Citizen Science:Citizen Science kann auch Natur- und Artenschutz fördern

Beim Tagfalter-Monitoring gehen die Freiwilligen immer wieder dieselben Wege - sogenannte Transekte - ab, die aus mehreren 50 Meter langen Abschnitten bestehen. Darin zählt Reinelt, so wie die anderen, nur die Schmetterlinge 2,5 Meter links und rechts vom Weg. Ein paar Meter weiter hat der Bauer einen Blühstreifen vor der Mahd verschont. Die knapp 20 Falter, die dort von Blüte zu Blüte fliegen, kann Reinelt nur bestaunen aber nicht mitzählen. Sie sind nur eine Randnotiz.

Doch egal wie standardisiert eine Methode ist: Jeder Mensch ist anders. Und so arbeitet auch jeder Mensch anders. Auf jedem Abschnitt sollen sich Reinelt und seine Kollegen fünf Minuten Zeit nehmen. "Ich weiß, dass ich eigentlich zu schnell durchgehe", gibt Reinelt zu. Er läuft seine 22 Abschnitte in seinem eigenen Tempo ab, will nicht ständig auf die Uhr gucken. Auch die Motivation von Bürgerwissenschaftlern unterscheidet sich. Manche geben schon nach kurzer Zeit frustriert auf, wenn sie kein Tier sehen. Dann zu melden, nichts entdeckt zu haben, ist fatal. Die Forscher können ja nicht wissen, ob der Bürgerwissenschaftler das Tier tatsächlich nicht gesehen oder nur nicht lange genug danach Ausschau gehalten hat. Negativergebnisse sind auch wichtig - das müssen die Teilnehmer aber erst einmal wissen.

Mit der Zeit werden Hobbyforscher auch besser darin, verschiedene Arten zu unterscheiden. Sie melden dann nicht nur, dass sie zehn Tagfalter der Familie der Weißlinge gesehen haben, sondern welche Arten es waren. Die Gesamtanzahl steigt dann zwar nicht, dafür aber die Anzahl gezählter Falter einer bestimmten Art.

Schließlich gibt es noch einige psychologische Faktoren, die eine Rolle spielen können, etwa eine verzerrte Wahrnehmung. Wir sehen das, was wir erwarten. In einem bekannten Internetvideo soll man beispielsweise Ballwechsel zwischen zwei Mannschaften zählen. Dabei nehmen die meisten den Gorilla nicht wahr, der im Hintergrund vorbeigeht. Doch auch wenn man weiß, wonach man Ausschau halten soll, ist die Aufmerksamkeit nicht immer gleich hoch. In einem Citizen-Science-Projekt, in dem die Teilnehmer invasive Pflanzen zählen, sind die Daten umso genauer, je mehr gesuchte Arten sich in einem Bereich befinden. Dort wo nicht so viel los ist, sehen sie tendenziell auch weniger - noch weniger, als ohnehin schon da ist.

Ohne die Bürgerwissenschaftler wären viele Untersuchungen überhaupt nicht möglich

Wegen all dieser individuellen Unterschiede ist es wichtig, die einzelnen Daten nicht zu einem Datenberg zusammenzufassen. "Unsere Statistiker kriegen dann ne Krise", erzählt Kühn. Niemand weiß dann noch, von wem, wann und wo die einzelnen Daten herkommen und unter welchen Bedingungen sie aufgenommen wurden. Gute Statistik ist nur möglich, wenn diese Faktoren mitberücksichtigt werden. Dann kann Citizen Science aussagekräftige und wertvolle Ergebnisse liefern.

Ergebnisse, die ohne die Helfer gar nicht zustande kämen. Die Studien wären zu teuer oder aufwendig. "Beim Tagfalter-Monitoring wollten wir viele Daten aus verschiedenen Gebieten über lange Zeit", erläutert Kühn. "Ohne unsere Ehrenamtler wäre das gar nicht möglich." Der Großteil der europäischen Monitoring-Programme ist auf sie angewiesen: Etwa 86 Prozent der Teilnehmer sind Freiwillige.

Citizen Science kann aber noch mehr. Die Teilnehmer lernen Neues und werden für Probleme wie den Artenschwund sensibilisiert. "Mit der App für den Insektensommer haben wir versucht, die Leute nach draußen zu locken", sagt Franzisi, "damit sie mal schauen, was da mit ihnen auf dem Planeten wohnt." Studien zeigen, dass man viel eher gewillt ist, etwas zu schützen, was man selbst in natura bewundern konnte. Citizen Science kann somit auch Natur- und Artenschutz fördern. Zum Beispiel hat die aktive Beteiligung von Farmern in so einem Projekt in Namibia nicht nur bewirkt, dass sie ihre Herden besser vor Geparden schützen konnten. Sie schießen sie auch seltener ab.

Auf dem Weg zum Auto sieht Reinelt einen seiner Lieblingsfalter im Baum. Seine Flügel schimmern in der Sonne blau. "Hach, der kleine Schillerfalter", sagt er ungläubig. Noch nie hat er ihn auf seinem Transekt gesehen. Vielleicht hat er nächste Woche mehr Glück.

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