Corona und die Folgen:Die Vergessenen

Kind schaut aus dem Fenster

Untersuchungen zeigen: Die Psyche von Kindern und Jugendlichen leidet unter Corona.

(Foto: Sebastian Gollnow/picture alliance/dpa)

Kinder und Jugendliche werden in der Pandemie oft hintangestellt. Ein Drittel kämpft mit psychischen Auffälligkeiten. Experten fordern nun dringend einen Strategiewechsel.

Von Vera Schroeder

Das deutsche Pandemiekonzept für Familien und Kinder lässt sich mit einem Wort beschreiben: durchwurschteln. Doch was niedlich klingt, beschreibt einen Zustand echter Not. Selten waren sich Eltern, Lehrerinnen, Erzieher, Kinderärztinnen, Psychologen, Sozialpädagoginnen und Vertreterinnen der Jugendverbände so einig: Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie wie Schiebemasse im Maßnahmenchaos behandelt. Während sich die Gesellschaft in einem kollektiven Kraftakt zusammenraufte, um die Schwächsten auf der einen Seite, nämlich die Älteren, vor einem neuen Virus zu schützen und gleichzeitig die Wirtschaft zu retten, wurden die Schwächsten auf der anderen Seite weitgehend vergessen.

"Das ist kein neues Phänomen", erklärt Karin Böllert, Professorin für Erziehungswissenschaften in Münster und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, die am Dienstag in Berlin unter der Überschrift "Chancen-Check in der Corona-Pandemie" ihren Kinder- und Jugend(hilfe)-Monitor 2021 vorstellte. "Kinder haben in Deutschland generell eine schlechte Lobby. Das war auch schon vor Corona so. Jedes 5. Kind in diesem reichen Land wächst in Armut auf. Corona hat die Situation verschärft und sichtbar gemacht", sagt Böllert der Süddeutschen Zeitung.

Das Ergebnis des Monitorings fällt entsprechend düster aus: Die Pandemie hat die soziale Schieflage von Familien drastisch verschlimmert. Sie hat zusätzliche Löcher ins soziale Netz gerissen. Angst und Unbehagen sind bei jungen Menschen das dominante Gefühl in der Krise. Jedes dritte Kind zwischen elf und 17 Jahren leidet coronabedingt unter psychischen Auffälligkeiten, andere Untersuchungen gehen von ähnlichen Werten für noch Jüngere aus. Über ein Drittel der Familien habe seit der Pandemie größere Geldsorgen, besonders betroffen sind dabei Ein-Eltern-Haushalte. "Familien mit niedrigen Einkommen sind von alledem deutlich stärker getroffen. Lockdown bedeutet für sie: Leben auf engem Raum, kein digitales Homeschooling, keine Eltern, die im Home-Office das Lernen begleiten können", so Böllert.

Einen Fokus legt das Monitoring zudem auf die "Härtefall-Situation" der mehr als 320 000 unter 25-Jährigen, die schwerbehindert sind. Viele der Familien mit behinderten Kindern hätten sich über Monate komplett isolieren müssen, Familien und Einrichtungen waren und sind im Schutz-Modus. "Und das ganz häufig ohne behindertengerechte IT-Technik. Damit waren oft nicht einmal digitale Kontakte mit anderen möglich", kritisiert Böllert.

"Mit Nachhilfestunden in den Sommerferien ist das auf jeden Fall nicht getan."

Wo also anfangen, wenn man diese "riesige Wunde", wie Johannes Hübner, der stellvertretende Direktor des Haunerschen Kinderspitals der Universität München, die aktuelle Situation beschreibt, heilen möchte? "Mit Nachhilfestunden in den Sommerferien ist das auf jeden Fall nicht getan", sagt Hübner, der seit Beginn der Pandemie für mehr Aufmerksamkeit für die Nebeneffekte von Schulschließungen und anderen massiven Einschränkungen im Sozialleben von Kindern kämpft. Dass in den Pandemie-Beratergremien der Bundesregierung keine Kinderärztinnen, Sozialpädagogen oder Psychologinnen einbezogen wurden, wundert und ärgert ihn bis heute.

Auch für die Zukunft scheint es den entsprechenden Ministerien eher schwerzufallen, die Bedürfnisse der Kinder jenseits von ihrer Entwicklung als zukünftige Leistungsträger im Blick zu haben. Eine komplette Hälfte des in der vergangenen Woche von Familienministerin Franziska Giffey und Bildungsministerin Anja Karliczek verkündeten zwei Milliarden Euro schweren "Aktionsprogramms Aufholen nach Corona" soll für Fördermaßnahmen zum Abbau pandemiebedingter Lernrückstände in den Kernfächern zur Verfügung stehen. Ideen also wie Nachhilfe und Lernwerkstätten in den Sommerferien für die laut Karliczek 20 bis 25 Prozent der Kinder, die "substantielle Lernrückstände" entwickelt hätten. Die andere Hälfte des Geldes soll in frühkindliche Bildung, außerschulische Angebote und Mentoringprogramme gesteckt werden.

"Allein der Begriff 'Aufholen' deutet die Perspektive an", sagt Menno Baumann, der als Professor für Intensivpädagogik in Düsseldorf lehrt und sich seit Monaten mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie beschäftigt. "Denen, die abgehängt wurden, mehr Lerndruck zu machen, ist der falsche Weg. Kinder brauchen keine defizitorientierten, sondern ressourcenstärkende Aktionen. Sichere Kontaktgestaltung, Anerkennung dessen, was sie in der Pandemie geleistet haben, das Gefühl von gesellschaftlicher Solidarität."

Die Kraft und das Geld müssten deshalb jetzt vor allem dorthin fließen, wo Kinder gestärkt und gesehen werden: "Wo sind die Open-Air-Zirkusprojekte, die es jetzt braucht? Die Bandprojekte? Die Outdoorkletteranlagen?" Für einen Teil des Geldes, den die Regierung in Nachhilfe stecken will, hätte er sich außerdem schon vor einem Jahr Luftfilter für alle Klassenzimmer des Landes gewünscht - oder spätestens jetzt, in aufmerksamer Vorbereitung auf den Herbst.

Auch Karin Böllert sieht hinter der politischen Fokussierung auf Schuldefizite einen Rückfall in Bildungsideale, die man längst hinter sich wähnte. Am Dienstag forderte die Chefin der Kinder- und Jugendhilfe stattdessen einen "Post-Corona-Sonderurlaub" für Kinder, Jugendliche und deren Eltern. Sie will Urlaubstage für alle Familien und Urlaubsgutscheine für Familien mit niedrigem Einkommen - als "Dankeschön für das, was die Familien in der Pandemie geleistet haben".

Ob solche Ideen Gehör finden, bleibt abzuwarten. In Bayern bereiten sich derzeit die Hotels inklusive Wellnessbereiche in Innenräumen auf eine Wiedereröffnung zum 21. Mai vor. Wann Kinder, Jugendliche und Familien wieder ins Freibad gehen können, ist hingegen nicht bekannt.

© SZ
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