UN-Klimagipfel:Lenk! Nicht! Ab!

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COP26 in Glasgow

Ein Privatjet landet auf dem Flughafen Glasgow-Prestwick. Ganz in der Nähe versuchen sich die Staats- und Regierungschefs an der Rettung des Weltklimas.

(Foto: REUTERS)

Wer sich darüber aufregt, dass zum Klimagipfel in Glasgow auch viel geflogen wird, geht einem Spaltungsmanöver konservativer Medien auf den Leim.

Kommentar von Vera Schroeder

Das musste ja kommen. Die englische Boulevardzeitung The Daily Mail hat Reporter an die Flughäfen in Glasgow und Edinburgh abgestellt, die beobachten sollten, welche Gäste der Klimakonferenz dort aus welchem dicken Flugzeug oder Privatjet steigen. Boris Johnson zum Beispiel legte die 600 Kilometer heim nach London im Flieger zurück! Oder Jeff Bezos, der angeblich direkt von Bill Gates Geburtstagsparty auf einer Luxusjacht vor der türkischen Küste angeflattert kam! Und das, obwohl es um eine Konferenz gehe, auf der sich Menschen treffen, die dem gemeinen Volk womöglich eines Tages das Schnitzelessen verbieten wollen. Heuchlerisch! Widersprüchlich! Moralisch höchst verwerflich, skandalisierte die sehr konservative Zeitung. Die Empörungsmaschinerie sprang dankbar an.

Weil das platte Leugnen nicht mehr möglich ist, wird aufs Ablenken gesetzt

Als Mensch, der es durchaus nachvollziehen kann, dass Joe Biden nicht nach Schottland schwimmt, mag man den Zeigefingermechanismus hinter solchen Attacken auf den ersten Blick albern finden - und ansonsten am besten nicht der Rede wert. Tatsächlich aber steckt eine Strategie dahinter, die Kommunikationsexperten immer öfter als neue Taktik der Wissenschaftsleugnung ausmachen. Weil das platte Verleugnen des Klimawandels auch in den rückwärtsgewandtesten Kreisen nicht mehr glaubwürdig ist, aber das Ende des fossilen Zeitalters dennoch möglichst lange hinausgezögert werden soll, ist man vom Leugnen zum Ablenken übergegangen.

In dem Bemühen, dem individuellen Verhalten der Menschen und ihrer moralischen Reinheit die größte Verantwortung für die Bewältigung der Klimakrise zuzuschieben, wird von systemischen Ebenen, also industrieller wie politischer Verantwortung, abgelenkt und versucht, die Klimabewegung zu spalten. Die Bezichtigung der Heuchlerei sei ein sehr effektives Mittel, um wichtige Veränderungen zu diskreditieren, schreibt etwa der amerikanische Klimawissenschaftler Michael E. Mann in seinem Buch "Propagandaschlacht ums Klima". Die Aktion der Daily Mail ist ein Musterbeispiel für diese Taktik.

Wirkliche Fortschritte im Klimaschutz wird es nie durch moralisch korrektes Verhalten oder die Beschimpfung Einzelner geben, ganz egal, ob es dabei um den SUV des Nachbarn, Gretas gar-nicht-mal-so-klimafreundliche Segeltour nach USA oder Prinz Williams Privatflieger nach Glasgow geht. Um die Erderhitzung abzubremsen, braucht es globale Vereinbarungen und Politik, die diese dann durchsetzt. Also genau das, worum in Glasgow gerungen wird.

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