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Crispr-Cas:Unheimliche Kinder

In China sind angeblich zwei genetisch veränderte Babys zur Welt gekommen. Ob es die zwei Mädchen wirklich gibt, ist unklar. Der verantwortliche Forscher ist seit Monaten im unbezahlten Urlaub. Weltweit üben Fachleute Kritik an dem möglichen Vorstoß.

Der Mann spricht leise, sanft, in gebrochenem Englisch. Verträumt wirkt er, als er von Nana und Lulu erzählt, zwei Mädchen, die vor wenigen Wochen geboren worden sein sollen. Doch wer He Jiankuai in seinem Video weiter lauscht, versteht bald, dass er keine normale Geburt verkündet. Der Forscher von der Southern University of Science and Technology im chinesischen Shenzhen will mit Nana und Lulu die ersten genetisch editierten Menschen erschaffen haben. Das Erbgut der zwei Mädchen sei im Rahmen einer künstlichen Befruchtung mit der Genschere Crispr-Cas verändert worden. Man habe einen Rezeptor ausgeschaltet, der für eine Infektion mit dem Aidserreger HIV notwendig wäre. Das berichtet auch die Nachrichtenagentur AP.

Rein technisch wäre ein solcher Eingriff möglich, sagt der Experte

Es wäre ein ethischer und wissenschaftlicher Dammbruch ohne Beispiel - doch bisher ist offen, ob Nana und Lulu wirklich existieren. Hes Universität distanzierte sich in einer Stellungnahme von He, der seit Februar unbezahlt von seiner Tätigkeit freigestellt sei. Es gibt keine Bilder der Kinder oder ihrer Eltern, geschweige denn eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Einen Kontakt mit der Familie schließt He aus. AP hat von dem Forscher zwar angeblich Unterlagen bekommen, als Beleg, dass die Mädchen geboren und tatsächlich genetisch verändert wurden. Insgesamt sollen 16 Embryonen verändert und elf übertragen worden sein. Bis zu einer unabhängigen Untersuchung bleiben die Babys jedoch Spekulation - wenn auch keine wirklichkeitsferne. "Rein technisch halte ich das für möglich", sagt der Biomediziner Dirk Heckl von der Universität Hannover. "In Affen ist die Methode schon seit 2013 erfolgreich - und so viel unterscheidet uns eben nicht vom Affen." Ethisch betrachtet sei die Geburt von genetisch veränderten Kindern jedoch klar zu verurteilen.

Dieselbe Ansicht äußerten Experten aus Europa und den USA. "Ich bin schockiert und enttäuscht", sagt Paul Freemont vom Zentrum für Synthetische Biologie am Imperial College in London zu der möglichen Geburt. "Es ist völlig unklar, wem diese Forschung nützen sollte." Auch der Reproduktionsmediziner Channa Jayasena, ebenfalls Imperial College, kritisierte den Ansatz. "Meine Angst ist, dass das übereilt und ohne angemessene Erörterung der Konsequenzen stattgefunden hat". Durch Fehler im Gene Editing könnten völlig neue Defekte entstehen. Der Vorsitzende des deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sprach von einem "Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft". Auch Dabrocks Amtsvorgängerin Christiane Woopen, verurteilte Hes Versuche. "Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt. Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden."

Unklar ist zugleich, welchen Zweck die genetische Veränderung der Kinder erfüllen soll. Zwar ist der vorgebliche Vater HIV-positiv, hat jedoch dank verfügbarer Therapien eine sehr geringe Viruslast. Weder Mutter noch Kinder haben ein Ansteckungsrisiko. Die genetische Veränderung des Rezeptors erhöht jedoch andere Risiken, zum Beispiel das einer Infektion durch das West-Nile-Virus. "Vielleicht unterschätze ich die Krankheit HIV, aber die Gene von Kindern zu verändern, damit sie sich nicht mit HIV anstecken, das käme mir nicht in den Sinn", sagt Dirk Heckl.

"Bei aller Empörung muss man sich vor Augen führen, dass weltweit kein einheitliches rechtliches Verbot von Keimbahninterventionen beim Menschen existiert", sagt der Rechtsexperte Jochen Taupitz von der Universität Mannheim. In vielen Ländern, etwa in Russland, gebe es keine expliziten gesetzlichen Regelungen. In China, Großbritannien und in den USA existierten zwar Verbote, deren Übertretung aber wohl nicht sanktioniert werde. "Die 'schärfste' Grenze besteht darin, dass keine bundesstaatlichen Mittel für solche Versuche eingesetzt werden dürfen", sagt Taupitz. Viele Experten fordern daher eine internationale, verbindliche Regulierung.

Aus rechtlicher Sicht wird zu untersuchen sein, ob die Versuche, so sie stattgefunden haben, mit dem informierten Einverständnis - dem "informed consent" - der Eltern durchgeführt wurden. Laut AP stand auf den unterzeichneten Formularen, dass es um eine Aids-Impfstudie gehe. Unklar ist zudem, ob die Chinesische Akademie der Wissenschaften von den Versuchen wusste. Die Akademie war vor drei Jahren in einer Allianz mit der britischen und der US-Nationalakademie angetreten, um einen Konsens über die ethischen Konsequenzen und die Zulässigkeit des Gene Editing im Menschen zu erlangen. Die nächste Konferenz findet von Dienstag an in Hongkong statt, viele Fachleute sehen einen Zusammenhang mit dem Auftritt von He. Noch am Montag distanzierten sich mehr als 120 chinesische Forscher in einem offenen Brief von Hes vorgeblichen Versuchen.