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Coronavirus:Kinder sehr selten infiziert

Coronavirus - Kita in Berlin

Gespielt wurde hier schon lange nicht mehr: Angeschlossene Fahrzeuge in einer Kita in Berlin.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Kinder stecken sich laut einer Studie aus Baden-Württemberg deutlich seltener mit Sars-CoV-2 an als ihre Eltern. Die Ergebnisse stützen die Entscheidung, Kitas und Grundschulen zu öffnen.

Von Christina Berndt und Claudia Henzler

Mit Ungeduld blicken Eltern, Kinderärzte, Erzieher und Lehrer, und wer sich sonst noch so als Anwalt für die Rechte der Kleinsten empfindet, momentan auf die zum Teil immer noch verschlossenen Türen von Schulen und Kitas. Mehr als 80 Prozent der Bundesbürger halten nach einer aktuellen Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung die Maßnahmen gegen das Coronavirus für richtig und wichtig - aber die Zustimmung zur Kinderbetreuung zu Hause sinkt: Hier sind nur noch 64 Prozent der Befragten einverstanden.

Mit großer Spannung wurden deshalb die Ergebnisse der südwestdeutschen Eltern-Kind-Studie erwartet, die Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor acht Wochen in Auftrag gegeben und schon vor drei Wochen als Argumentationsgrundlage für die Öffnung von Kitas und Schulen genutzt hatte.

Am Dienstag nun wurde eine Zwischenanalyse von den beteiligten Wissenschaftlern im Rahmen der Landespressekonferenz vorgestellt. Demnach hatten bislang nur 1,3 Prozent der untersuchten Kinder und Erwachsenen Kontakt mit dem Virus gehabt. Die zugehörige Publikation soll am kommenden Montag eingereicht werden.

Im Rahmen der Studie, an der sich alle vier Universitätskinderkliniken des Bundeslandes beteiligten, wurden zwischen Ende April und Mitte Mai rund 2500 Kinder zwischen ein und zehn Jahren mit jeweils einem zugehörigen Elternteil daraufhin untersucht, ob sie mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert sind oder es schon einmal waren. Von Eltern und Kindern wurden dazu je ein Abstrich und eine Blutprobe entnommen.

Von fast 2500 untersuchten Kindern hatten sich nur 19 mit dem Virus infiziert.

Die Studie sollte vor allem eine Frage klären: Wie häufig stecken sich Kinder eigentlich mit Sars-CoV-2 an - und wie sehr können sie somit zum Infektionsgeschehen beitragen, wenn sie wieder in Kitas und Schulen gehen?

Schon seit Längerem steht fest, dass Kinder seltener schwer erkranken, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Auch gilt bereits als sehr wahrscheinlich, dass sie anders als etwa bei der Influenza eher nicht die Hauptüberträger der Epidemie sind. Doch wie oft Kinder die Sars-CoV-2-Infektion weitergeben, ist bis heute strittig. Sollten sie einen hohen Anteil daran haben, könnte die weitere Öffnung von Kindergärten und Schulen auch für kleinere Kinder die Infektionslast in Deutschland stark erhöhen, zumal Kinder engeren Kontakt pflegen als Erwachsene im Büro.

Die Studienlage zur Rolle der Kinder war bislang widersprüchlich. So haben Behörden in dem stark vom Virus betroffenen italienischen Ort Vo rund 80 Prozent der 3300 Einwohner auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 getestet, knapp 100 waren positiv - aber kein einziges Kind unter zehn Jahren. Auch Studien aus Island, Norwegen und Südkorea haben nur wenige Infektionen unter Kindern gefunden. Und in den Niederlanden machten Behörden in keinem einzigen Ansteckungsfall unter Zehntausenden einen Minderjährigen als Quelle aus. Laut einer statistischen Modellierung eines Teams um den Infektionsepidemiologen Nicholas Davies von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, die soeben im Fachblatt Nature Medicine erschienen ist, haben Menschen unter 20 Jahren lediglich ein halb so hohes Risiko, sich zu infizieren wie über 20-Jährige.

