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Defekter Satellit:Bordcomputer startet nach Teilchentreffer neu

"Schalten Sie den Computer aus und wieder ein": Dieser typische Ratschlag der IT-Abteilung funktioniert offenbar auch beim Satellit "Lightsail". Er war im Orbit außer Kontrolle geraten - bis ein Teilchen einen Neustart verursachte.

Von Alexander Stirn

Wenn der Bürorechner unvermittelt abstürzt und sich neu startet, ist das in den seltensten Fällen Anlass zu lautem Jubel. Die Mission der US-Raumsonde Lightsail ist durch solch einen Computerfehler jedoch gerade gerettet worden. Zumindest vorläufig.

Lightsail ist ein Projekt der amerikanischen Lobbygruppe Planetary Society und war am 20. Mai gestartet - zusammen mit neun anderen sogenannten Cubesats. Die würfel- oder kastenförmigen Minisatelliten sind sozusagen kosmische Anhalter, sie werden immer dann ins All geschickt, wenn noch etwas Platz in der Rakete ist.

Im Fall von Lightsail war das eine amerikanische Atlas V, deren Hauptzweck darin bestand, das geheime Mini-Spaceshuttle des US-Militärs X-37B in seine Umlaufbahn zu bugsieren. Doch auch die zehn Cubesats wurden wie geplant ausgesetzt.

Vor einem Update verstummte der Satellit

Der etwa fünf Kilogramm schwere, toastbrotgroße Satellit Lightsail ist ein Prototyp für eine ganze Reihe ähnlicher Raumgefährte und hatte eigentlich nur eine Aufgabe. Er sollte im All eine dünne Folie aufspannen - ein 32 Quadratmeter großes Segel.

Die Lichtteilchen der Sonne, die der Stern in den Weltraum strahlt, sollen dort reflektiert werden und ihren Impuls auf das experimentelle Raumschiff übertragen. Dessen Geschwindigkeit ändert sich dadurch. Eines Tages könnte solch ein Sonnensegel genutzt werden, um große Raumschiffe ohne teuren Treibstoff in die Tiefen des Alls zu manövrieren.

Schon kurz nach dem Start machte sich im Kontrollzentrum der Planetary Society allerdings Unruhe breit. Das Team hatte erfahren, dass die Software des Bordcomputers einen schwerwiegenden Fehler hat: Alle 15 Sekunden funkt Lightsail seinen Status zur Erde; die damit verbundenen Daten werden in einer Protokolldatei gespeichert. Sobald diese eine Größe von 32 Megabyte erreicht, kann das Linux-System an Bord allerdings einfrieren. Der Hersteller des Computers hatte das Problem zwar durch ein Update behoben. Bei Lightsail, dessen Pläne bis ins Jahr 2009 zurück reichen, war die neue Version allerdings nicht aufgespielt worden.

Im Orbit drückt niemand den Reset-Knopf

Hektisch entwickelte das Kontrollteam eine Notlösung und wollte diese beim nächstmöglichen Flug über die Bodenstation zum Satelliten schicken. Doch zu spät: Lightsails Computer war bereits eingefroren. Alle Versuche, ihn zu einem Neustart zu bewegen, schlugen fehl. "Das ist ähnlich wie bei einem abgestürzten Bürorechner", erklärt Missionssprecher Jason Davis im Blog der Planetary Society: "Man kann versuchen, sich durch schwerfällig reagierende Menüs zu hangeln und auf Neustart zu klicken - manchmal hilft aber nur der Reset-Knopf." Im Orbit ist allerdings niemand, der darauf drücken könnte.

So blieb den Lightsail-Machern nur eine einzige Hoffnung: Durchs All fliegen nicht nur unbemannte Satelliten, sondern auch geladene Teilchen, zum Beispiel von explodierenden Sternen in vielen Milliarden Kilometern Entfernung. Trifft solch ein Partikel die Elektronik an einer geeigneten Stelle, kann es einen Neustart auslösen - ganz ähnlich wie ein Programmierfehler den heimischen Computer zum unerwünschten Neubeginn zwingt. Bei den Mini-Satelliten passiert so etwas im Durchschnitt drei Wochen nach Missionsbeginn, so die Erfahrung von Cubesat-Betreibern.

Am Wochenende erwischte es offensichtlich auch Lightsail: Nach achttägiger Funkstille meldete sich der Minisatellit bei seiner Basisstation. Seine Probleme sind damit allerdings nicht behoben. Da auch die Software der Lagereglung fehlerhaft ist, taumelt er unkontrolliert durchs All; Kontakt ist nur sporadisch möglich. Dem Team ist es daher nicht gelungen, wie geplant das Update für den Bordcomputer aufzuspielen. Mit weiteren Abstürzen ist zu rechnen. Bereits am Dienstagnachmittag soll daher damit begonnen werden, das Sonnensegel zu entfalten. Bis dahin will die Bodenkontrolle ihren Satelliten ein ums andere Mal zu einem Neustart zwingen. Sicher ist sicher.

© SZ vom 02.06.2015
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