bedeckt München 20°

Superspreading:Karaoke mit dem Virus

Chor in Russland

Im Chor zu singen, erhöht das Risiko einer Infektion mit dem Cronavirus.

(Foto: Valery Sharifulin via www.imago-images.de/imago images/ITAR-TASS)

Stickige Räume, schnelles Atmen oder lautes Singen sind Risikofaktoren für die schnelle Verbreitung von Sars-CoV-2. Immer mehr Studien zeichnen nach, wie es zu Massenausbrüchen kam.

Anfang März, als die Welt noch halbwegs in Ordnung schien, das Coronavirus für die meisten Menschen noch eher eine Ahnung als Gewissheit war und es noch kaum Beschränkungen gab, traf sich in Berlin ein Chor zur Probe. Fast 80 Sängerinnen und Sänger sangen an dem Abend, in den Wochen darauf wurde Sars-CoV-2 bei fast 60 von ihnen gefunden.

Massenausbrüche wie dieser aus der Frühzeit der Pandemie sind charakteristisch für das neue Virus. Inzwischen weisen mehr und mehr Daten darauf hin, dass die meisten Übertragungen nach dem selben Muster ablaufen: Es gibt ein Ereignis, bei dem sich viele Menschen infizieren manchmal mit Hunderten Folgefällen. Das jüngste Beispiel aus Deutschland ist jener bayerische Spargelhof, auf dem bis Ende vergangener Woche 95 Erntehelferinnen und Erntehelfer positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Mehr als 500 Personen wurden im Umfeld bislang getestet.

Eine Forschergruppe hat sich nun 61 solcher Reiheninfektionen, die sich zwischen dem 15. Januar und dem 4. April in Japan ereigneten, genauer angesehen. 18 Cluster fanden sie in Krankenhäusern und Arztpraxen, zehn in Pflegeeinrichtungen, zehn weitere in Restaurants und Bars, acht an Arbeitsplätzen, sieben in Situationen, in denen laut gesungen wurde, also Chören, Konzerten oder Karaokebars, fünf in Fitnesscentern, zwei bei Zeremonien und eine Reihenansteckung verzeichneten sie während eines Fluges.

Die meisten der untersuchten Cluster waren fünf bis zehn Fälle groß, wobei die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nur nach dem Ursprung des Ausbruchs geschaut haben und nicht auf die möglichen Folgeinfektionen, durch Menschen, die bei dem Ausbruchsereignis dabei waren. Den größten Ausbruch mit mehr als 100 Fällen registrierten sie in einem Krankenhaus. Der größte Cluster, der nichts mit Gesundheit oder Pflege zu tun hatte, entwickelte sich während eines Konzerts, bei dem sich über 30 Personen infizierten, darunter Musiker, Fans und Bühnenarbeiter.

Der Gruppe um Hitoshi Oshitani, Professor für Virologie an der Tohoku University in Sendai, notiert einige Beobachtungen in ihrem Artikel, die zu früheren Analysen passen: "Uns fiel auf, dass viele Covid-19-Cluster im Zusammenhang mit Situationen stehen, in denen Menschen dicht beisammen schwer atmen, etwa Singen auf Karaoke-Parties oder in Clubs, Gespräche in der lauten Umgebung einer Bar führen oder in einem Fitnessstudio gemeinsam trainieren." Chorproben fallen wohl auch in diese Reihe. Schulen waren im untersuchten Zeitraum weitgehend geschlossen. Wie bedeutsam sie als Übertragungsstätten für den Erreger sind, lässt sich anhand dieser Studie also nicht beurteilen. Doch es gibt inzwischen zahlreiche Berichte über Schulausbrüche. In Israel wurden nach Infektionen viele Schulen wieder geschlossen.

Forscherinnen und Forscher um Gwenan Knight von der London School of Hygiene & Tropical Medicine haben in einer Datenbank mehr als 200 Covid-19-Cluster zusammengetragen und auch diese Daten weisen in die Richtung: Nähe, schlecht belüftete Räume, schnelles Atmen, lautes Sprechen oder Singen sind Risikofaktoren für Covid-19-Ausbrüche.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Die japanische Anti-Corona-Strategie, an deren Entwicklung Oshitani maßgeblich mitgewirkt hat, konzentriert sich auf die Verhinderung solcher riskanten Situationen. Auch die erste Pandemie eines Sars-Virus vor 17 Jahren wurde im Wesentlichen von sogenannten Superspreading-Events getrieben, bei denen wenige Infizierte einen Großteil der Infektionen verursachen, die meisten Patienten den Erreger jedoch gar nicht oder nur an wenige Menschen weitergeben. Daraus zog Oshitani die Lehre, auch beim neuen Sars-Erreger vor allem die Großausbrüche zu verhindern und weniger aufs Testen zu setzen.

Oshitanis Gruppe konnte in der neuen Untersuchung in 22 Fällen den wahrscheinlichen Auslöser der Ausbruchscluster identifizieren. Es waren häufiger Männer als Frauen und die Hälfte der Massenausbrüche ging von Menschen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren aus, was überrascht, da die größte Zahl der Infizierten international meist älteren Gruppen angehören. "Wir wissen nicht, ob soziale oder biologische Faktoren oder beides eine Rolle bei diesen Übertragungsmustern spielen", schreiben die Forscher. Es ist also unklar, ob es am Verhalten der Überträger liegt, oder ob sie tatsächlich infektiöser sind als andere Altersgruppen. Ebenfalls auffallend in den japanischen Daten: Viele der Erstinfizierten hatten zum Zeitpunkt der Übertragung keine typischen Covid-19-Symptome gezeigt.

Wie bedacht man die Ergebnisse ihrer Analyse interpretieren muss, betonen die Forscherinnen und Forscher selbst in ihrer Zusammenfassung. Fälle könnten übersehen worden sein, die Analyse beruht zudem auf Befragungen von Patienten, deren Erinnerungen über Aufenthaltsorte oder zeitliche Abläufe könnte fehlerhaft sein oder auch tendenziös - ein Partyabend mit Freunden bleibt eher im Gedächtnis als der regelmäßige Einkauf im Supermarkt um die Ecke.

Die Arbeitsgruppe macht jedoch deutlich, wie wichtig es ihrer Auffassung nach ist, den Ursprung einer Infektion aufzuspüren. Denn sehr wahrscheinlich findet man dann mehr Infizierte und Kontaktpersonen, die getestet und isoliert werden sollten.

© SZ
Corona R-Simulation Storytelling Teaser

SZ Plus
Corona-Simulationen
:Der Weg aus der Krise

Deutschland freut sich über sinkende Fallzahlen, während Wissenschaftler vor einer zweiten Welle warnen. Drei Szenarien zeigen, was uns noch droht - und wie wir die Pandemie am besten in den Griff bekommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite