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Drogen:Her mit den Keksen

Kekse, Cookies

"Dass Marihuana-Konsum den Appetit anregt, gilt quasi als Allgemeinwissen", schreiben Forscher. Doch bisher gab es kaum Studien dazu.

(Foto: Izabelle Acheson/Unsplash)

Durch die Legalisierung von Cannabis steigt in den USA der Verkauf von Junkfood.

Von Sebastian Herrmann

Zum klischeehaften Verhaltensrepertoire der Kiffer zählt der unkontrollierte Fressanfall. Mit geröteten Augen decken sie sich mit Kartoffelchips, Gummibärchen, Schokoriegeln, Eis und Erdnüssen ein. Schön kalte Cola oder andere Brause sollte auch nicht fehlen, denn vielleicht ist der Mund vom Marihuana-Konsum so ausgedörrt, dass der Knabberkram auf dem Weg zum Magen etwas Unterstützung gebrauchen kann. Und was ist zu Hause eigentlich noch im Kühlschrank? Vielleicht lassen sich ein paar aromatisch interessante Kombinationen zusammenstellen?

In einer Studie durften Männer 13 Tage lang ungestört kiffen; sie aßen jede Menge Hochkalorisches

Aber ist der wahllos Fresskram in sich hineinstopfende Kiffer ein Klischee, das tatsächlich zutrifft oder doch nur in klamaukigen Komödien zu Hause? Alberto Chong und Michele Baggio von der Georgia State University in Atlanta liefern nun Belege, dass Kiffer offenbar wirklich besonderen Nachschub an Junkfood benötigen, wenn sie Gras konsumiert haben. Die Forscher haben für ihre Studie Daten aus US-Supermärkten aus den Jahren 2006 bis 2016 ausgewertet. Wie sie im Fachjournal Economics & Human Behaviour schreiben, lässt sich die Legalisierung von Cannabis am Konsumverhalten ablesen: Wo der Konsum von Marihuana erlaubt wurde, stieg der Absatz von Produkten wie Kartoffelchips, Eis, Keksen und Schokoriegeln um durchschnittlich 3,2 Prozent. Die verkaufte Menge stieg sogar um 4,5 Prozent - der bekiffte Kunde kauft offenbar preisbewusst ein und greift gerne zur Großpackung, die ihm mehr Kalorien für weniger Geld beschert.

Den Kiffer plagt ein akuter Heißhunger

"Dass Marihuana-Konsum den Appetit anregt, gilt quasi als Allgemeinwissen", schreiben Chong und Baggio. Jedoch existiere dazu verblüffend wenig Forschung, die diese populäre Annahme auch bestätigt. Eine der ersten Studien dazu stammt aus dem Jahr 1988 - und diese Arbeit lässt viele Fragen offen. Damals verbrachten sechs männliche Probanden 13 Tage in einer Art Wohnzimmer-Labor, wo sie so viel kiffen durften, wie sie wollten. Die Wissenschaftler registrierten eine um 40 Prozent gestiegene Kalorienaufnahme der Teilnehmer - die diese besonders mit Chips, Schokoriegeln und anderem Junkfood zusammenfutterten. War damit der Fall klar? Nun ja, wer 13 Tage lang Joints raucht und rumhängt, kann auch aus purer Langeweile anfangen, Süßigkeiten und Knabberkram zu essen. Weitere Studien produzierten zwar ebenfalls Hinweise auf den gesteigerten Appetit, aber zumeist beruhten diese auf Selbstauskünften, die notorisch fehleranfällig sind.

Baggio und Chong werteten nun Daten der sogenannten Nielsen-Retail-Scanner-Datenbank aus, in denen Verkäufe aus Supermärkten in den USA registriert sind. Für die Auswertung konzentrierten sich die Forscher auf hochkalorische Lebensmittel, die sofort verzehrbereit sind. Dem berauschten Kiffer, so die Überlegung, fehlt die Muße, seine erworbenen Leckereien erst noch zu kochen: Sein Appetit ist akut und soll sofort gestillt werden. So fokussierte sich die Auswertung vor allem auf Eiscreme, Kekse und Chips. Letztlich werteten Chong und Baggio Verkaufsdaten aus mehr als 2000 Counties in 48 Bundesstaaten aus und konnten dort einen Anstieg der Junkfood-Verkäufe beobachten, wo während des Untersuchungszeitraums der Konsum von Cannabis legalisiert wurde. Die Forscher berücksichtigten dabei, dass diese Staaten auch Touristen aus anderen Bundesstaaten anziehen, in denen Marihuana noch illegal ist.

Aller spaßigen Kifferfolklore zum Trotz diene die Studie durchaus einem ernsten Anlass, so die Forscher. Schließlich sei es relevant, auch indirekte Effekte durch die Legalisierung von Cannabis zu erfassen und zu verstehen. Dazu zählt zweifellos, wenn nennenswert mehr Junkfood verkauft wird.

© SZ

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