Das Ende der Spaceshuttles:Heimkehr auf den Planeten Erde

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Mit der Rückkehr der Raumfähre "Atlantis" hat nicht nur ein amerikanisches Raumfahrtprogramm sein Ende gefunden. Es ist auch ein Traum zu Ende gegangen: Die Vision von der Besiedelung des Alls durch den Menschen.

Patrick Illinger

An diesem Donnerstag, um 11.58 Uhr deutscher Zeit, ist ein Traum zu Ende gegangen. Es war ein großer Traum, ein mühsamer Traum, und zeitweise auch ein Albtraum. Er handelte von der Besiedelung des Weltraums durch den Menschen.

Space Shuttle Columbia nach erfolgreicher Landung auf der Edwards Air Force Base in Kalifornien am 14. April 1981. Seit Jahren schon waren die Starts und Landungen der Raumgleiter nur noch Routine. Und doch bewahrten sie den Traum von einer machbaren Zukunft im All. Der ging nun zu Ende. (Foto: Nasa)

Da mit der Rückkehr des letzten Spaceshuttles der US-Raumgleiterflotte dieser Traum nun sein Ende gefunden hat, ist auch der Weltraum wieder dorthin gerückt, wo er vor den ersten bemannten Raketen vor gut 50 Jahren war: in weite Ferne.

Mit dem letzten Touchdown der Atlantis hat weit mehr seinen Abschluss gefunden als nur ein Raumfahrtprogramm. In vielerlei Hinsicht ist es das Ende des Raumfahrtzeitalters, wie es mit den Pionierflügen von Juri Gagarin, Alan Shepard und John Glenn begann und seinen Höhepunkt 1969 in der Landung auf dem Mond fand. Künftige Missionen in den Weltraum werden weniger von Eroberungs- und Pionierdrang geleitet sein, sondern harte kommerzielle, militärische oder wissenschaftliche Ziele verfolgen.

Das, wofür das Spaceshuttle einst stand, die Idee, den Lebensraum der Menschheit ins All auszudehnen, ist kläglich gescheitert. 50 Pendelflüge zwischen Erde und Orbit versprach man sich 1972, als der damalige US-Präsident Richard Nixon das Shuttle-Programm auf den Weg brachte.

Nur gut zehn Millionen Dollar sollte jede Mission eines Raumgleiters kosten, eine aus heutiger Sicht irrwitzige Kalkulation: Ganze 135-mal startete ein Spaceshuttle seit dem Erstflug vor 30 Jahren, und jede dieser Missionen verschlang rund 500 Millionen Dollar Steuergeld. Zweimal kostete sie sogar das Leben der Astronauten an Bord.

Dabei geht es um mehr als nur das Scheitern eines technischen Konzepts oder einer Modellreihe, die man, wie in der Autoindustrie, nun durch ein Nachfolgemodell ersetzen könnte. Es hat sich in unverhüllter Klarheit offenbart, wie sinnlos die bemannte Raumfahrt ist.

Fast keine Mission der Spaceshuttles hätte nicht auch von einer gut konstruierten, unbemannten Trägerrakete sowie Robotern erledigt werden können. Der wichtigste Auftrag, bei dem Shuttle-Astronauten tatsächlich hilfreich waren, war die Reparatur des fehlsichtigen Hubble-Teleskops am Beginn der 1990er-Jahre.

Nicht zu vergessen ist natürlich der Aufbau der Internationalen Raumstation, der dank der US-Raumgleiter in diesem Jahr abgeschlossen werden konnte. Doch genau diese 100 Milliarden Dollar teure orbitale Wohnanlage ist das Symbol fehlgeleiteter Raumfahrtträume.

Einst aus Gründen der Völkerverständigung von den großen Raumfahrtnationen beschlossen, ist die Station zu einem sündteuren Anachronismus verkommen, der heute vor allem Staatenlenkern dazu dient, in Zeiten sinkender Umfragewerte öffentlichkeitsheischende Telefonate mit dem Weltraum zu führen.

Am anderen Ende sitzen Astronauten, deren Namen der allgemeinen Bevölkerung mittlerweile so wenig geläufig sind, wie der des Busfahrers morgens auf dem Weg zur Arbeit. Tatsächlich sehnen die beitragzahlenden Staaten, darunter auch Deutschland, das Ende der Station längst herbei. 2020 soll sie "deorbitalisiert" werden, wie es der Raumfahrer-Jargon höflich umschreibt. Ein früherer Termin wäre wohl allzu peinlich.

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Für die Volksseele der USA ist das Ende der Spaceshuttle-Ära dennoch schmerzhaft. Nicht nur weil das geliebte Yes-we-can-Allmachtsgefühl in technologischer Hinsicht einen kräftigen Dämpfer bekommen hat. Es ist vor allem eine Enttäuschung für eine Nation, die von Beginn an ihr Selbstverständnis auf die Besiedelung neuer Lebensräume gegründet hat.

Erst kamen die Pilger der Mayflower, vor 200 Jahren begann die Erschließung der riesigen Weiten westlich des Mississippi und Missouri und schließlich pflanzten Neil Armstrong und Buzz Aldrin eine Flagge auf dem Mond. All das verschaffte Amerika ein anhaltendes Gefühl von Grenzenlosigkeit. Das Spaceshuttle sollte den erdnahen Weltraum auf ähnliche Weise mit dem Homeland verknüpfen, wie es Linienflüge nach Hawaii und Alaska tun.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich gezeigt, dass dieser weniger als 400 Kilometer entfernte Weltraum nur mit unfassbarem Aufwand erreichbar ist, und Ernüchterung ist eingekehrt. Sogar die Leitung der legendären Raumfahrtbehörde Nasa erklärt, künftige Raumfahrt-Programme nach marktwirtschaftlichen Kriterien auszurichten.

Statt ausufernden Träumen hinterherzufliegen, soll die Raumfahrt in Zukunft ein hartes Geschäft werden, in dem private Betreiber die tragende Rolle übernehmen. Satelliten werden von Telefonkonzernen und Geheimdiensten bezahlt, Privatkonzerne bieten kurze bemannte Flüge an - als touristische Attraktion für Menschen, denen Helikopter-Skiing und bezahlte Rundflüge in russischen Kampfjets bereits langweilig geworden sind.

Dieser ökonomisch sinnvolle Schwenk ist nicht nur ein symbolischer Rückschlag für die USA. Die immer noch führende Supermacht steht nun ohne eigenes Raumfahrzeug da, während sich China und Indien bereits anschicken, die von den USA geöffnete Lücke mit eigenen Raketen und Raumfahrern zu füllen.

Es liegt jedoch eine gewisse Tragik darin, wenn ausgerechnet China, das ansonsten beweist, wie viel es von anderen Nationen lernen kann, nun einer Ideologie vom Wettlauf ins All als Machtbeweis verfällt, wie sie zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges bis zur Perversion betrieben wurde. Doch offenbar belebt es auch in einer zur Industrienation und Weltmacht aufstrebenden Bevölkerung noch die Laune, wenn man - zu welchem Preis auch immer - ein paar Landsleute ins All befördert.

© SZ vom 22.07.2011 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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