Geht es nach dem Willen des Meeresbiologen Karsten Brensing, müsste Moby bald umziehen. Sein jetziges Zuhause im Nürnberger Tiergarten sollte aufgelöst werden, ebenso wie das von Pepina in Duisburg und das von Nando in Münster. Dies fordert die Organisation WDCS, deren Mitarbeiter Brensing ist und die sich international für den Schutz von Walen und Delphinen einsetzt.In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht fordert die WDCS die Schließung aller Delphinarien - nicht nur der drei in Deutschland, sondern EU-weit.

Nach Ansicht der Organisation tragen die Einrichtungen nicht dazu bei, die biologische Vielfalt zu erhalten. Ebenso wenig legten die Betreiber der Delphinarien ausreichend Wert darauf, ihre Besucher über die Biologie der gezeigten Tiere aufzuklären. Stattdessen würden diese in Vorführungen großem Stress und Gesundheitsrisiken ausgesetzt werden, wenn die Besucher in direkten Kontakt zu den Tieren kommen dürfen.
Ein weiterer Vorwurf bezieht sich auf die Gestaltung der Becken: Diese würden es keinem der mehr als 280 in der EU in Gefangenschaft gehaltenen Wale oder Delphine ermöglichen, sein natürliches Verhalten auszuleben. Und schließlich sei die Delphinhaltung in Gefangenschaft nicht nachhaltig, da sich der Bestand nicht selbst tragen könne - ein Argument, das aus Sicht der WDCS besonders schwer gegen die Delphinhaltung in Zoos wiegt.
Im Nürnberger Tiergarten etwa sind innerhalb eines guten Jahres mehrere Jungtiere gestorben. "Die Delphinarien erfüllen die EU-Zoorichtlinie nicht", sagt Brensing. Daher fordert die Organisation, die Delphinarien nach und nach zu schließen.
In der Europäischen Union leben nach Angaben der WDCS schätzungsweise 286 Wale und Delphine in Gefangenschaft, verteilt auf 34 Delphinarien in 14 Staaten. Die meisten Tiere sind Große Tümmler, außerdem gibt es Orcas, Belugas, Schweinswale sowie zwei weitere Delphin-Arten. Wie und zu welchem Zweck sie gehalten werden sollen, das regelt die Zoo-Richtlinie der EU nur unverbindlich und vage.
Zoos "fördern die Aufklärung und das Bewusstsein der Öffentlichkeit in Bezug auf den Erhalt der biologischen Vielfalt, insbesondere durch Informationen über die zur Schau gestellten Arten und ihre natürlichen Lebensräume", heißt es darin beispielsweise. Die Richtlinie in ein Gesetz umzusetzen, ist Sache der einzelnen Staaten. In Deutschland geschieht dies im Bundesnaturschutzgesetz. Auch dort lassen die Formulierungen jedoch viel Platz für Interpretationen - und für Streit.
Den führen die WDCS und der Nürnberger Tiergarten mittlerweile vor Gericht: Misstrauisch geworden durch eine Reihe von Todesfällen unter den Nürnberger Delphinen, fordert die Tierschutzorganisation, alle Unterlagen über Zucht und Haltung der Delphine vollständig sehen zu dürfen. Dass viele Delphinarien nur ungenaue Informationen über ihre Tiere freigeben, ist auch einer der Kritikpunkte im aktuellen Bericht.
Im Fall der Nürnberger Einrichtung entschied Ende Mai der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in zweiter Instanz, dass der Tiergarten der Forderung der WDCS nachkommen muss. Derzeit baut der Zoo für 24 Millionen Euro eine neue Delphin-Lagune, die Ende Juli eingeweiht werden soll - und die von der WDCS als ebenfalls nicht artgerecht kritisiert wird.
Die im aktuellen Bericht erhobenen Vorwürfe der Delphinschützer kann Dag Encke, Leiter des Tiergartens Nürnberg, allerdings zum Teil nachvollziehen: "Die WDCS kritisiert zu Recht, das die Delphinhaltung nicht nachhaltig ist. Das müssen uns die Tierschützer aber nicht sagen, das wissen wir selbst." Wie aber passt dieses Wissen zu dem Anspruch, dass die Delphinhaltung im Zoo dem Artenschutz zu dienen hat? "Das passt zusammen, weil wir glauben, das Problem in Zukunft lösen zu können", sagt Encke.
Die Haltung ganz aufzugeben, kommt für ihn nicht in Frage - ebenso wenig wie ein Verzicht auf die Vorführungen. Diese kritisiert die WDCS wegen der "Selbstverständlichkeit, mit der dabei gezeigt wird, dass Delphine gerne mit Menschen interagieren". Dies widerspreche moderner Zoopädagogik. "Bei den meisten anderen Tieren hat man sich von Vorführungen und dem Image der Schausteller getrennt", schreibt die Organisation.
Tiergarten-Chef Encke sieht in den Vorführungen nichts Verwerfliches, räumt aber ein, dass "die Bildung der Öffentlichkeit sicher noch nicht optimal ist". Man versuche aber, in den Shows das natürliche Verhalten der Delphine zu zeigen. Und dazu gehören auch Ballspiele und Herumplanschen mit dem Menschen?
"Delphine wollen beschäftigt werden", argumentiert Encke. Dass Mensch und Wildtier dabei in engen Kontakt kommen, verteidigt er als notwendige Erziehungsmaßnahme: "Um Empathie zu empfinden, muss man die Tiere unmittelbar erleben. Wir nutzen den Großen Tümmler, um ein Bewusstsein für Meeressäuger zu schaffen - und um Gelder zu organisieren, die wir zum Schutz anderer, bedrohter Arten einsetzen können." Die WDCS, sagt Encke, arbeite im Übrigen ebenfalls nach diesem Prinzip.
Kerstin Jurczynski, Tierärztin im Duisburger Zoo mit sieben Delphinen, widerspricht den Vorwürfen der Tierschützer ebenfalls. "Wir arbeiten weder mit Lichteffekten noch mit Musik." Die Biologie der Tiere werde kindgerecht erklärt, und "wir informieren über Lebensweise, die Bedrohungen in der Wildbahn und über die Funktion einzelner Körperteile".
Eine Sprecherin des Münsteraner Zoos, der geschäftlich getrennt ist vom dortigen Delphinarium, sagt nur: "Das Delphinarium hat die Betriebsgenehmigung erhalten, also entspricht es der Richtlinie." In Münster ist das Ende der Delphinhaltung allerdings schon fest geplant, spätestens Ende 2012 ist dort Schluss. "Aber nicht wegen der Tierschützer", so die Sprecherin.