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Definition:Was ist eine schizophrene Psychose?

Einige Puzzlestücke zur Erklärung der Krankheit sind bekannt. Was viele nicht wissen: Neben Wahnvorstellungen gibt es auch unspektakuläre Anzeichen.

Jeder von uns nimmt die Welt um sich herum auf eigene Weise wahr, aber dennoch gibt es so etwas wie einen allgemeinen Konsens, was wahr und echt ist und was falsch. Sonst wäre ein Zusammenleben gar nicht möglich. Dennoch kennt wahrscheinlich jeder Situationen, in denen es schwerfällt, in die "echte" Realität zurückzukehren - wenn man aus einem besonders lebhaften Traum aufwacht, nach der Lektüre eines besonders anregenden Buches, nach einem besonders spannenden Kinofilm.

Bei einem an Schizophrenie erkrankten Menschen ist die Wahrnehmung dauerhaft gestört.

(Foto: Foto: PantherMedia)

Bei einem an Schizophrenie erkrankten Menschen ist die Wahrnehmung dauerhaft gestört. Das bedeutet einerseits, dass er Dinge völlig anders wahrnimmt und bewertet als seine Mitmenschen, andererseits aber auch, dass er Dinge hört oder sieht, die in Wirklichkeit nicht existieren.

Hinzu kommt, dass der Filter nicht richtig funktioniert, mit dem Gesunde ihre Wahrnehmungen so sortieren, dass sie sie verarbeiten können. Ein schizophreniekranker Mensch erlebt alles gleichzeitig und alles als gleich wichtig. In dieser Überforderungssituation passiert es leicht, dass das Gehirn sich Erklärungen für das Geschehen zurechtlegt, die einem Gesunden völlig absurd erscheinen.

Ursachen

Obwohl man weiß, dass Veranlagung und äußere Einflüsse bei der Entstehung einer schizophrenen Psychose zusammenspielen, sind die exakten Ursachen nach wie vor nicht bekannt. Die meisten Experten favorisieren heute das "Vulnerabilitäts-Stress-Modell".

Es geht von einer angeborenen oder durch äußere Einflüsse entstandenen, mehr oder minder ausgeprägten Disposition zur Schizophrenie aus, die dann zum Ausbruch kommt, wenn der Patient einem seelischen oder äußeren Stress ausgesetzt wird, den er nicht mehr bewältigen kann. Nicht bei jedem Menschen, der eine Veranlagung zur schizophrenen Psychose trägt, kommt die Krankheit zum Ausbruch!

Gesichert ist, dass es bei Schizophreniekranken zu Stoffwechselstörungen im Gehirn kommt, vor allem im dopaminergen und im serotonergen System. Die Botenstoffe Dopamin und Serotonin spielen eine wichtige Rolle bei vielen Hirnfunktionen, unter anderem bei der Reizfilterung und -verarbeitung, bei der Steuerung von Bewegungen und Emotionen und bei der Erarbeitung von Strategien und Konzepten. Symptome

Die Vorstellung, dass Schizophrenie mit Persönlichkeitsspaltung gleichzusetzen sei, der Betroffene also quasi eine gute und eine böse Seele in sich trägt, die einander entweder nicht bewusst sind oder miteinander im Widerstreit liegen, ist ebenso weitverbreitet wie falsch. Begünstigt wird diese Vorstellung sicher durch den Namen der Krankheit ("schizo" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "abgespalten"), aber auch durch das verwirrende Bild, das die Symptome bieten.

Der erkrankte Mensch kann in einigen Aspekten seiner Persönlichkeit verändert scheinen, sei es in der Wahrnehmung, im Verhalten, Denken oder Gefühlserleben, und nicht selten auch in seinen Bewegungen.

Der Psychiater unterscheidet Positivsymptome, die sozusagen der gesunden Psyche "aufgelagert" sind und bei schizophrenen Patienten im Vergleich zu Gesunden vorkommen. Auf der anderen Seite stehen die Negativsymptome, die bei schizophrenen Patienten im Vergleich zu Gesunden nicht oder nur in verminderter Ausprägung auftreten.

Positivsymptome Wahn Halluzinationen Denkstörungen Ich-Störungen (Gedankeneingebung, Fremdsteuerung) motorische Unruhe

Negativsymptome Antriebsschwäche Gefühlsverflachung Sprachverarmung Verlangsamung und Einengung des Denkens Depressionen Schlafstörungen Verringerung von Gestik und Mimik

Wichtig zu wissen: Es gibt nicht "die" schizophrene Psychose, es handelt sich immer um eine komplexe Krankheit mit sehr vielfältigem Erscheinungsbild.

Was bedeutet das für den Erkrankten?

Die Schizophrenie trifft die Patienten oft wie aus heiterem Himmel. Allerdings können schon Jahre vor dem eigentlichen Ausbruch der ersten schizophrenen Psychose Symptome auftreten, die sich aber erst rückblickend als Vorboten erweisen - Gefühlsstörungen zum Beispiel oder Denk- und Wahrnehmungsstörungen. Meistens beginnt die Krankheit schon in jungen Jahren, bei Männern zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, bei Frauen etwas später - also genau in der Lebensphase, in der entscheidende Weichen für Beruf und Privatleben gestellt werden.

Die Schizophrenie belastet nicht allein durch ihre Symptome, als viel schlimmer empfinden die Betroffenen oft die Reaktion der Mitmenschen. Kaum ein schizophreniekranker Patient traut sich, mit Freunden oder seinem Arbeitgeber über seine Krankheit zu reden - aus durchaus begründeter Furcht, auf Misstrauen, Ablehnung und Verachtung zu treffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass nach Ende der akuten Krankheitsphase nicht selten Symptome wie Zurückgezogenheit oder Denkstörungen zurückbleiben. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Schizophrenie macht einen Menschen nicht dümmer, sie erschwert es ihm aber, mehrere Dinge gleichzeitig zu erfassen oder zu tun. Dennoch können Patienten mit Schizophrenie in vielen Berufen ebenso erfolgreich arbeiten wie Gesunde - wenn man sie lässt.

Was bedeutet die Schizophrenie für die Angehörigen?

Wenn ein Angehöriger an einer schizophrenen Psychose erkrankt, bedeutet das für die Familie eine enorme Belastung in vielerlei Hinsicht. Dass der geliebte Mensch sich so verändert, dass er aus dem Gefüge der Familie ausschert, sich unter Umständen sogar feindselig verhält, macht den Angehörigen schwer zu schaffen. Die Angst, es könne zum Rückfall kommen, und das Gefühl, dafür verantwortlich zu sein, dass dies nicht passiert, belasten die ganze Familie.

Hinzu kommt das Unverständnis der Umgebung: Wie soll man Freunden und Bekannten erklären, was da geschieht? Unter der Angst vor Zurückweisung und Vorurteilen leiden Freundschaften und das gesamte soziale Leben. Besonders schlimm: Nicht selten bekommt die Familie, vor allem die Mutter, versteckte Vorwürfe zu hören wie: Ob da in der Erziehung, in der Mutter-Kind-Beziehung nicht doch etwas falsch gelaufen ist? Solche Unterstellungen sind jedoch völlig abwegig - die Schizophrenie ist eine Erkrankung, für die niemand "etwas kann", genauso wenig wie für Nierensteine oder Alzheimer-Demenz.

Fachliche Beratung: Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Ratgeber zum Thema Schizophrene Psychose wurde von der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH konzipiert und erarbeitet.