Codex Sinaiticus Uralt-Bibel im Internet

Die älteste Bibelhandschrift der Welt, der Codex Sinaiticus, feiert derzeit im Internet seine Wiederauferstehung. Die ersten Teile sind bereits online.

Von Jessica Buschmann

Für dieses Buch mussten 700 Kälber sterben. Aus den Häuten der Tiere stellten Pergament-Macher die Seiten her, auf denen im vierten Jahrhundert die Heilige Schrift niedergeschrieben wurde. Die Schreiber in einer Werkstatt übertrugen - angefangen beim Buch Genesis - die Bibel in altgriechischer Sprache auf die Tierhäute.

Der Codex Sinaiticus ist auf Altgriechisch verfasst. Das Pergament besteht aus Tierhäuten.

(Foto: Foto: oh)

Es entstand der Codex Sinaiticus, der als die älteste Bibelhandschrift der Welt gilt und derzeit im Internet seine Wiederauferstehung feiert. Bei einem internationalen Digitalisierungs-Projekt der Universitätsbibliothek Leipzig, der British Library in London und der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg werden die einzelnen Pergament-Seiten eingescannt und auf der Internetseite www.codex-sinaiticus.net veröffentlicht.

Auf einer internationalen Tagung der Society of Biblical Literature in Boston, die am Dienstag zu Ende ging, stellten Mitarbeiter der British Library und der Universität Birmingham den Fortschritt des Projektes vor. Am vergangenen Wochenende wurden unter anderem Teile des Hohen Liedes und der Sprüche online gestellt.

Im Internet wird damit eine Handschrift wieder vereint, deren einzelne Seiten über ganz Europa verstreut sind. Im sechsten Jahrhundert gelangte der Codex Sinaiticus in das Katharinenkloster am Fuße des Bergs Sinai. Dort geriet die Handschrift über die Jahrhunderte in Vergessenheit, kaum ein Klosterbruder konnte noch die altgriechischen Seiten lesen.

Als der Leipziger Theologe Konstantin von Tischendorf 1844 das Katharinenkloster besuchte, entdecke er einen Teil der Blätter in einen Korb gestopft in der Klosterbibliothek. Tischendorf hatte sein Leben der Suche nach alten Bibel-Abschriften gewidmet. Die Entdeckung des Codex Sinaiticus war die Krönung seiner langjährigen Arbeit.

"Erstmals seit über 150 Jahren wieder vereint"

"Die Geschichte der Entdeckung des Codex Sinaiticus ist gleichzeitig die Geschichte seiner Fragmentierung", sagt Ulrich Johannes Schneider, Leiter der Universitätsbibliothek Leipzig. Konstantin von Tischendorf brachte von jeder seiner folgenden Reisen weitere Teile der Handschrift nach Europa: 43 Seiten lieferte er 1844 dem sächsischen König nach Leipzig.

15 Jahre später überreichte er dem russischen Zaren in St. Petersburg 346 Pergamentstücke. "Wo die Blätter hingelangten, hing davon ab, wer die Reise finanzierte", sagt der Theologe Christfried Böttrich von der Universität Greifswald. Über 60 Jahre waren die Blätter in der Russischen Nationalbibliothek ausgelegt, bis Stalin sie 1933 nach London verkaufte. Sechs Seiten finden sich aber noch heute in St. Petersburg. Ein Dutzend weitere wurden 1975 zusätzlich im Katharinenkloster entdeckt.

"Erstmals seit über 150 Jahren ist der Codex Sinaiticus nun wieder vereint", sagt Schneider. Die Initiative für das Projekt kam aus England. Die British Library stellte 2001 den Kontakt zum Katharinenkloster her, das ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist. Gemeinsam erkundete man, wie neue Techniken genutzt werden könnten, um die verstreuten Puzzleteile im Internet zusammenzufügen. 2005 unterzeichneten die vier Bibliotheken einen Vertrag.

Man habe jedoch nicht bloß den Codex Sinaiticus ins Netz stellen wollen, sondern sich auch um eine "attraktive Darstellung" bemüht, sagt Schneider. "Jede Digitalisierung ist auch eine ästhetische Herausforderung."

Dazu wurde von jedem einzelnen Blatt ein hochaufgelöstes Digitalbild gemacht, das einerseits sicherstellt, dass das Geschriebene problemlos lesbar ist. Andererseits geht es den Wissenschaftlern ebenso darum, zu zeigen, wie die annähernd 1700 Jahre alten Blätter beschaffen sind. "Alle Risse, Löcher und Tintenkleckse, die sich über die Jahrhunderte angesammelt haben, werden so sichtbar", sagt Schneider.

Seit Juli stehen erste Seiten online. Der komplette Leipziger und ein Teil des Londoner Bestands sind bereits digitalisiert. Bis Sommer 2009 soll das Projekt abgeschlossen sein. Der Nutzer kann die einzelnen Blätter hin und her bewegen, in den Text hineinklicken, ihn heranzoomen oder verkleinern.

Auf der linken Seite erscheint die abfotografierte Handschrift. Rechts eine buchstabengetreue Transkription. Gleichzeitig ist die übertragene Schrift mit dem Originaltext verlinkt. Klickt der Besucher der Homepage auf eine Stelle im Text, so wird das entsprechende Wort im linken Fenster rot umrandet.

Auf einen Service warten die Nutzer der Codex-Sinaiticus-Seite allerdings noch. Es gibt bisher keine Übersetzung des griechischen Textes. Noch muss der Nutzer Altgriechisch beherrschen, um den Inhalt der Schrift verstehen zu können.