Wasserknappheit in Indien:Nur einen Zoll von der Katastrophe entfernt

  • Die indische Stadt Chennai leidet unter einer ungewöhnlichen Wasserknappheit.
  • Der Klimawandel trägt sicher dazu bei, aber auch der sorglose Umgang mit der wertvollen Ressource.
  • Ähnliche Probleme drohen etlichen Megacities dieser Welt.

Von Arne Perras, Singapur

Lastwägen reichen nicht mehr aus. Jetzt sollen Züge mit Wasserwaggons die große Stadt vor dem Verdursten retten. Der Regierungschef des indischen Bundesstaates Tamil Nadu versprach, er werde einen Brief an seinen Amtskollegen im benachbarten Kerala schreiben und ihn um Wassertransporte per Eisenbahn bitten. Er hofft auf zwei Millionen Liter pro Tag. Die Waggons müssen dafür 143 Kilometer von Westen nach Osten zurücklegen. Ob der Sonderzug nach Chennai allerdings die ersehnte Erlösung bringt, ist nicht sicher. Die Hilfslieferung wirkt eher wie ein kleiner Tropfen für eine Megastadt, die gewöhnlich 830 Millionen Liter Wasser am Tag konsumiert.

Chennai, Indiens große aufstrebende Stadt am Indischen Ozean, lechzt nach Wasser. Engpässe vor dem jährlichen Monsun gibt es in Indien immer wieder, doch die Lage in Chennai, das früher einmal Madras hieß, hat sich nun derart zugespitzt, dass die ganze Nation mit Schrecken nach Süden in den Bundesstaat Tamil Nadu blickt. Selbst die zähen Affen ziehen jetzt gestresst durch die Stadt, auf einem Foto ist ein Muttertier zu sehen, das Baby huckepack, sie leckt gierig die letzten Tropfen unter einer Wasserleitung von der Hauswand.

Eine Kommentatorin von India Today warnt: "Die schreckliche Nachricht lautet, dass Chennai nur einen Zoll vom Tag null entfernt ist". Der Tag null ist das, wovor sich alle fürchten: der Moment der Katastrophe, wenn kein Tropfen Wasser mehr übrig ist, wenn die Stadt ausdörrt und ihre Lebensfähigkeit verliert.

Die Inderin Latha Ganapathy war schockiert, als sie vor wenigen Tagen nach Chennai reiste, um ihre Mutter zu besuchen. Sie hatte ihre Kindheit in Tamil Nadu verbracht und kann sich nicht daran erinnern, jemals eine Wasserkrise dieser Schärfe erlebt zu haben. Inzwischen lebt die 43-Jährige in Singapur, wo sie bemerkt hat, dass die Regierung wirklich jeden Tropfen Regen auffängt und sammelt.

In Indien ist das immer noch anders. "Dabei wäre es so wichtig, das Monsunwasser systematisch zu speichern", sagt sie. So viel davon fließt einfach ab, würde man es auffangen, ließen sich die harten trockenen Monate leichter überbrücken.

Immerhin, ein wenig Regen ist inzwischen gefallen, das speist Hoffnungen, dass die Qual bald enden könnten. Aber niemand weiß es genau. Die Not in Chennai kommt jeden Tag in fröhlichen Farben daher, knallig rot, grün und blau, die Menschen stehen mit bunten Wassercontainern Schlange, warten auf Wassertrucks, die dem Bedarf kaum hinterherkommen.

Manche Schulen unterrichten nur noch jeden zweiten Tag, weil das Wasser fehlt, andere sind komplett geschlossen. Überall sind Menschen gezwungen zu rationieren. Wer Geld hat, kauft sich Wasser bei privaten Anbietern, aber selbst die haben teils Schwierigkeiten zu liefern. Und die Preise schnellen nach oben. Für ärmere Familien kann es bedeuten, dass sie teils die Hälfte ihres Einkommens in Wasser investieren müssen. Die Hausangestellte Usharani erzählt davon in der Zeitung The Hindu, sie musste sich am Ende Geld leihen, um diese Wochen der Not zu überstehen.

"Missmanagement im Wassersektor ist überall in Indien verbreitet"

Ökologen lesen die Misere als Ouvertüre eines Dramas, das sich weiter zuspitzen dürfte. Schon jetzt reicht die Wasserkrise weit über Chennai hinaus, etwa 600 Millionen Menschen in Indien bekommen akut den Wassermangel zu spüren, fast jeder zweite der 1,3 Milliarden Bewohner. Und die Prognosen sind düster: Das staatliche ökonomische Institut Niti Ayoog warnte bereits im vergangenen Jahr, dass Indien mit der größten Wasserkrise seiner Geschichte zu kämpfen habe.

Wasserknappheit in Indien: Die Aufnahme zeigt, wie sehr die Reservoirs der Stadt im Juni 2019 ausgetrocknet sind.

Die Aufnahme zeigt, wie sehr die Reservoirs der Stadt im Juni 2019 ausgetrocknet sind.

(Foto: AP)

Die Wissenschaftler rechnen damit, dass 21 indischen Metropolen mitsamt der Hauptstadt Delhi schon 2020 das Grundwasser ausgehen wird. "Das bedeutet nicht, dass Leben in diesen Städten automatisch unmöglich wird, aber die Lage ist bedrohlich und fordert die Politik", sagt Raj Bhagat Palanichamy, Experte für Wassermanagement am World Resources Institute in Bangalore.

