Der Neandertaler lebt

Die Neandertaler nutzten schon das Feuer und trugen selbstgemachte Kleidung.

(Foto: mauritius images)

Im Jahr 1856 wurden in Deutschland die Überreste eines Neandertalers entdeckt. Lange war umstritten, ob er mit dem Homo sapiens Nachkommen gezeugt hat.

Von Josef Schnelle

Die Schönheit des romantischen Tals der Düssel in Mettmann war längst passé. Auch daran, dass hier der Komponist Joachim Neander Erbauungsversammlungen abgehalten hatte, erinnerte nur noch der Name der Schlucht, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts ihm zu Ehren "Neandertal" hieß. Sein bekanntestes Lied "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" wird noch heute gesungen.

Neander zog sich in die Höhlen der bizarren Schlucht gelegentlich auch zum Meditieren und Komponieren zurück. Etwas muss ihn dort spirituell ergriffen haben.

Der Nimbus einer verzauberten Kultstätte ging 1856 im Neandertal im Lärm des Abbaus von wertvollem Kalkstein unter. Ein italienischer Gelegenheitsarbeiter spürte plötzlich etwas Ungewöhnliches unter der Spitzhacke, mit der er den festen Lehm über dem Kalk beseitigen sollte. Er löste das Objekt achtlos heraus und warf es beiseite. Beinahe wäre die Schädelkalotte des Neandertalers also unentdeckt im Abraum gelandet.

Der ungewöhnliche Fund passte nicht in das kreationistische Weltbild der damaligen Zeit

Doch die Steinbruchbesitzer fanden das Stück seltsam und übergaben es dem Wuppertaler Naturforscher Johann Carl Fuhlrott. Der erläuterte ihnen bald, dass sie nicht den erhofften profitablen Höhlenbären vor sich hatten, sondern einen bisher unbekannten Vorzeitmenschen.

Es dauerte etwas, bis der Entdeckung der Rang zugesprochen wurde, der ihr gebührte. Besonders Rudolf Virchow, der damals bedeutendste Pathologe, auch Arzt und Erfinder der Gesundheitsvorsorge, hielt die neu entdeckte Menschenart des Homo neanderthalensis (im Lateinischen mit altertümlichem h) bis zu seinem Tod 1902 für den "krankhaft deformierten Schädel eines modernen Menschen" - und bekam dafür großen Beifall von allen Experten. Der Fund passte nicht in das kreationistische Weltbild der Zeit.

Denn gerade erst begann sich Charles Darwins Evolutionstheorie durchzusetzen, in die der Konkurrent des Homo sapiens gut hineinpasste. Immer neue Funde des Neandertalers an bis heute rund 400 Stellen in ganz Europa bestätigten nach und nach dessen enorme Bedeutung für die Menschheitsgeschichte. Doch immer wieder verfolgten den ersten Europäer Vorurteile und Fehleinschätzungen. Er galt als plump und primitiv mit seiner Knollennase, nie dem modernen Menschen ebenbürtig. Dass er vor rund 30 000 Jahren als "überflüssige" Art dem Homo sapiens weichen musste, schien daher selbstverständlich.

Inzwischen ist sicher: Seit rund 200 000 Jahren besiedelte der perfekt an die Unbilden der Eiszeit angepasste Neandertaler weite Teile des europäischen Festlandes. Er kannte das Feuer, erlegte mit ausgefeilten Jagd-Techniken Mammuts, Bisons, Pferde und Eselsherden. Er fischte im Mittelmeer, baute sich in Griechenland Boote und begrub seine Toten samt Schmuckbeigaben. Er konnte sprechen und sogar einige Höhlenmalereien wie die mit den roten Handabdrücken bei Puente Viesgo in Nordspanien und eine Flöte aus Tierknochen, gefunden in Divje, Slowenien, ordnen manche Forscher dem Neandertaler zu. Die Flöte hat zwei kreisrunde und zwei abgebrochene Löcher und ein viereckiges Gegenloch. Man kann sie spielen, weil die Abstände stimmen, auch wenn manche behaupten, es seien nur gedankenlos hineingebissene Spuren eines Bären.

Die ganze Aufmerksamkeit der Paläontologen hat aber der Homo sapiens, der, aus Afrika kommend, vor zirka 40 000 Jahren Europa eroberte. Er war, so heißt es, dem Neandertaler schon an Zahl überlegen, dessen Population weit geringer war. Der Neandertaler hatte dafür ein größeres Gehirn und einen stämmigeren Körper.

Bewiesen ist auch, dass es Sex zwischen den Arten gab. Das weiß man seit Erforschung des Genoms. Ein bis vier Prozent des Erbguts der Neandertaler trägt jeder heutige Mensch mindestens in sich. Einige Neandertaler-Gene sind für Erbanlagen zuständig, die das Immunsystem stärken, aber auch der Hang zu Depressionen und chronischen Hautproblemen wird dem Neander-Menschen zugeschoben.

Ein Rätsel bleibt aber: Es scheint, dass bei der Vermischung beider Arten nur weibliche Nachkommen lebensfähig waren und sich weiter fortpflanzen konnten. Neandertalers Y-Chromosom ist wahrscheinlich nicht kompatibel mit dem Homo sapiens. Es kam zu Fehlgeburten. Nur Mädchen kamen durch und nur weibliche Nachkommen tragen die Erbbotschaften des Neandertalers weiter. Stammt vielleicht daher also der extreme Unterschied der Geschlechter? Alle Hypothesen sind noch nicht überprüft.

Knochen zerfallen schnell. Viele sind über die Jahrtausende nicht übrig geblieben. Doch von sehr seltenen neuen Funden ist alle Forschung abhängig. Auch der scheinbar geringe Anteil des Neandertalers am heutigen Erbgut ist kein Beweis, weil Eigenschaften des Genoms über Generationen hinweg auch wieder verschwinden können. Vielleicht haben die Neandertaler, die dem Homo sapiens so verblüffend ähnlich waren, als alternative, völlig fremde Population auch so lange mit den Neuankömmlingen aus Afrika zusammengelebt, bis sie einfach mit ihren guten und schlechten Eigenschaften in der Menschheit aufgegangen sind.

Also könnte sich im romantischen Neandertal mit etwas Phantasie womöglich folgende Liebesgeschichte zugetragen haben: Ein friedfertiger, kunstsinniger, dabei stattlicher rothaariger Neandertaler hat ein zartes Homo-sapiens-Mädchen betört und mit seinen Eigenschaften infiziert. Ihr Kind der Liebe haben sie lächelnd in den Armen gehalten - da sage noch einer, der Homo neanderthaliensis sei ausgestorben.