoff nutzen?

Philosoph Volker Gerhardt klärt die Argumente der Wissenschaftler und Politiker: Was sollen und was dürfen sie verlangen? Diesmal: der Umgang mit Naturprodukten.

Es hätte so schön sein können! Noch ehe die fossilen Brennstoffe zur Neige gehen, findet die Wissenschaft einen ständig nachwachsenden Ersatz, nämlich Raps, Mais, Weizen oder Kokospalmen. Die Früchte werden zu Treibstoff verarbeitet und befreien die Menschheit von einer seit Jahrzehnten wachsenden Furcht um ihre Zivilisation, die von Erdöl, Kohle und Gas abhängig ist.

Nahrungsmittel Weizen: zu wertvoll zur Nutzung als Kraftstoff?

(Foto: Foto: dpa)

Gewiss, der Energieaufwand für die chemische Umwandlung der Pflanzen in Treibstoff ist noch hoch. Und auch die Emissionen bei der industriellen Aufbereitung der Früchte sind bedenklich. Dennoch hatte sich die deutsche Politik bereits auf diese fantastische Lösung des Ressourcenproblems eingestellt.

Steuervergünstigungen und technische Korrekturen an den Motoren sollten dem Biodiesel zu einer starken Marktstellung verhelfen. Ein Novum war auch, dass es diesmal keine ethischen Bedenken gab. Wenn Kartoffeln schon seit Jahrhunderten zu Leim verarbeitet und aus ölhaltigen Pflanzen Schmierstoffe gewonnen werden, kann niemand etwas gegen Treibstoff aus Feldfrüchten einwenden.

Zwar soll man mit Nahrungsmitteln nicht leichtfertig umgehen; Kinder ermahnt man zu Recht, mit dem Essen nicht zu spielen. Aber es gibt keine ethische Pflicht, ein Naturprodukt für alle Zeiten auf einen einzigen Nutzen festzulegen. Schließlich dienen die Treibstoffpflanzen der Erhaltung der Menschheit auf einem Lebensniveau, das - zumindest in Deutschland - als Existenzminimum gilt.

Doch der schöne Traum ist geplatzt, denn inzwischen ist klar, dass die bereits mit technischem Erfolg praktizierte Produktion von Biosprit die Nahrungsmittelpreise weltweit steigen lässt. Zwar können gezielte Subventionen zunächst das eigene Land vor größeren Schäden bewahren, doch stellt ein solches Vorgehen die ärmeren Regionen der Erde, in denen ohnehin schon Hunger herrscht, vor unlösbare Probleme: Es ist nicht allein der steigende Weltmarktpreis, den die Menschen in Afrika, Asien oder Südamerika kaum aufbringen können.

Die gestiegene Nachfrage nach dem neuen Rohstoff führt gerade in den ärmsten Ländern zur rapiden Veränderung der Landwirtschaft. Regenwaldrodung und Bodenerosion werden beschleunigt, Bauern verlieren ihre Existenz, und für den täglichen Bedarf wird kaum noch produziert. Aber auch die reichen Länder werden in Mitleidenschaft gezogen, denn die Kostenexplosion ist durch Subventionen vermutlich gar nicht aufzufangen.