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Risikobereitschaft in Corona-Zeiten:"Wir sind Gefährdete und Gefährder"

Max Planck Institut für Bildungsforschung; Ralph Hertwig

Ralph Hertwig arbeitet seit 2012 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er leitet den Bereich Adaptive Rationalität.

(Foto: www.arne-sattler.de)

Psychologe Ralph Hertwig erklärt, warum weiße Männer Risiken eher herunterspielen. Und wieso sich ältere Menschen trotz der Gefahr durch das Coronavirus den Einkauf ungern verbieten lassen.

Die Gefahr des Coronavirus schien zuerst weit weg mit Nachrichten aus China, dann ging plötzlich alles ganz schnell. Millionen Bürger sollen nun zu Hause bleiben, kaum Kontakt mit anderen haben. Der Psychologe Ralph Hertwig, 56, vom Max-Plack-Institut für Bildungsforschung in Berlin beschäftigt sich damit, wie Menschen mit Risiken umgehen und wie sie es schaffen, trotz vieler Unsicherheiten einen Weg durch das Leben zu finden.

SZ: Herr Hertwig, wie beurteilen Sie die Reaktion der Bevölkerung auf das neue Virus?

Ralph Hertwig: Wissenschaftlich gibt es bislang kaum publizierte Befunde. Auf der einen Seite gibt es Klagen über Hamsterkäufe, auf der anderen Seite über diejenigen, die das Ganze nicht ernst nehmen. Die im Münchner Seehaus oder anderswo eng zusammensaßen, trotz Warnungen der Behörden. Das waren vermutlich die Extreme, dazwischen konnte man aber auch viel Besonnenheit beobachten. Dabei sollte man nicht vergessen, was für ein ungeheuerliches Unterfangen gerade stattfindet: Wir unternehmen den Versuch, unser Verhalten von jetzt auf gleich radikal umzustellen. Das ist ein Experiment mit 83 Millionen Menschen, das so noch nicht stattgefunden hat.

Lange Zeit hatte man das Gefühl, außer Virologen und Ärzten nahmen die meisten Menschen die Gefahr nicht ernst. Von Hysterie war die Rede. Wie ist das zu erklären?

Es könnte daran liegen, dass das Virus mit grippeähnlichen Symptomen einhergeht und viele Menschen sagen: Das kennen wir doch. Was soll das ganze Theater? Von dem Virus gehen aber zwei Gefahren aus: Einmal die Sterberate selbst und zusätzlich das Risiko, das Gesundheitssystem massiv zu überlasten. Dass vor allem ältere Menschen nicht mehr angemessen behandelt werden können in den Krankenhäusern, weil zu viele Patienten gleichzeitig eingeliefert werden. Diese zweite Dimension muss man gut erklären, damit die Leute sie verstehen. Denn das ist neu für uns.

Es fällt auf, dass in den Debatten der vergangenen Wochen häufig Männer die Gefahr verharmlost haben. Ist das typisch für diese Bevölkerungsgruppe?

Es gibt den gut bestätigten Befund, dass Männer eine größere Bereitschaft haben, Risiken einzugehen. Zusätzlich nehmen Männer Risiken offenbar anders wahr. Im Englischen spricht man von "The White Male Effect" - der Effekt des weißen Mannes. Dabei wurde in den USA untersucht, wie Menschen verschiedene Risiken wahrnehmen, zum Beispiel Atomkraft, Schusswaffen, Autofahren, Erkrankungen. Im Ergebnis fühlten sich weiße Männer weniger bedroht als Frauen. Aber auch weniger als schwarze beziehungsweise farbige Männer. Die Erklärung lautete, dass es zwischen den Gruppen ein unterschiedliches Gefühl von Kontrolle gibt. Weiße Männer sind häufig diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen, die über den Einsatz von Technologien oder Ressourcen entscheiden. Frauen und ethnische Minderheiten fühlen sich weniger mächtig innerhalb der Gesellschaft und haben deshalb ein vermutlich empfindlicheres Gespür für Risiken. Was bei allen gleich ist: Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, nimmt mit zunehmendem Alter ab.

