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Studien über Nanotechnologie gefordert:Unklare Wirkung auf Organismen und Ökosysteme

So können die kleinen Partikel auch tiefer in den menschlichen Organismus eindringen als vertraute Teilchen gleicher chemischer Zusammensetzung. Sie gelangen an Orte "wo größere, vergleichbare Materialien nicht zu erwarten sind", schreibt der Sachverständigenrat. Unklar allerdings ist, was sie dort bewirken, genauso wie die Frage, wie sie sich in der Umwelt verbreiten. Und wo die Ungewissheit groß ist, ist Sorge nicht fern. Studien zu potentiellen Gefahren gibt es zuhauf, doch auch die sind umstritten.

Der Toxikologe Harald Krug von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) etwa hält viele der Studien für unzuverlässig und nicht aussagekräftig in Bezug auf den Menschen. "Wenn sich in Studien biologische Effekte der Nanopartikel zeigen, geht das in vielen Fällen auf methodische Fehler zurück", sagt Krug.

Beispielsweise seien die Dosierungen oft zu hoch gewählt, oder Nanopartikel ballen sich durch handwerkliche Fehler während des Versuchs zusammen - dann schädigt ein solcher Klumpen paradoxerweise durch seine Größe die Zellen.

Auch wenn sie diesen Expertenstreit im Detail nicht verfolgen, sehen viele Menschen das Thema Nanotechnologie deutlich entspannter als die Grüne Gentechnik, wie Studien immer wieder belegen. "Die Grüne Gentechnik hat sich von Anfang an auf Lebensmittel konzentriert", sagt der Techniksoziologe Piet Sellke von der Universität Stuttgart.

Diesen vor allem in Deutschland sensiblen Bereich, den die Menschen gern mit Begriffen wie "natürlich" verbinden, klammert die Nanotech-Industrie hingegen bislang weitgehend aus. "Teilweise dient Nano sogar als Werbeargument, etwa wenn Dinge nanobeschichtet sind", sagt Umweltbundesamts-Experte Steinhäuser. "Bei Nano in Kosmetika wird das schon schwieriger." Hier seien Anbieter gar nicht begeistert von der Idee, den Bestandteil Nanopartikel auch auf Verpackungen anzugeben.

So hat es die Nanotechnologie auf den Laufsteg des geschickten Marketings geschafft. Einigen Nanoprodukten trauen die Menschen zu, ihren Alltag zu vereinfachen - selbst wenn das in manchen Fällen ein Trugschluss ist. Viele Textilsprays etwa, die auffällig mit dem Begriff "nano" werben, enthielten überhaupt keine Nanopartikel, sagt der Toxikologe Krug. Stattdessen erzeugten die Sprays auf den Textilien eine chemische Nanoschicht, die schmutz- und wasserabweisend wirke.

Und wer seine mit Nanosilber beschichteten Sportsocken nicht mehr wäscht, weil er allein auf die Reinigungskraft der Silberionen vertraut, dessen Füße werden ebenso schnell stinken wie mit herkömmlichen, ungewaschenen Socken. "Silberbeschichtete Textilien halte ich für völligen Unsinn", sagt Krug. "Das wird sich aber auch wieder totlaufen, allein deshalb, weil die Silberpreise steigen."

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