Chimären-Forschung:Die Grenze zwischen Mensch und Tier wird porös

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Pigs are seen standing in a pen at a farm in Carambei

Schweine als Organspender - ist das die Lösung?

(Foto: REUTERS)

Die Experimente in Japan zu Chimären sind faszinierend und erschreckend zugleich. Wichtig ist nun ein behutsames Vorgehen der Wissenschaftler.

Kommentar von Hanno Charisius

Noch in diesem Monat könnte in einem Labor in Japan ein Wesen heranwachsen, das Mensch und Tier zugleich ist. Ein bisschen Mensch zumindest. Japan hat erlaubt, dass solche Mischwesen geboren werden. Bislang müssen Forscher derartige Experimente nach einigen Tagen abbrechen. Chimären aus Mensch und Tier gab es bislang nur in Büchern und Legenden.

Das Medienecho auf die Ankündigung war enorm. Dabei plant der verantwortliche Wissenschaftler Hiromitsu Nakauchi nach eigenen Angaben noch nichts, was nicht bereits in vielen Laboren regelmäßig geschieht: Er will zunächst menschliche Zellen in Mäuse-Embryonen injizieren und schauen, wie sie sich vertragen - im Fötus, bevor dieser lebensfähig ist. Warum also die Aufregung jetzt?

Das ferne Ziel des Japaners ist es, Schweine zu züchten, in denen ein menschliches Organ wächst, das für eine Transplantation geeignet ist. So soll der notorische Organmangel bekämpft werden. Allein in Deutschland warten 10 000 Schwerkranke auf Ersatz. Dem standen im Jahr 2017 nur 800 Spender gegenüber.

Die Vision des Forschers ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Sie wirft die alte Frage danach auf, was wir Menschen alles mit Tieren anstellen dürfen. Auf lange Sicht soll diese Forschung dem Menschen dienen, Leben retten, ein hochrangiges Ziel. Und doch hinterlässt das Vorhaben gemischte Gefühle, was nicht nur daran liegt, dass Tiere vielleicht leiden, ganz sicher aber sterben. Was bleibt vom Menschen, wenn die Grenze zwischen ihm und den Tieren durch einen Eingriff im Labor derart porös gemacht wird, dass man Organe zwischen den Arten austauschen kann?

Behutsames Vorgehen ist in der Wissenschaft ein Segen - so bleibt Zeit zum Nachdenken

Noch steht allerdings nicht einmal fest, welche Art von Experimenten in Japan genau erlaubt sein wird. Darüber entscheidet ein Gremium erst in den kommenden Wochen. Wahrscheinlich dürfen die Forscher nur menschliche Zellen mit sehr eingeschränktem Entwicklungspotenzial verwenden. So lässt sich ausschließen, dass Tiere entstehen, die ein menschliches Nervensystem haben. Das ist eine Schwelle, die bislang kein Forscher überschreiten will - und die definitiv auch nicht überschritten werden sollte.

Wenn Tiere durch den Eingriff des Menschen auch menschliche Eigenschaften bekommen würden, dann würden die Grenzen zwischen den Arten wirklich unerträglich verschwimmen. Bevor die Entscheidung in Japan gefallen ist, lässt sich jedoch kaum abschätzen, wie monströs oder wie umsichtig das ganze Unterfangen ist. Der Forscher selbst gibt sich besonnen. Wenn Nakauchis Vorhaben mit Mäusen und Ratten aufgeht, will er die Versuche auf Schweine ausweiten. Auch diese Experimente will er noch vor der Geburt abbrechen. Über allem wölbt sich für ihn die wissenschaftliche Frage, ob das, was mit Mäusen und Ratten in Teilen bereits geklappt hat, auch mit Arten funktioniert, die evolutionär deutlich weiter voneinander entfernt sind - wie eben Menschen und Schweine. Die Chancen dafür stehen allerdings nicht besonders gut.

Daher ist es vernünftig, dass Nakauchi behutsam vorgeht. Er beginnt nicht gleich mit Gruselexperimenten und bringt menschliche Chimären zur Welt, sondern tastet sich vor. Wenn er das ehrlich meint, dann bleibt der Gesellschaft genug Zeit, sich mit den Möglichkeiten seiner Forschung auseinanderzusetzen - und sich für oder auch gegen sie zu entscheiden.

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