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Corona-Maßnahmen:Lasst die Gaststätten offen 

Corona-Pandemie: Sperrstunde in Nordrhein-Westfalen

Kurz vor der Sperrstunde wischt eine Servicekraft neben zwei leeren Gläsern Bier über einen Tresen.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Kontrolle und klare Regeln ja - doch weitere Einschränkungen und Verbote für die Gastronomie sind kein geeignetes Mittel, um die Infektionen einzudämmen.

Kommentar von Werner Bartens

Kürzlich im angesagten Restaurant: Der Laden ist gerammelt voll, Adressangaben sind wohl nicht nötig, draußen stehen die Gäste Schlange. Innen ist es eng, der Abstand zum Nachbartisch dezent. Gelten in dieser badischen Kleinstadt andere Regeln? Der Abend mit den Verwandten wurde heiter, doch eigentlich hätte man gehen müssen. Hinterher Reue über die eigene Unvernunft; zum Glück hat sich niemand angesteckt. Einige Tage zuvor war in einem anderen Restaurant zu sehen, wie es richtig geht: Name und Telefonnummer mussten eingetragen werden, Tische im Abstand von mehr als zwei Metern, Kellner trugen Mundschutz, es gab Spender mit Desinfektionsmitteln, immer wieder öffnete jemand ein Fenster.

Die beiden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Gaststätten und Restaurants mit den Zumutungen der Pandemie umgehen. Doch die meisten halten sich an die Vorgaben, nach allem, was man weiß. Gastronomen betreiben erheblichen Aufwand, um sich, ihr Personal und die Gäste zu schützen; manche haben gar neue Lüftungsanlagen eingebaut. Penibel auf Hygiene, frische Luft und genügend Distanz zu achten, dient schließlich gleich zwei Zielen: Der eigene Betrieb und die Mitarbeiter können auf diese Weise hoffentlich durch die Krise gerettet werden - zudem wird Gästen Abwechslung und Sinnenfreude in trüben Zeiten geboten.

Das wären bereits Werte, die es zu berücksichtigen gilt, bevor der Gastronomie angesichts neuer Infektionsrekorde weitere Beschränkungen auferlegt werden. Viel entscheidender ist allerdings, dass Restaurants und Kneipen - das Robert-Koch-Institut fasst sie unter dem Begriff "Speisestätten" zusammen - bisher nicht als Treiber der Infektion gelten. Zwar lässt sich nicht immer abgrenzen, wo eine Übertragung stattgefunden hat, doch die dokumentierten Ansteckungen in Gaststätten machen nur einen minimalen Anteil am Infektionsgeschehen aus und sind weitaus seltener als im häuslichen Umfeld, in Pflegeheimen, Gemeinschaftsunterkünften oder am Arbeitsplatz.

Weitere Verbote wären vor allem ein Zeichen der politischen Hilflosigkeit

Auch die Fachliteratur gibt keine überzeugenden Belege dafür her, dass Gasthäuser gefährliche Brutstätten für Viren sind. Einige Untersuchungen aus anderen Ländern und Kulturen geben zwar erhöhte Ansteckungen an. Diese lassen sich aber zumeist nicht auf Deutschland übertragen, wo die Menschen anders essen, anders zusammensitzen und zumeist eine bessere Belüftung gewährleistet ist. Das Sozialverhalten ist rund um den Globus nicht gleich, das Infektionsrisiko auch nicht.

Insofern wären weitere Verbote und Einschränkungen für die Gastronomie vor allem ein Zeichen der politischen Hilflosigkeit. Medizinisch sinnvoll ist das nicht, genauso wenig wie Sperrstunden oder Alkoholverbot. Hinter diesen Maßnahmen steht eher Symbolpolitik nach dem Motto: Die Lage ist ernst, die Zahlen steigen - und irgendetwas müssen wir ja dagegen tun, auch wenn damit der Gastronom, der sich an alle Auflagen hält, für das Fehlverhalten des anderen büßt. Das Signal, das von solchen Regelungen ausgeht, lautet allerdings auch: Jeder sollte dazu beitragen, die Infektionsketten zu unterbrechen, enge Kontakte und größere Gruppen meiden - und auf dem Absatz umkehren, wenn sich der Ort der Verabredung als überfüllte, stickige Stube erweist.

© SZ/jael
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