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Feinstaub:Plötzlich saubere Luft dank Corona?

Morgens in Berlin

Berliner Luft

(Foto: dpa)
  • In China und Europa hat sich die Luftqualität seit Beginn der Corona-Epidemie teilweise deutlich verbessert.
  • Möglicherweise hat das mit einem geringeren Verkehrsaufkommen zu tun.
  • Doch die Zahlen schwanken enorm, ein eindeutiger Trend lässt sich bislang nicht ablesen.

Von allen Enden der Welt kommen sie derzeit, die Berichte über saubere Luft dank den Corona-Maßnahmen. Plötzlich sei der Sternenhimmel klar, heißt es, endlich könne man wieder durchatmen. Aber wie groß ist der Effekt wirklich?

Seit 2014 war die Feinstaub-Belastung in vielen chinesischen Städten im Februar laut offiziellen Angaben nicht mehr so niedrig wie in diesem Jahr. In einer vorläufigen Analyse von Satellitendaten kamen Nasa-Experten zudem zum Ergebnis, dass die Stickstoffdioxid-Konzentrationen in China im Februar zehn bis 30 Prozent niedriger lagen als im Schnitt der vergangenen Jahre. Auch über den USA und Kanada zeichneten Satelliten niedrigere Stickoxid-Werte auf als vor einem Jahr.

Der wirtschaftliche Stillstand ließ die Stickstoff-Konzentrationen in China Anfang des Jahres sinken.

(Foto: Nasa)

In Europa ist seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen ebenfalls ungewöhnlich saubere Luft zu beobachten. Satellitendaten aus dem Copernicus-Programm der europäischen Raumfahrtagentur Esa, die die Wetterbehörde der Niederlande (KNMI) aufbereitet hat, zeigen im März 2020 über Großstädten in Frankreich, Spanien, Norditalien und Westdeutschland eine deutlich geringere Stickoxidbelastung als ein Jahr zuvor.

Es ist noch nicht klar, welchen Einfluss die Quarantänemaßnahmen hatten

Aber das heißt noch lange nicht, dass die Quarantänemaßnahmen allein wirklich so eine massive Wirkung hatten. Auch die KNMI-Forscher betonen, dass für eine finale Einschätzung noch gründlichere Analysen nötig sind. Zwar wäre ein Rückgang der Stickoxide logisch. Schließlich stammen sie ganz überwiegend aus dem Verkehr, und der ist in der Corona-Krise deutlich zurückgegangen. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, aber laut einer Erhebung auf Autobahnen, Bundes- und Landstraßen in Nordrhein-Westfalen waren am Wochenende bis zu 70 Prozent weniger Autos unterwegs, unter der Woche in Ballungsräumen bis zu 40 Prozent weniger.

Andererseits aber ist Luftverschmutzung eine komplexe Angelegenheit. Veränderte Emissionen führen wegen allerlei chemischer Reaktionen nur indirekt zu veränderten Konzentrationen; das Wetter hat einen starken Einfluss, weil sich etwa in Inversionslagen die Schadstoffe am Boden sammeln, und die Messung ist auch nicht ganz trivial. Darum ist Ute Dauert vom Umweltbundesamt sehr vorsichtig, was den Corona-Effekt auf die Luft in Deutschland angeht. "Satellitendaten zeigen eine Momentaufnahme der Schadstoffe in der gesamten Luftsäule. Was man im Tagesverlauf in Bodennähe einatmet, weiß man dann noch lange nicht", sagt die Leiterin des Fachgebiets Luftqualität.

"Teils ist die morgendliche NO₂-Spitze sogar höher als üblich"

Das Stationsnetz könnte zwar weiterhelfen, aber die Schwankungen sind enorm, wovon man sich auf den Uba-Seiten im Netz überzeugen kann: Zwar sind die Werte an einigen stark belasteten Standorten wie München-Landshuter Allee, Stuttgart-Neckartor oder Hamburg-Habichtstraße derzeit tendenziell etwas besser als sonst, aber die Variabilität ist so groß, dass sich kaum ein Trend ablesen lässt.

Auch zwischen den Stationen, die Ute Dauert und ihre Kollegen exemplarisch ausgewertet haben, zeigten sich große Unterschiede. "Teils ist die morgendliche NO₂-Spitze sogar höher als üblich, vielleicht weil die Leute öffentliche Verkehrsmittel meiden", sagt Dauert. "An anderen Orten gibt es keine Veränderung, oder viel niedrigere Werte." Seriöse Aussagen über die Auswirkungen der Krise könne man daher erst machen, wenn alle Daten vorliegen, etwa auch die Verkehrszahlen.

Was die Feinstaub-Konzentrationen angeht, ist die Lage noch komplizierter, weil Feinstaub auch aus natürlichen Quellen, aus der Landwirtschaft oder aus privaten Kaminen kommt. Erst kürzlich waren die Werte vielerorts leicht erhöht - mitten in der Quarantäne. Womöglich lag das auch daran, dass Bauern auf den Feldern Gülle ausbrachten; dabei entsteht Feinstaub, Corona-Krise hin oder her.

© SZ.de/cvei
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