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Verkehr:"Eine wichtige Praxisübung"

Es folgen Trockenübungen mit elektro-mechanischer und mit Relais-Steuerung. Das sei, so sagt Laborleiter Jacobs, "eine wichtige Praxisübung", denn die Bahn nutze noch heute all diese Generationen der Sicherungstechnik. Erst nach diesen Lektionen kommt der Student im 21. Jahrhundert an, darf er Platz nehmen vor den vier Monitoren in der Ecke: Im modernsten Bahnhof der ELVA - in E-City - genügen drei Mausklicks, um Weichen zu stellen und Fahrwege elektronisch freizuschalten.

Nach der Lehre kommt die Forschung. Institutschef Niels Nießen etwa will mithilfe der Modellbahn ergründen, wann und warum die Züge der DB so häufig aus dem Takt kommen. Für das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt wird der ELVA-Rechner nach realen Fahrplänen programmiert - und dann mit einem externen Impuls verwirrt: Nießen wird eine Panne vortäuschen oder einen Zug bummeln lassen. "Das ist unsere sogenannte Ur-Verspätung, und wir testen dann, welche Folgeverspätungen dies dann per Domino-Effekt auslöst", erläutert er. Dazu arbeitet Nießen mit Algorithmen, und er will vor allem herausfinden, ob und gemäß welcher Formeln es dem Programm selbstregulierend am schnellsten gelingt, den Bahnbetrieb wieder verspätungsfrei ins Gleichgewicht zu bekommen.

In der DB-Wirklichkeit mühen sich an dieser Herausforderung alltäglich soge-nannte Disponenten in den Betriebszentralen der Bahn ab. Nießen ist überzeugt, dass der Computer dem Menschen längst überlegen ist. "Je komplexer die Problemlage, desto eher sollten wir den PC entscheiden lassen", lautet des Professors Faustregel.

Nur, in der Realität - auf den stählernen Gleisen etwa zwischen Aachen und Köln und Duisburg - kann Nießen dies nie beweisen. Und einer trickreichen Simulation allein am Computerbildschirm mögen Eisenbahner nicht trauen. Da könnte ja jeder tricksen, und schließlich geht es um Leben und Tod. "Die Bahn ist ein sehr konservatives Metier, mit viel Tradition", sagt Nießen nachdenklich. Der Professor lächelt, sein Blick fällt auf die Gleise der ELVA: "Diese Anlage ist die wichtige, weil anschauliche Brücke zwischen Theorie und Praxis."

Die Tests auf der schmucklosen Kellerstrecke könnten Pendlern das Leben erleichtern

Dabei hilft, dass sich die Aachener Wissenschaftler mit einem kleinen Trick ihre Großanlage noch größer gerechnet haben. Die 1200 Meter langen Schienen im Maßstab H0 (also 1:87) werden vom Rechner gestreckt. So wächst das ELVA-Netz auf mehr als 100 Kilometer Länge an.

Institutschef Nießen und seine Kollegen wollen per Analytik errechnen, wann und wie sich die Auslastung eines realen Schienennetzes optimieren lässt. Theoretisch ist es möglich, auf vielen heute überlasteten Strecken durch kürzere Blockabschnitte und mittels modernster Signaltechnik zum Beispiel zusätzliche S-Bahnen und Regionalzüge einzusetzen. Dann wiederum könnten mehr Pkw-Pendler von der Straße auf die Schiene umsteigen.

Was die Aachener Computer errechnen, wäre nicht gleich ein Paradies. Aber die Tests auf der schmucklosen Kellerstrecke zwischen M-Dorf und E-City könnten vonnun an einige Weichen stellen, um ab und an der Hölle von langen Staus und endlosen Verspätungen zu entkommen.

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