Citizen Science Wie wertvoll freiwillige Helfer für die Wissenschaft sind

Bürgerwissenschaftler beim Schmetterlingzählen in Halle.

(Foto: André Künzelmann/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung)
  • Es gibt mittlerweile sehr viele wissenschaftliche Projekte, für die Laien Daten erheben.
  • Selbst wenn die Hobby-Forscher bisweilen Fehler machen, ist ihre Arbeit von unschätzbarem Wert. Ohne sie wären viele Untersuchungen gar nicht möglich.
Von Nicole Paschek

Thomas Reinelt ist ein leidenschaftlicher Sucher. Auf seinem Streifzug tritt er hüfthohe Brennnesseln zur Seite, weicht Brombeerhecken aus, die nach seiner Kleidung greifen und bahnt sich seinen Weg durch Holunder, der ihm bis zu den Ellbogen reicht. Auch die schweißtreibende Sonne, die seine weißen Haare unter der Mütze verkleben lässt, kann ihn nicht aufhalten. Seit 13 Jahren durchstreift der groß gewachsene Mann sein Gebiet mindestens zehn Mal im Jahr. Und wofür? Schmetterlinge.

Reinelt ist ein Bürgerwissenschaftler. In seiner Freizeit zählt und bestimmt er Schmetterlinge für das Tagfalter-Monitoring Deutschland - eines der am längsten laufenden Citizen-Science-Projekte. Für solche Programme engagieren Wissenschaftler freiwillige Helfer, die Daten sammeln oder auswerten. Aber lässt sich damit überhaupt echte Forschung betreiben?

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Die Teilnehmer sollten Insekten zählen. Manche meldeten aber Spinnen und Asseln

Gerade hat der Naturschutzbund Deutschland (NABU) die zweite Runde des Insektensommers beendet. Im ersten Durchlauf haben fast 6000 Menschen - von siebenjährigen Kindern über mehrköpfige Familien bis hin zu etlichen Senioren - Insekten gezählt. Jeder darf mitmachen. Eine eigens dafür entwickelte App soll den Freiwilligen dabei helfen, die 122 häufigsten Sechsbeiner zu identifizieren. Das ist auch nötig. "Manche wollten damit Spinnen oder Asseln bestimmen", sagt Daniela Franzisi, Leiterin des Projekts. "Aber das sind gar keine Insekten."

Andere Citizen-Science-Projekte geben ihren Helfern erst eine Einführung, bevor diese losziehen. Um zu testen, wie gut die Daten ihrer Bürgerwissenschaftler sind, vergleichen Forscher sie meist mit Daten, die professionelle Hilfskräfte unter denselben Bedingungen aufgenommen haben. Zahlreiche Studien haben gezeigt: Nach einer ordentlichen Einweisung unterscheiden sich die Daten kaum. Somit können auch Laien gute Daten liefern. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede - manche Teilnehmer sind eben nicht so geschickt, geübt oder gewissenhaft. Diese gibt es aber auch unter den professionellen Helfern.

Ein Laie ist Reinelt lange nicht mehr, eher ein "Laienexperte". Auch ohne Biologiestudium kann er die meisten der heimischen 146 Falterarten bestimmen, die außerhalb der Alpen leben. Dafür hat er viel gelesen und jahrzehntelang geübt. Selbst den orangen Falter, der nur vorbeihuscht, kann er zuordnen. "Irgendwann erkennt man sie an der Art, wie sie fliegen", sagt Reinelt. Andere Arten, die sich nur durch einen Punkt auf den Flügeln unterscheiden, müssen kurz stillhalten.

Nach jeder Zählung gibt Reinelt die Daten online ein. Bevor sie in der Datenbank landen, müssen sie einen Kontrollpunkt passieren, die Plausibilitätsprüfung: Registriert das Programm ungewöhnliche Daten, überprüft sie ein Schmetterlingsexperte, der sich vor Ort auskennt. "Manchmal stellt sich heraus, dass jemand beim Eingeben der Zahlen nur verrutscht ist", erzählt Elisabeth Kühn, die Koordinatorin des Projekts. Bei rund 20 000 Meldungen im Jahr würden ein paar falsch bestimmte Schmetterlinge aber auch nicht ins Gewicht fallen. Citizen Science nutzt hier den Vorteil der Masse.

Die korrekte Artenbestimmung allein sagt aber noch lange nichts über die Qualität der Daten aus. Viele andere Faktoren können darauf Einfluss nehmen. Wie gut die Daten sind, und was die Forscher daraus machen, entscheidet letztlich über die Aussagekraft der Studie. Um das, was Hunderte Freiwillige zusammengetragen haben vergleichen zu können, ist vor allem eines wichtig: Alle müssen dasselbe machen. Für diese Standardisierung braucht es eine einfache, unmissverständliche Arbeitsanleitung.