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Coronavirus in Deutschland:Vorerst reichen die Intensivbetten

Patientenrückgang in Kliniken

Corona-Patient in einem isolierten Intensivbett-Zimmer in einer Klinik in Gauting bei München.

(Foto: dpa)

Statistiker sehen den Bedarf für Corona-Kranke in der Bundesrepublik gedeckt - aber nur solange die Infektionszahlen nicht dramatisch steigen.

Von Werner Bartens

Die Beschränkungen zur Begrenzung der Corona-Pandemie zeigen erste Erfolge. Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen geht zurück, die Reproduktionsrate - also die Menge an Menschen, die ein einzelner Infizierter ansteckt - ebenso. Epidemiologen und Statistiker des Uniklinikums Essen zeigen nun im Deutschen Ärzteblatt, dass die Kapazität der Intensivbetten für Covid-19-Kranke in Deutschland vorerst ausreichen müsste.

Wochenlang war es das Ziel hiesiger Medizin und Politik, "Zustände wie in Italien" zu vermeiden. Dort mussten Ärzte in besonders betroffenen Regionen entscheiden, welche Kranken intensivmedizinische Therapie bekamen - und welche nicht. Diese als Triage bezeichnet Auswahl führte dazu, dass etliche Patienten nicht behandelt wurden und starben.

In Deutschland sei dies nach derzeitigem Stand nicht zu befürchten, so die Autoren um Andreas Stang, da auch unter Annahme unterschiedlich pessimistischer Szenarien genügend freie Intensivbetten zur Verfügung stünden. "Unsere Ergebnisse geben keinen Anlass zu einer Diskussion über eine Triage von Covid-19-Patienten in Deutschland", schreiben die Forscher.

Die Wissenschaftler hatten Stand Mitte April 30 005 Intensivbetten in Deutschland ermittelt. Diese waren zu knapp 60 Prozent belegt, größtenteils von Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt waren. Sodann berechneten die Forscher, wie sich der Bedarf bis Ende Juni entwickeln könnte.

Der angenommene Anstieg der Fallzahlen lag in der Spanne zwischen 4133 und 12 233 Fällen - derzeit sind es "nur" etwa 2500 Neuinfektionen täglich. Würden sechs Prozent der Infizierten zu Intensivpatienten und müssten 14 bis 20 Tage behandelt werden, würden zwischen 3500 und 14 500 Intensivbetten von Covid-19-Kranken belegt sein. Dies würden die Kapazitäten hergeben.

Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung, dass die Intensivbetten nicht ausreichen, wären nach heutigen Stand demnach unbegründet. Die Prognose gelte allerdings nur, wenn auf die derzeitige Lockerung nicht wieder ein exponentieller Anstieg der Neuinfektionen folgt. Dann sei die Berechnung hinfällig.

Die Notwendigkeit, tagesaktuell die Bedrohung einzuschätzen

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sieht die Hochrechnung skeptisch. "Wir halten solche Aussagen für gefährlich und inhaltlich falsch", sagt Christian Karagiannidis, Sprecher des Divi-Intensivregisters. "Anhand unserer Daten und der intensivmedizinischen Erfahrung kann es Szenarien geben, in denen eine lineare Steigerung zur Überlastung führt, etwa in den Wintermonaten."

Andererseits könne im Sommer ein begrenztes exponentielles Wachstum vom Gesundheitswesen getragen werden.

Die Forscher hatten ihre Analyse auf die Zeit bis Ende Juni begrenzt. Der Bedarf an Intensivbetten ist stark davon abhängig, wie viele nicht an Covid-19 erkrankte Patienten dort behandelt werden. Auch weiterhin ist es nötig, tagesaktuell die Bedrohung einzuschätzen und dabei die Belegdaten aus dem Intensivregister zu berücksichtigen.

© SZ vom 24.04.2020/odg
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