Die südwestdeutsche Eltern-Kind-Studie entlastet Kinder nun weiter. Insgesamt hatten mit den 1,3 Prozent nur wenige der rund 5000 Probanden die Infektion hinter sich. Die Durchseuchung der Bevölkerung ist demnach selbst im skibegeisterten Südwesten Deutschlands weiterhin gering. "Von einer Herdenimmunität sind wir sehr weit entfernt", sagte Klaus-Michael Debatin, der Direktor der Ulmer Universitätskinderklinik, der SZ. Doch unter den 64 Menschen, die Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet hatten, befanden sich 45 Erwachsene und nur 19 Kinder. Gerade die Kleinsten waren besonders wenig betroffen: Von den Ein- bis Fünfjährigen hatten nur 0,6 Prozent eine Infektion durchgemacht und von den Sechs- bis Zehnjährigen 0,9 Prozent, während es unter den Erwachsenen 1,8 Prozent waren. Außerdem waren nur bei 13 Eltern-Kind-Paaren beide infiziert - die Erkrankung eines Elternteils führte also nicht zwingend zur Erkrankung des Kindes und umgekehrt.

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"Wir haben keinen Hinweis darauf, dass die Kinder Treiber des Infektionsgeschehens sind", folgert Debatin aus diesen Daten, "und sie sind deutlich seltener infiziert als ihre Eltern. Unsere Untersuchung spricht somit nicht gegen eine Öffnung der Kindergärten."

Und das liegt offenbar nicht nur daran, dass Kinder in den vergangenen Wochen durch die Corona-Maßnahmen im Süden Deutschlands oft noch weniger Kontakte hatten als Erwachsene. Denn das ist ein häufiges Problem der aktuellen Studien zur Infektiosität von Kindern. "Fast alle verfügbaren Studien leiden unter dem Einflussfaktor, dass sich die Kinder nur in den Haushalten infizieren können, weil sie nur zu Hause sind", sagt der Corona-Experte Christian Drosten von der Charité in seinem aktuellen NDR-Podcast - allerdings nicht in Bezug auf die Heidelberger Studie. Diese ist das Problem angegangen, indem sie gezielt einen großen Teil an Kindern aus Notbetreuungen einbezog. Etwa 25 Prozent der Test-Kinder waren also in den vergangenen Wochen zumindest in Kontakt mit einigen Gleichaltrigen. Diese Kinder hatte keine höheren Ansteckungsraten als die zu Hause betreuten: "Wir können eindeutig sagen, dass es keine häufigeren Infektionen bei Kindern in Notbetreuung gab", sagt Hans-Georg Kräusslich, Dekan der Medizinischen Fakultät in Heidelberg.

Auch einem weiteren Problem begegneten die Forscher: dass Antikörpertests gerade bei niedrigen Infektionszahlen in einer Region grundsätzlich sehr fehleranfällig sind. Aus diesem Grund nutzten die südwestdeutschen Kinderkliniken mindestens zwei verschiedene Tests pro Proband.

So bleiben bei der Interpretation der Daten lediglich zwei Probleme. Erstens: Die Zahl der Probanden, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben, ist nun einmal sehr gering. Auch wenn der Unterschied der Infektionsraten zwischen Eltern und Kindern sehr deutlich ist, bleibt damit fraglich, wie valide die daraus zu ziehenden Schlüsse am Ende sind.

Und zweitens: Bei den Probanden handelt es sich nicht um zufällig ausgewählte Testpersonen; vielmehr haben sich die Familien freiwillig gemeldet, nachdem die Wissenschaftler dazu aufgerufen hatten. Ausschlusskriterien waren lediglich der bereits sichere Nachweis einer Infektion und eine bestehende Vorerkrankung. Das könnte das Ergebnis verschoben haben, weil sich womöglich viele Familien gemeldet haben, bei denen es den Verdacht auf eine Infektion gab und die es nun sicher wissen wollten. Auf das Verhältnis von erkrankten Eltern und Kindern muss das aber keine Auswirkungen haben.

Interessant wäre es, jetzt bei jenen mehr als 500 Epidemiologen und Infektionsspezialisten noch einmal nachzufragen, die jüngst von der New York Times befragt wurden, ob sich ihre Einschätzung nach den Daten aus Baden-Württemberg geändert hat. Auf die Frage, wann sie ihre Kinder wieder zur Schule schicken würden, antworteten zehn Prozent: sofort. Doch 40 Prozent würden lieber bis zum Herbst warten - und 15 Prozent sogar ein ganzes Jahr.

© SZ

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