Wasserknappheit in Indien: Zum Vergleich: eine Aufnahme aus dem Juni 2018

Zum Vergleich: eine Aufnahme aus dem Juni 2018

(Foto: AP)

Die Lage in Chennai bezeichnet er als "extrem stressig" für die Bewohner. Diejenigen, die sich private Anbieter nicht leisten können, sind auf "Metro Water" angewiesen, den städtischen Versorger, dessen tägliche Wasserlieferungen seit Anfang Juni von 830 Millionen Litern auf 525 Millionen Liter geschrumpft sind. Chennai nutzt zum Teil Entsalzungsanlagen, vor allem aber vier große Reservoirs, die sich während des Monsuns füllen, in diesem Jahr aber fast ausgetrocknet sind.

Als die Inderin Ganapathy ihre Mutter besuchte, war diese glücklich, dass sie noch genügend Wasser bekommt. Sie gehört der Mittelklasse an. Aber schon im Slum nebenan, wo die Fischer Chennais leben, ist das alles ganz anders. Früher brachten Trucks jeden Tag das Trinkwasser ins Armenviertel Kuppam, nun kommen die Tankwagen nur noch alle vier Tage. Dann laufen die Leute hektisch zusammen, es gibt Gerangel um jeden Tropfen, Aggression liegt in der Luft.

Angesichts des Wassermangels liegen die Nerven blank. "Die Leute sind wütend, ich auch", klagt Rumini, eine Putzfrau, im Gespräch mit einem Reporter des Indian Express. "Was sollst Du machen, wenn kein Wasser zum Kochen da ist, wenn Du die Toilette nicht mehr sauber halten kannst?" Streitigkeiten ums Wasser fordern erste Opfer. Einen Toten hat es nach einer Eskalation schon gegeben, außerdem wurde eine Frau mit einem Messer schwer verletzt. Das sind Vorboten größerer Ausschreitungen, die entstehen können, wenn sich Menschen künftig ums Wasser reißen müssen, um zu überleben.

Das Problem reicht weit über die Grenzen des Subkontinents hinaus

Was Chennai durchmacht, ist symptomatisch für die Wasserkrise in Indien, doch das Problem reicht weit über die Grenzen des Subkontinents hinaus. Die Unesco hat das Thema Wasser in 15 Megacities weltweit untersucht - die Beispiele reichen von Buenos Aires bis Peking, von London bis Lagos, von Mumbai bis Manila. So unterschiedlich diese Städte auch sind, überall fällt auf: Rapides Wachstum gefährdet die Zukunft, wenn die Ressource Wasser nicht ausreichend geschützt wird. Vielerorts wächst die Notwendigkeit, den Verbrauch besser zu kontrollieren und Verschwendung einzudämmen.

Tamil Nadus Regierungschef, Edappadi Palaniswami, zieht sich darauf zurück, dass vor allem das Wetter schuld sei an der Misere. Drei Jahre, in denen der Monsun weniger Regen brachte als gewöhnlich, all das habe die Not erst herbeigeführt. Wie sich der globale Klimawandel jedoch auf den Monsun auswirken wird, ist für Forscher schwer zu prognostizieren. "Es lässt sich kein Trend eindeutig belegen", sagt Wasserexperte Palanichamy. In jedem Fall aber könne man die Krise in Chennai nicht alleine mit dem Wetter erklären.

Ähnlich sieht das die Geologin Sushmita Sengupta vom "Centre for Science and Environment", sie beklagt vielmehr: "Missmanagement im Wassersektor ist überall in Indien verbreitet." Das gilt auch und besonders für Chennai: Ohne den Blick auf die Nachlässigkeit der Behörden, die Korruption und all die Bausünden, die jahrzehntelang geduldet wurden, ist das Wasserdesaster dort kaum zu erklären. "Chennai zahlt heute den Preis für seine Respektlosigkeit gegenüber seinen Wasserquellen", schreibt das Blatt Economic Times.

Politik und Bauwirtschaft sind eng verflochten, der mafiöse Filz macht es möglich, Regeln straflos zu umgehen. Der Staat hat illegale Projekte an Seen und Feuchtgebieten nicht gestoppt, die Sünden rächen sich. Chennai hat durch rasches Wachstum etwa 100 Reservoirs und Feuchtgebiete verloren. Sie sind wichtig, um Wasser zu speichern und das Grundwasser aufzustocken.

Rund um die Megacity gibt es etwa 4000 Seen, viele wurden in vergangenen Jahrhunderten künstlich geschaffen, um die Bewässerung von Feldern zu ermöglichen. Später hat man sie zusätzlich dafür genutzt, Chennai mit Trinkwasser zu beliefern. Jetzt aber seien die Reservoirs nahezu leer, weil viel zu viel Wasser auf den Feldern verschwendet werde, klagt Palanichamy. "Die Effizienz ist zu gering". Vielleicht aber ist die Not in Chennai nun doch ein Weckruf, der die Politiker umsteuern lässt, bevor Indiens Städte die Stunde null ereilt.

© SZ vom 26.06.2019
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