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Corona-Folgen:Wenn Verbote auf die Seele schlagen

Corona-Impfung bei Kindern - eine Risiko-Nutzen-Abwägung?

Sollen Schüler eine besondere Unterstützung bekommen, oder doch eher die Senioren? Solche Fragen will die Kreis-SPD beantwortet haben.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Depressionen, Ängste, Essstörungen: Die psychische Not von Kindern und Jugendlichen im Lockdown wächst.

Von Christina Berndt und Vera Schroeder

Es war ein Schreckenswort, das der Kinderarzt Jakob Maske benutzte, um das Leid der Jüngsten in der Pandemie auszudrücken. "Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt", sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) der Rheinischen Post. "Wer nicht suizidgefährdet ist und 'nur' eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen." Das Wort Triage lässt zusammenzucken. Die meisten Menschen haben es erst während der Pandemie kennengelernt, als Ärzte in Bergamo auswählen mussten, welche Patienten sie noch behandeln konnten. Jetzt nutzte Jakob Maske es für suizidgefährdete Kinder in Deutschland. Der Kinderarzt wollte offenbar unmissverständlich klarmachen: Die Not ist entsetzlich groß, es muss sich etwas ändern.

Letzteres sieht auch Jörg Dötsch so. Schulen und Kitas müssten so schnell wie möglich öffnen, forderte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Es sei "absolut notwendig", Kindern wieder "ein normales soziales Leben zu ermöglichen, damit sie sich normal entwickeln können", sagte er. "Jetzt ist es an der Zeit, das Ruder herumzureißen."

"Triage" sei in diesem Zusammenhang übertrieben, sagt Klinik-Direktor Freisleder

Dass die Seelen vieler Kinder und Jugendlicher in der Pandemie angegriffen sind, haben Studien längst belegt. Demnach haben depressive Symptome und Ängste drastisch zugenommen. Wie viel häufiger aber echte psychische Krankheiten sind, dazu fehlen Daten. Nachfragen in Kinder- und Jugendpsychiatrien lassen das Ausmaß lediglich erahnen. "Den Begriff Triage halte ich in diesem Zusammenhang für übertrieben", sagt etwa Franz Joseph Freisleder, der Direktor der Heckscher-Klinik in München. "Es ist nicht so, dass wir behandlungsbedürftige Kinder abweisen müssen." Dennoch sei die Situation während der Pandemie immer wieder schwierig und herausfordernd. Zuletzt sei auch die Notfallambulanz sehr in Anspruch genommen worden.

Ähnliches berichtet Luise Poustka, die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Göttingen. "Die regulären Krisenbetten mit besonders schweren Fällen sind momentan dauerhaft überbelegt", sagt sie. Vor allem Depressionen und Essstörungen hätten zugenommen, die Verläufe seien oft besonders schwer. So seien viele depressive Jugendliche suizidal und Jugendliche mit Essstörungen zum Teil so schwer krank, dass sie über Magensonden ernährt werden müssten.

Die Kinder hätten in der Pandemie wenig Ausgleich. Nicht nur die Schulen seien geschlossen, auch Sport und Musik könnten nicht oder nur eingeschränkt stattfinden. Mit Freunden rauszugehen, sich bewegen, mit Gleichaltrigen entwickeln - Kinder seien ohne dies oft isolierter und trauriger. "Das Positive fehlt", sagt Poustka. Auch Franz Joseph Freisleder sagt: Die Kinder bräuchten mehr Struktur und Freiraum. "Ich wünsche mir, dass Kinder so schnell wie irgend möglich wieder unter normalen Bedingungen leben können."

Die Kinder impfen lassen? Das gefällt nicht allen Eltern

Um Schulen sicher öffnen zu können, will die Bundesregierung allen Teenagern bis zum Ende der Sommerferien ein Impfangebot machen. Der Impfstoff von Biontech ist bereits ab 16 Jahren zugelassen, über die Zulassung ab zwölf Jahren wird die Europäische Arzneimittel-Agentur in Kürze entscheiden. Einzelne Schulen etwa in Planegg bei München oder in Langenfeld im Rheinland planen bereits Angebote für Reihenimpfungen während der Unterrichtszeit. Das hat zum Teil Begeisterung, zum Teil aber auch heftigen Unmut ausgelöst. So fürchten manche Menschen mit Vorerkrankungen, dadurch noch später mit dem Impfen dran zu sein. Allerdings dürfte eine bevorzugte Impfung von Teenagern kaum ins Gewicht fallen. Es gibt etwa 4,5 Millionen Zwölf- bis 17-Jährige in Deutschland, von denen sicher nicht alle geimpft werden wollen.

Die Impfung von Kindern stößt aber auch bei Eltern nicht auf ungeteilte Begeisterung. Manche Eltern freuen sich, dass ihre Kinder geschützt werden und auf die Art womöglich mehr Chancen auf dauerhaft offene Schulen haben. Andere halten das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfung für Kinder für zu schlecht. Kinder hätten selbst wenig von der Impfung, da sie nur selten schwer erkrankten, beklagen sie; offene Schulen an die Impfung zu knüpfen, könnte am Ende eine verkappte Impfpflicht bedeuten. Dabei bewegt die Befürworter wie Gegner von Impfungen für Kinder wohl letztlich dasselbe Motiv. Junge Menschen sind in der Pandemie allzu oft ins Hintertreffen geraten oder mussten mit ihren Bedürfnissen für übergeordnete Interessen zurückstecken. Das soll beim Thema Impfen nicht wieder passieren.

© SZ
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