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Coronavirus:Weitere Impfstudie startet in Deutschland

Corona-Impfstoff: Injektion eines potentiellen Impfstoffs bei einem Probanden in Großbritannien

Im Mai bekam dieser Proband einen Test-Impfstoff der Oxford University verabreicht. Ob die Substanz auch schützt, wird sich erst in Monaten herausstellen.

(Foto: Uncredited/dpa)

Nach dem Mainzer Unternehmen Biontech darf nun auch Curevac aus Tübingen mit Tests an Menschen beginnen.

Von Hanno Charisius

In Deutschland wird ein weiterer Corona-Impfstoff an Menschen erprobt. Das Tübinger Unternehmen Curevac darf nun mit der klinischen Prüfung seines Impfstoffkandidaten gegen das neue Coronavirus beginnen. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erteilte dem Unternehmen die Erlaubnis, den Wirkstoff an gesunden Freiwilligen zu testen. Das teilte das PEI am Mittwoch mit, es ist in Deutschland für die Zulassung, Bewertung und Chargenfreigabe von Impfstoffen verantwortlich.

Curevac will sogenannte RNA-Impfstoffe einsetzen, das sind kleine Stücke vom Viruserbgut, die in Nanopartikel verpackt in den menschlichen Körper injiziert werden. Menschliche Zellen stellen dann nach den Virus-Bauplänen Proteinstücke her, die das Immunsystem mobilisieren sollen. Mit dieser Art von Impfstoffen gibt es bislang wenig Erfahrungen. Curevac hat mit derselben Technologie allerdings einen Impfstoff gegen Tollwut entwickelt, der bereits an Menschen getestet wurde.

Insgesamt 168 gesunde Freiwillige in zwei Altersgruppen von 18 bis 40 und 41 bis 60 Jahren sollen an den Tests der sogenannten Phase I teilnehmen, in der es vor allem um Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs geht. Zusätzlich wird geprüft, wie das menschliche Immunsystem auf den Impfstoff reagiert. Je 48 Probanden bekommen 2, 4 oder 8 Mikrogramm vom Testimpfstoff verabreicht. 24 Versuchspersonen bekommen zum Vergleich eine Placebo-Injektion. Es sind Studienzentren in Hannover, Tübingen, München und im belgischen Gent beteiligt.

Über ein Jahr sollen die Teilnehmer medizinisch überwacht werden, sagte die Mikrobiologin Mariola Fotin-Mleczek aus dem Curevac-Vorstand am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zusammen mit PEI-Präsident Klaus Cichutek. Erste Ergebnisse sollen im September oder Oktober vorliegen, sagte der Curevac-Vorstandsvorsitzender Franz-Werner Haas. Dann könne auch die klinische Phase II beginnen, in der weiter die Sicherheit geprüft wird, daneben wird die richtige Dosis ermittelt und Daten zur Wirksamkeit erhoben.

In Tierversuchen habe der Impfstoffkandidat bereits eine starke Immunantwort ausgelöst, sagt Fotin-Mleczek, und die produzierten Antikörper hätten das Virus in Laborversuchen auch neutralisiert. Auch das immunologische Gedächtnis der Versuchstiere sei angeregt worden. "Die Immunantwort, die unser Impfstoff induziert, ist vergleichbar mit der von menschlichen Patienten, die eine natürliche Infektion mit Sars-CoV-2 durchlaufen haben."

Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit bereits fast 130 Impfstoffkandidaten im Rennen. Fast 20 sind bereits in unterschiedlichen Stadien der klinischen Prüfung an freiwilligen Versuchspersonen angekommen. Viele der Hoffnungsträger nutzen eine ähnliche RNA-Strategie wie Curevac. Zum Beispiel das Mainzer Unternehmen Biontech, das bereits Ende April die Genehmigung vom PEI erhalten hatte, um seinen Wirkstoff an Menschen zu testen. Dazu sollen bald die ersten Ergebnisse vorliegen.

Doch es gibt auch Impfstoffentwickler, die ganz andere Strategien verfolgen, die etwa mit abgetöteten Erregern das Immunsystem auf die Konfrontation mit dem Coronavirus vorbereiten oder Erbgutschnipsel von Sars-CoV-2 in bewährte Impfstoffe integrieren wollen, um damit die Immunabwehr des Menschen aufzustacheln. Dass es all diese Ansätze gibt, sei beruhigend, sagt PEI-Präsident Cichutek. "Wir brauchen viele verschiedene Produkte mit großen Herstellungskapazitäten, um den Bedarf der Weltbevölkerung zu decken." Zudem werden alle Impfstoffe eigene Vor- und Nachteile haben und sich für unterschiedliche Altersgruppen besser oder schlechter eignen. Auch gegen die saisonale Influenza würden den verschiedenen Altersgruppen deshalb unterschiedliche Impfstoffprodukte empfohlen.

Pikant im Zusammenhang mit den beginnenden Curevac-Studien wirkt die Tatsache, dass die Bundesregierung erst am Montag bekannt gegeben hatte, sich mit 300 Millionen Euro an dem Impfstoffentwickler aus Tübingen zu beteiligen und rund 23 Prozent der Anteile zu übernehmen. Franz-Werner Haas schließt jedoch aus, dass es Einflussnahme auf das operative Geschäft seines Unternehmens gibt. Und auch Klaus Cichutek betont, dass seine Behörde davon unbeeindruckt sei. "Wir treffen unsere Zulassungsentscheidungen unabhängig, ich sehe keine Gefahr, dass darauf Einfluss genommen wird."

Haas rechnet damit, dass, "wenn alles klappt", der Impfstoff Mitte nächsten Jahres auf den Markt kommt. "Wenn es früh gute Daten gibt, dann könnte eine Zulassung bereits Anfang des Jahres erfolgen", sagt Klaus Cichutek. Doch bereits jetzt laufe bei Curevac die Produktion einiger Millionen Dosen an, sagt Haas. Es seien zudem bereits Anlagen in Bau, die Milliarden Impfdosen liefern könnten. "Wir haben auf Erfolg geplant."

© SZ

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