China Maos Monstrum am Gelben Fluss

Die Sanmenxia-Talsperre in Zentralchina sollte den Gelben Fluss zähmen - Mao Zedong wollte damit die Naturgesetze aushebeln. Doch das Mega-Projekt sorgt für endlosen Ärger.

Von Christoph Behrens, Sanmenxia

Hinter einem Wachhaus mit Schlagbaum und grimmig blickenden Wärtern beginnt eine Zeitreise in Mao Zedongs China der 1960er-Jahre. Eine schmale Zufahrtsstraße führt zu einem Tal, das der Gelbe Fluss über Millionen Jahre ausgehöhlt hat. Heute bremst ein 700 Meter langer Koloss aus Beton den Fluss. Links neben dem Damm liegt ein künstlicher See, an seinen Rändern bedeckt von einer Schicht Abfall. Rechts geht es hundert Meter in die Tiefe. Unten am Ufer stehen Ziegelgebäude mit hohen Schloten und flachen Dächern, in der Ferne eine rostige Eisenbahnbrücke über den Gelben Fluss. Die perfekte Kulisse für einen James-Bond-Film. Der Agent könnte im Kugelhagel über den Damm sprinten, sich Dutzende Meter in die Tiefe abseilen und flussabwärts entkommen.

Einst war der Sanmenxia-Staudamm, in der Nähe der alten Handelsstadt Xi'An gelegen, das Prestigeprojekt Chinas. Als erster Damm am Gelben Fluss symbolisierte er die Zähmung dieses urgewaltigen Gewässers, das seit Jahrtausenden die Einwohner Chinas mit Überschwemmungen heimsucht. 400 000 Menschen mussten ihre Heimat für den Bau verlassen. Als Tausende Arbeiter das Bauwerk 1960 fertigstellten, war die junge Volksrepublik so stolz, dass die Zentralbank ein Bild des Damms auf Geldscheine drucken ließ.

Vom Stolz Maos zum Problem Chinas

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Heute erweisen nur eine Handvoll Rentner dem Werk die Ehre. Die junge Reiseführerin Jiang, mit gelbem Regenmantel, Headset hinter das Ohr geklemmt, der pinke Lautsprecher an der Hüfte baumelnd, führt die Gruppe an. Männer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, zahnlose Kameraden mit Schiebermütze auf dem Kopf steigen lachend über die Pfützen, die sich auf dem rissigen Beton sammeln. Sie spazieren vorbei an verrosteten Leitern unter den beiden orangenen Lastkränen, die einsam den Bau bewachen. Die Frauen posieren am Geländer für Selfies. In einem der Wartungsgebäude trocknet Wäsche an einer Leine. Mitarbeiter sieht man aber keine, stattdessen haben sich Pflanzen Teile der Anlage zurückerobert. Sie sprießen durch Dächer verlassener Werksgebäude, sogar seitwärts aus der Staumauer wachsen grüne Büschel. Mit dem modernen China hat dieser angestaubte Ort nichts zu tun, mit den verspiegelten Bürotürmen, die in jeder Stadt in die Höhe wachsen. Sanmenxia wirkt wie von der Zeit vergessen.

Es könnte aber auch sein, dass der Bau den heutigen Machthabern peinlich ist - denn Sanmenxia ist ein Beispiel dafür, was mit viel Propaganda aufgeladene Infrastrukturprojekte in China bis heute für Schaden anrichten. Die Talsperre sollte gleich mehrere Probleme lösen: Überschwemmungen verhindern, Elektrizität für die junge Industrie liefern und den Gelben Fluss vom namensgebenden Schlamm befreien. Erreicht hat das Projekt wohl nichts davon. Zwar hielt der Damm tatsächlich große Mengen Sediment zurück, doch stieg dadurch am Wei-Fluss, der in den Gelben Fluss mündet, der Wasserspiegel unkalkuliert. 28 Mal trat dieser Fluss in vier Jahrzehnten nach der Fertigstellung Sanmenxias über die Ufer.

Nach Schätzungen des Hydrologen Hongming He von der Universität Massachusetts haben diese Überschwemmungen einen Schaden von 29 Milliarden US-Dollar angerichtet und etwa 18 Milliarden Tonnen Ernte vernichtet. Weil sich immer mehr Sediment ablagert, speichert das Reservoir des Staudamms heute nur noch etwa ein Zehntel der geplanten Wassermenge. Auch Strom produziert Sanmenxia kaum noch. Die Anlage wurde immer wieder verändert, um all den Schlamm loszuwerden, der die Turbinen verstopft. Statt der angepeilten 1000 Megawatt liefert das Kraftwerk laut einigen Schätzungen weniger als hundert.