Ältere Menschen sind in dieser Krise die größte Risikogruppe, trotzdem beklagen sich Angehörige, dass ihre älteren Familienmitglieder weiterhin einkaufen wollen, statt zu Hause zu bleiben.

Wenn ich in unseren Supermarkt gehe, bin ich schon erstaunt, wie viele ältere Menschen sich dort aufhalten. Die Motive dafür müssen noch untersucht werden. Zum einen kann es sein, dass die älteren Menschen alleine wohnen und niemanden haben, der für sie einkauft. Es kann aber auch sein, dass der Rat, nicht mehr einkaufen zu gehen, als ein Akt der Entmündigung angesehen wird, als Entzug von Freiheit. 'Ich kann in meinem Alter schon so viele Dinge nicht mehr tun und jetzt soll ich nicht einmal mehr einkaufen gehen.' Es könnte als Bevormundung empfunden werden. Und erst mal ist es das ja auch - wenngleich aus guten Gründen.

Der Gang zum Bäcker oder Metzger als täglicher Ritus?

Absolut. Vielleicht ist es auch eine der wenigen Gelegenheiten für Senioren, überhaupt andere Menschen zu sehen. Man kennt sich beim Bäcker, hält einen kurzen Plausch - das kann ein wichtiger Teil des Soziallebens sein.

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Deutschland ist eine pluralistische, offene Gesellschaft. Die Autonomie des Einzelnen ist vielen sehr wichtig. Steht das nicht den Zielen dieser Aktion entgegen?

Es gibt hierzu erste Daten aus den USA, die noch nicht publiziert sind. Die zeigen offenbar eine Tendenz, dass Menschen, die eine libertäre Grundeinstellung haben, die großen Wert auf die Rechte des Individuums legen, die die Macht des Staates äußerst kritisch sehen, auch diejenigen sind, die sich mit den aktuellen Maßnahmen schwer tun und diese weniger akzeptieren. Vielleicht ist die Politik gut beraten, wenn sie sich überlegt, wie sie die unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft gezielt ansprechen will. Menschen kann man durch andere 'Rahmungen' des gleichen Sachverhalts überzeugen. Ein Beispiel: Sollte der Staat etwas gegen Übergewicht bei Kindern tun? Rechts von der Mitte zieht das Argument, dass es nicht mehr genügend Rekruten für die Armee geben könnte, wohingegen links von der Mitte das Argument der sozialen Ungleichheit bei Übergewicht überzeugt.

Dabei ist die Ansteckungsgefahr durch das Virus inzwischen real.

Das Virus bringt uns in eine interessante psychologische Situation, die vermutlich auch neu ist. Weil man selbst andere anstecken kann, obwohl man noch gar keine Symptome spürt, sind wir potenziell sowohl Gefährdete wie auch Gefährder.

Was ist für die Menschen wichtig, um gut durch diese unsicheren Zeiten zu kommen?

Sie brauchen allen voran gute Informationen. Warum mache ich das? Wie lange dauert es? Welches Risiko reduziere ich damit? Warum bringe ich das Opfer? Wobei hier das nächste Problem lauert: Wie viele Details sind gut für mich? Es gibt ja eine Spannbreite: Die einen sind getrieben durch ständige Eilmeldungen, konsumieren nach dem Aufstehen gleich neueste Informationen und gehen abends mit der letzten Nachricht zum Virus ins Bett. Das andere Extrem ist, den Kopf in den Sand zu stecken. Ideal wäre es, einen Mittelweg zu finden. Etwa sich zwei Mal am Tag auf den Stand der Dinge zu bringen und sich sonst eine Virus-Pause zu gönnen.

© SZ/cvei
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