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Ende der Impfpriorisierung:Sorge vor dem Ansturm auf die Praxen

Corona-Impfung: Eine Patientin wird in einer Arztpraxis geimpft

Ist es richtig, die Impfpriorisierung jetzt aufzuheben? Experten und Ärzten sind geteilter Meinung.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Anfang kommender Woche endet die feste Impfreihenfolge. Aber ist das eine gute Idee, solange noch nicht alle priorisierten Gruppen geimpft sind?

Von Henrike Roßbach, Berlin, und Christina Kunkel

In der Politik geht es ja oft ums richtige Timing, also den bestmöglichen Zeitpunkt für eine Wortmeldung, Ankündigung oder Positionierung. Der Bundesgesundheitsminister war in dieser Sache am Dienstag jedenfalls gleich in zweierlei Hinsicht zufrieden: Erstens war seine eigentlich freitägliche Pressekonferenz zur Corona-Lage aus Termingründen vorverlegt worden - weshalb Jens Spahn nun just an dem Tag vor die Presse trat, an dem das Robert-Koch-Institut die Risikolage in Deutschland von "sehr hoch" auf "hoch" heruntergestuft hat. "Gut gewählt", sagte der Minister dazu, und dass es ein "richtig guter Sommer" werden könnte. Zweitens machte Spahn dann noch deutlich, dass er einen weiteren Zeitpunkt für gut gewählt hält. Nämlich den 7. Juni als den Tag, an dem hierzulande die Impfpriorisierung aufgehoben wird.

Angesichts sorgenvoller Wortmeldungen aus der Ärzteschaft, dass die Praxen dem erwarteten Ansturm womöglich nicht gewachsen sein könnten - und der Tatsache, dass nach wie vor nicht alle priorisierten Bürger ein erstes Mal geimpft sind, stellt sich allerdings die Frage: Ist das nicht ein bisschen viel Optimismus?

"Ja", sagte Spahn, es gebe sowohl in Gruppe eins, zwei wie auch drei noch Menschen ohne Impftermin. Die Herausforderung aber sei, dass die Impfbereitschaft in keiner Altersgruppe 100 Prozent betrage. "Deshalb ist es für uns auch eine Entscheidung: Wann ist der richtige Zeitpunkt, die nächste Gruppe zu öffnen?" In "großer Mehrheit" sei man übereingekommen, dass am 7. Juni der nächste Schritt gegangen werden könne. "Wir können nicht immer warten, bis 100 Prozent erreicht sind in der jeweiligen Gruppe", sagte Spahn. Die politische Botschaft ist klar: Die Impfkampagne darf nicht gebremst werden, indem noch auf den Letzten gewartet wird.

Dominik von Stillfried sieht das mit dem Timing offenbar ähnlich wie der Minister. "Es ist definitiv der richtige Zeitpunkt", sagt der Vorsitzende des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) über den 7. Juni. Nach Berechnungen des Instituts sei ein Großteil der Impfwilligen aus den Risikogruppen mindestens mit der ersten Spritze versorgt. Teilweise sei deshalb in den vergangenen Wochen in den Praxen der niedergelassenen Ärzte auch schon außerhalb der Priorisierungsgruppen geimpft worden. "Es geht jetzt darum, die Impfgeschwindigkeit aufrechtzuerhalten", sagt Stillfried.

Gassen findet, die Politik habe zu große Erwartungen geschürt

"Grundsätzlich" begrüßt auch Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, das Ende der Priorisierung. Aber: "Voraussetzung ist natürlich, dass ausreichend Impfstoffe da sind und die angekündigten großen Impfstoffmengen am 7. Juni noch eintreffen werden." Gassen findet, die Politik habe zu große Erwartungen geschürt. "Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die Ankündigung der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten von letzter Woche, auch noch Kindern und Jugendlichen ein Impfangebot zu unterbreiten", sagt der Ärztevertreter. Er rechnet mit einem "Massenansturm auf die Praxen" und appelliert an alle, Geduld zu haben. "Wir werden alle impfen können - und das schnell, aber nicht sofort und alle gleichzeitig."

Auch Jana Husemann, Vorsitzende des Hamburger Hausärzteverbands, warnt: "Wir haben zum einen momentan wieder einen deutlichen Rückgang der Impfstoffliefermengen, zum anderen werden immer neue Kanäle aufgemacht wie Impfungen in den Betrieben oder auch für Jugendliche." Ein Großteil der Dosen werde aber aktuell für Zweitimpfungen gebraucht.

Doch es gibt auch andere Stimmen. "Wir haben eher ein Verteilungs- als ein Mengenproblem", sagt etwa Christian Kröner, Hausarzt im bayerischen Neu-Ulm. Er und sein Praxisteam impfen im Akkord, doch es sei zunehmend schwierig, den Impfstoff zeitnah in Oberarme zu bekommen, trotz langer Anmeldelisten. "Manche sind gerade im Urlaub, andere wollen den angebotenen Impfstoff nicht, manche erscheinen trotz gebuchtem Termin einfach nicht."

Vor allem Astra Zeneca wird zum Ladenhüter. Laut Stillfried vom ZI bestellt mittlerweile nicht einmal mehr jeder zweite niedergelassene Arzt dieses Vakzin. Bei Kröner lagern die Astra-Zeneca-Ampullen im Kühlschrank, obwohl er theoretisch eine unbegrenzte Menge davon ordern könnte. Ähnliches berichtet auch Ulf Zitterbart, Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbands. Während der Impfstoff von Johnson & Johnson, der nur einmal verabreicht werden muss, gut angenommen werde, sei die Skepsis gegenüber Astra Zeneca groß. "Aber insgesamt habe ich schon den Eindruck, dass bei den Impfungen langsam Routine reinkommt", sagt Zitterbart.

Trotz aller Verunsicherungen scheint das Ende der Durststrecke absehbar zu sein. Stillfried wie auch Spahn sagen: Bis Mitte Juli könne, Stand jetzt, 80 bis 90 Prozent aller impfwilligen Erwachsenen ein Angebot gemacht werden.

© SZ/jael
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