Der Mythos lebt weiter

Ein Scheitern des Baus mag bis heute niemand in der Staatsführung eingestehen. Dazu muss man wissen: Die Bedeutung des Gelben Flusses für Chinas Herrscher ist seit Jahrtausenden gewaltig. An seinem Lauf entstand die erste chinesische Zivilisation. Bereits die ältesten Quellen Chinas berichten aber auch von einer Flut am Gelben Fluss, die das Land verwüstet haben soll. In diesem Jahr fanden Archäologen tatsächlich Belege für eine Art chinesische Sintflut vor 3900 Jahren. Erst der legendäre Herrscher Yu der Große soll das Wasser gezähmt haben, indem er geordnete Kanäle anlegen ließ. Yu gilt als Stammvater der ersten Kaiserdynastie Xia und damit als Begründer des chinesischen Zentralstaats. "Wer den Gelben Fluss kontrolliert, kontrolliert China", ist von dem Kaiser überliefert. Macht über das Wasser bedeutet politische Macht.

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Die Reisegruppe nimmt den einzigen Aufzug nach unten. Neben dem spärlichen Rinnsal, dass dort herauskommt, kann man die Botschaft lesen, die an der Staumauer in mehr als zehn Meter hohen Schriftzeichen steht: den Gelben Fluss zähmen, dem Land Frieden und Wohlstand bringen. Vor Bildern Maos und seinen Nachfolgern beschwört Reiseführerin Jiang zuerst die Geschichte Yus des Großen, um dann die Leistung Maos 4000 Jahre später zu preisen. Alles wird aufgeboten, um den Mythos von der Zähmung des Flusses aufrechtzuerhalten: Angeblich ist der Staudamm genau an der Stelle errichtet, an der auch Yu der Große den Fluss bezwang. Sogar Laotse wird auf einer Hinweistafel bemüht. Der antike Philosoph soll in der Nähe ein Wunderelixier zubereitet haben. Der Sanmenxia-Staudamm vollbringt eher keine Wunder, daher gibt es durchaus Widerstand gegen das Bauwerk. "Shaanxi ist dagegen", schreibt Reiseführerin Jiang nach der Tour über ihr Smartphone. Die Provinz westlich Sanmenxias sieht sich noch immer von den Fluten bedroht.

Die Politik wollte die Naturgesetze überwinden - die Folgen waren verheerend

Auf die Gefahren hatte der Pekinger Hydrologe Huang Wanli schon in den 1950ern hingewiesen. Da der Gelbe Fluss etwa 60 Mal so viel Sediment mit sich führt wie der Mississippi, würden die Turbinen innerhalb von Monaten verstopfen und das Wasser am Oberlauf anstauen, sagte Huang korrekt voraus. Der Damm verstoße gegen die Naturgesetze. Daraufhin brandmarkte man den Wissenschaftler als Konterrevolutionär, er verbrachte einige Jahre im Arbeitslager. Schließlich hatte Mao selbst verkündet, die kommunistische Revolution werde auch die Gesetze der Physik aushebeln. "Wir müssen den Gelben Fluss oben und unten bekämpfen, das Wasser blockieren, die Schuppen, Klauen und Zähne des boshaften Drachen abschneiden", schrieb die Parteizeitung Renmin Ribao 1958. Die Folgen waren verheerend: Seit Gründung der Volksrepublik stürzten im ganzen Land einige Tausend hastig errichtete Staudämme ein.

SZ-Karte: Mainka

(Foto: )

Dennoch gelten Projekte wie Sanmenxia der Staatsführung bis heute als vorbildlich. Erfolglos forderten Wissenschaftler und einige Städte vor einigen Jahren, den Staudamm abzubauen. Sanmenxia ist nützlich, wenn es darum geht, den größeren Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse zu rechtfertigen, dessen Pläne ebenfalls aus den 1950ern stammen und für den 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt wurden. Die Talsperre ist seit 2003 in Betrieb, die Erfahrungen sind ähnlich. Benachbarte Gewässer treten häufiger über die Ufer, im Reservoir sammeln sich große Mengen Sediment an, die von den Hängen am Ufer stürzen. Auf dem angestauten Wasser bilden sich giftige Algenteppiche.

In Sanmenxia begegnete man den ökologischen Auswirkungen mit weiteren Großprojekten: Für etwa vier Milliarden Euro wurde der Wei-Fluss kürzlich befestigt, um ihn vor den Folgen Sanmenxias zu schützen. Das ist immerhin weniger radikal als Maos eigene Notlösung: Als Xi'An Anfang der 1960er das Wasser bis zum Hals stand, riet der Große Vorsitzende seinem Premierminister: "Wenn alles nichts hilft, jagt den Damm einfach in die Luft."

Dieser Text ist der dritte Teil einer vierteiligen Serie zum Gelben Fluss. Der Autor verfolgt den Huang He - den Gelben Fluss - von seinem Quellgebiet im Hochland von Tibet bis zur Mündung ins Gelbe Meer. Alle Texte finden Sie hier. Der nächste Text erscheint am 5.01.2017.

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