Gefahren des Darmkeims Was wir aus der Ehec-Epidemie lernen müssen

Die Behörden müssen endlich Genaueres über die Ehec-Keime auf spanischen Gurken veröffentlichen, denn der Erreger wird noch lange gefährlich bleiben. Wieso tun sie es nicht - sind ihnen ihre neuesten Erkenntnisse womöglich peinlich?

Ein Kommentar von Christina Berndt

Die Deutschen haben eine neue Gefahr kennengelernt. Ihre Bekanntschaft zu machen, war grausam. Zehn Tote und Hunderte schwerkranke Menschen sind bislang die Bilanz einer Epidemie mit dem noch recht jungen Darmkeim Ehec, der mit vollem Namen Enterohämorrhagische Escherichia coli heißt. Diesen Zungenbrecher muss sich niemand merken, den Keim aber sehr wohl. Ehec wird uns immer wieder begegnen, er wird zur ständigen Gefahr, wie es die Salmonellen längst für kleine Kinder und alte oder geschwächte Menschen sind. Nur dass Ehec jetzt auch junge Erwachsene aus dem Leben reißt.

Norddeutsche Bauern in Sorge - ihre Gurken will niemand mehr. Doch angesichts des Risikos müssen neue Erkenntnisse direkt an die Verbraucher übermittelt werden.

(Foto: dpa)

Seit die Mikrobe vermutlich Ende der 1970er Jahre plötzlich im Pansen eines Rindviehs aus einem harmlosen Coli-Bakterium entstanden ist, hat sie sich immer weiter ausgebreitet. 1990 waren fünf Prozent der Kühe hierzulande infiziert, heute trägt fast jede Kuh den für sie ungefährlichen Keim spazieren.

In Deutschland machte der Keim bisher wenig auf sich aufmerksam, Menschen starben selten daran. Entsprechend schwer tat sich die Politik, Ehec ernst zu nehmen. Es dauerte allein 20 Jahre bis zu einer Meldepflicht für Ehec-Infektionen. Eine solche heilt nicht, aber sie ist ein wichtiges Werkzeug, um Infektionskrankheiten überwachen und rechtzeitig Maßnahmen ergreifen zu können. Auch Aufklärungskampagnen, wie es sie in den USA seit der ersten tödlichen Bekanntschaft mit Ehec 1982 gab, wären in Deutschland längst nötig gewesen.

Denn Ehec birgt im Gegensatz zu Salmonellen eine weitere Gefahr: Die Mikrobe gelangt nicht nur über Nahrung zum Menschen, sie wird auch von Mensch zu Mensch übertragen und kann so zu Epidemien führen. Ehec ist dennoch kein unbeherrschbarer Fluch. Man kann sich davor schützen - und zwar durch einfache Hygiene, auch wenn die verwöhnten Menschen in den Industrienationen diese mehr und mehr zu vergessen beginnen. Viel stärker noch müssten Behörden deshalb am Beispiel Ehec verdeutlichen, dass Händewaschen keine lästige Maßnahme altmodischer Menschen ist, sondern direkt der Gesundheit dienen kann.

Trotz früherer Versäumnisse haben die Behörden beim aktuellen Ausbruch erfreulich besonnen reagiert. Wenige Tage nach dem Auftreten der ersten Fälle informierten sie die Öffentlichkeit. Schnell wurde bekannt, dass diesmal ein besonders aggressiver Keim umgeht, der merkwürdigerweise vor allem junge Frauen trifft, die nicht die üblicherweise verdächtigen Lebensmittel Rindfleisch und Rohmilch verzehrt hatten, sondern rohes Gemüse.

Zu Recht warnte das Robert-Koch-Institut in der Folge vor dem Verzehr von Salat, Tomaten und Gurken in Norddeutschland. Diese Empfehlung war richtig, auch wenn Medien sie in eine Warnung vor Gemüse aus Norddeutschland verwandelten und es nun wirtschaftliche Opfer von Ehec gibt, die Bauern dort in der Region. Angesichts des Risikos müssen neue Erkenntnisse direkt an die Verbraucher übermittelt werden. Niemand braucht Politiker, die vor Kameras heimisches Gemüse verzehren, um dessen Unbedenklichkeit zu demonstrieren, wie dies 1996 in Japan geschah. 8000 Menschen wurden damals durch Ehec-verseuchten Rettich krank.

Doch die offene Informationspolitik muss weitergehen. Denn die Gefahr ist noch nicht gebannt. Es gibt Ehec-Opfer, die sicher sind, keine Gurken gegessen zu haben. Unverständlich ist daher, dass das Hamburger Hygieneinstitut, das die Ehec-Keime auf spanischen Gurken fand, seit vergangenen Donnerstag nichts Genaueres über diese Keime veröffentlicht hat. Arbeitet man dort am Wochenende nicht oder sind neuere Ergebnisse peinlich? Denn nur wenn die Mikroben vom Typ HUSEC41 sind, den das Uni-Klinikum Münster als Verursacher der aktuellen Epidemie identifiziert hat, können die Gurken Quell des Problems sein. Sonst wäre die Meldung eher der Rubrik saure Gurken zuzuordnen.