MeinungWeltraumschrott:Das Malheur an Chinas Raumstation sollte allen ein Weckruf sein

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Kommentar von Theresa Palm

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Diese Visualisierung zeigt die Objekte auf Erdumlaufbahnen, stark vergrößert. Gelbe Punkte sind Objekte mit mehr als einem Millimeter Durchmesser, rote mit mehr als zehn Zentimetern. Von letzteren umkreisen mehr als 50 000 die Erde, alles Schrott. Nur 10 200 Satelliten und Sonden (grün) sind aktiv.
Diese Visualisierung zeigt die Objekte auf Erdumlaufbahnen, stark vergrößert. Gelbe Punkte sind Objekte mit mehr als einem Millimeter Durchmesser, rote mit mehr als zehn Zentimetern. Von letzteren umkreisen mehr als 50 000 die Erde, alles Schrott. Nur 10 200 Satelliten und Sonden (grün) sind aktiv. (Foto: ESA)

Drei chinesische Astronauten müssen länger als geplant im All ausharren, weil ihre Raumkapsel womöglich von einem Stück Weltraumschrott beschädigt wurde. So geht das nicht weiter.

Eigentlich hätte die dreiköpfige Crew „Shenzhou-20“ am vergangenen Mittwoch von der chinesischen Raumstation Tiangong abfliegen sollen, die Ablösung war schon da. Doch ein kleines Stück Weltraumschrott habe womöglich die Raumkapsel getroffen, berichten Medien unter Berufung auf die chinesische Behörde für astronautische Raumfahrt. Nun müssten erst Folgen und Risiken geklärt werden.

Das Pech der drei Astronauten ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel für ein wachsendes Problem. Die Europäische Weltraumagentur Esa hat vor wenigen Wochen einen Bericht veröffentlicht, in dem sie darlegt, dass 2024 mehr als 3000 Trümmerteile entstanden sind, weil vorhandener Schrott zerfallen ist. Schon ein zentimetergroßer Brocken setzt bei einem Zusammenstoß mit einem Satelliten so viel Energie frei wie eine Handgranate. Und eine Kollision erzeugt oft weitere Bruchteile, die dann wieder weitere Kollisionen verursachen.

Der niedrige Erdorbit ist sozusagen der staubige Dachboden der Raumfahrtgeschichte: Dort kreisen alte Raketenoberstufen, ausgediente Satelliten und kleinere Trümmerteile wie abgebrochene Antennen. Nur kann man nicht einfach eine Klappe schließen und den vollgestopften Raum ignorieren. Die ISS musste in ihrer Betriebszeit schon mehr als 40 Ausweichmanöver machen, um Sicherheitsabstand zu Weltraumschrott zu wahren. Und das betrifft nur größeren Schrott. Trümmerteile, die kleiner sind als fünf Zentimeter, kann man auf dem Radar gar nicht sehen. Der Orbit ist voll und die Zahl der Kollisionen wird laut Esa steigen. Das ist ein Problem.

Forschende fordern seit Jahren verbindliche Regeln für alle

Wie sehr die Menschheit von Satelliten abhängt, hat ein Sonnensturm im vergangenen Jahr gezeigt. Der temporäre Ausfall reichte, um Bauern in den USA von der Aussaat abzuhalten, weil die Maschinen kein GPS-Signal hatten, das sie über die Felder gelenkt hätte. Wettervorhersagen und Kommunikation hängen genauso von Satelliten ab. Wenn sie ausfallen, bekommt das zumindest indirekt jeder mit.

Dem lässt sich eigentlich vorbeugen: Alle Raumfahrtnationen folgen nominell der Richtlinie, dass ihre Satelliten spätestens 25 Jahre nach Laufzeitende absinken und in der Atmosphäre verglühen. Aber es ist eben schon einiges an Weltraummüll oben, und nur zwischen 40 und 70 Prozent der Objekte, die in den vergangenen zehn Jahren außer Betrieb gingen, werden sich nach Angaben der Esa selbst entsorgen.

Zu viele Nationen haben zu lange keinen nachhaltigen Umgang mit der Erdumlaufbahn betrieben. Die USA, China, Russland und Indien haben bei Anti-Satelliten-Tests in Kauf genommen, Trümmer zu erzeugen. Forschende fordern seit Jahren, dass sich alle Staaten verbindlichen Regeln unterwerfen sollten. Denn der Anreiz fürs Aufräumen im All ist denkbar gering: Eingebaute Selbstaufräumung kostet Geld. Und dass eine Art Müllabfuhr-Mission altes Gerät aus der Umlaufbahn pflückt, ist noch nie umgesetzt worden.

Aber es gibt Hoffnung. Ausgerechnet bei privatwirtschaftlichen Unternehmen führt der Eigennutz zu Weltraumhygiene: Starlink lässt seine Tausenden Satelliten nach fünf bis sieben Jahren verglühen – sie würden sich sonst selbst die Bahn vollmüllen. Und die Esa will die Verweildauer der ausgedienten Sonden und Satelliten auf fünf Jahre begrenzen und bis 2030 gar keinen Weltraummüll mehr produzieren.

Das wachsende Problem im Orbit lässt sich nicht einfach ignorieren. In diesem Sinne ist der kleine Einschlag an der Tiangong-Station ein Geschenk: Er macht die Folgen der Weltraumvermüllung noch relativ früh spürbar, ohne dass Menschen zu Schaden gekommen sind. Es sollte allen ein Weckruf sein.

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