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Corona-Krise:Wissenschaft ist kein Service-Apparat für Politiker

Coronavirus - Labor

Eine Mitarbeiterin am Institut für Virologie der technischen Universität München bereitet Proben von Menschen mit Covid-19-Verdacht für die weitere Analyse vor.

(Foto: dpa)

Armin Laschet will sie, Hubert Aiwanger auch: schnelle und eindeutige Antworten zu Sars-CoV-2 aus den Laboren der Welt. Ein großes Missverständnis.

Kommentar von Felix Hütten

Das Vertrauen sei so groß wie nie, was ein Glück! Immerhin knapp drei Viertel der Menschen in Deutschland vertrauen in Corona-Zeiten der Wissenschaft, wie eine Umfrage der Initiative "Wissenschaft im Dialog" nahelegt. Es sind beruhigende Nachrichten in turbulenten Zeiten, immerhin stehen Wissenschaftler derzeit im Rampenlicht wie schon lange nicht mehr. Kitas auf oder zu? Flugzeuge am Boden lassen, Restaurants verrammeln? Die Wissenschaft soll diese Fragen beantworten.

Es ist gut zu erfahren, dass wahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen Forscherinnen und Forschern vertraut, dass diese mit allen Kräften versuchen, Daten und Erkenntnisse zum neuen Coronavirus zusammenzutragen, um Politik und Gesellschaft möglichst fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.

Der Gesellschaft könnte mehr Fokus auf wissenschaftliche Prinzipien gut tun

Das andere Viertel der Befragten hingegen sieht die Arbeit der Forschung eher kritisch, was natürlich jeder und jedem freisteht, dennoch aber nachdenklich macht. Besonders frappierend wird es, wenn sich Politiker wie Armin Laschet oder Hubert Aiwanger in aller Öffentlichkeit über "die Wissenschaft" beklagen, die ihnen nicht schnell und nicht eindeutig genug Ergebnisse präsentiert. Hier offenbart sich ein grundlegendes Missverständnis "der Wissenschaft": Denn diese ist kein Service-Apparat, der druckfertige Entscheidungshilfen für gestresste Politiker liefert, sondern von der Gesellschaft dazu beauftragt ist, grundlegende Erkenntnisse über wichtige Zusammenhänge zu ergründen.

Im Falle von Sars-CoV-2 geschieht dies übrigens in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit, wenn man bedenkt, dass die ersten Meldungen zu dem Virus etwa ein halbes Jahr alt sind. Gerade am Anfang ist es normal, dass sich wissenschaftliche Ergebnisse nicht sofort zu einem klaren Bild zusammenfügen. Daraus aber lässt sich nicht ein Versagen "der Wissenschaft" ableiten, im Gegenteil.

Der Gesellschaft also, womöglich auch jenen, die der Arbeit der Forschung vertrauen, könnte mehr Fokus auf wissenschaftliche Prinzipien guttun. Die Debatten über eine Lockerung oder gar Beendigung der Beschränkungen zum Beispiel lassen ahnen, dass zwar viele meinen, dass das Virus gefährlich ist, einen persönlich aber schon nicht treffen wird. "Die Wissenschaft" widerspricht eindeutig.

© SZ vom 02.05.2020/fehu
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