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Karrieren in der Forschung:Die Schublade klemmt

Karliczek: für verlässliche Karrierewege in Wissenschaft

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und die brandenburgische Forschungsministerin Manja Schüle (links unten) nehmen in einer Videoschalte den BuWiN entgegen.

(Foto: Screenshot /BMBF)

Promovierende und Promovierte werden an Hochschulen nach wie vor mit befristeten Verträgen abgespeist, wie der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zeigt.

Von Susanne Klein, München

Als am vergangenen Freitag in einer virtuellen Pressekonferenz der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) vorgestellt wird, kommt der prägnante Moment in Minute 24. In der sagt Manja Schüle, Forschungsministerin in Brandenburg: "Es gibt genau einen Ort auf der Welt, an dem 40-Jährige, die auf ellenlange Publikationslisten verweisen können, die im Ausland gearbeitet haben, die oft millionenschwere Drittmittelprojekte stemmen, zum Nachwuchs gezählt werden: die deutsche Universität."

Nachwuchs heiße ja nichts anderes als "noch nicht richtig, noch nicht fertig", so die Sozialdemokratin, der es gegen den Strich geht, das Wissenschaftler bis hin zur Erstberufung auf eine Professur in dieser Schublade stecken. Schüle hält das für "Unsinn", schließlich erfüllten Promovierende und Promovierte in aller Regel an den Hochschulen eigenständige Aufgaben in Forschung, Lehre und Wissenstransfer. Und deshalb - ihre Argumentation biegt nun auf die Zielgerade ein - sei es auch richtig, deutlich mehr unbefristete Stellen im Wissenschaftsbetrieb zu fordern.

Wie nötig das nach Meinung vieler ist, zeigt seit 2008 einmal in jeder Legislaturperiode der BuWiN. Erstellt von einem Konsortium unter Leitung des Instituts für Innovation und Technik (iit), liefert er diesmal Daten aus dem Berichtsjahr 2018: 92 Prozent des außerprofessoralen wissenschaftlichen Hochschulpersonals unter 45 Jahren waren damals befristet beschäftigt. Bei den unter 35-Jährigen mussten sich sogar 98 Prozent von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln. Die Lage ist ähnlich schlecht wie vor zehn Jahren.

"Wir tun so, als ob das normal sei", sagte Schüle, dabei sei es "eine massive Ungerechtigkeit und eine Ressourcenverschwendung, denn wer immer mit einem Auge auf das nächste Projekt, die nächste Vertragsverlängerung schielen muss, der kann aus meiner Sicht weder gut forschen noch gut lehren".

Die GEW nennt die Vertragsfristen "unterirdisch"

Es ist eine Kritik an die eigene Adresse, denn für die Grundfinanzierung, also den langfristig planbaren Betrieb der Hochschulen - somit auch für Dauerstellen - sind im föderalen System die Länder zuständig. Befristete Förderprogramme vom Bund eignen sich dafür weniger. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb am Freitag einmal mehr einen Ausbau der Grundfinanzierung, will aber auch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz verschärft sehen, um sachgrundlose Befristungen stärker einzudämmen. Die Laufzeiten seien nach wie vor "unterirdisch", sagt der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller: "Die durchschnittliche Dauer eines Arbeitsvertrags mit Promovierenden beträgt 22 Monate, bei Postdocs sind es 28 Monate."

Hat der Nachwuchsforschende die Hürde der Promotion genommen, wachsen seine beruflichen Chancen trotzdem erheblich - jenseits des Wissenschaftsbetriebs. 70 bis 80 Prozent wechseln innerhalb von ein bis zwei Jahren in die Privatwirtschaft oder den öffentlichen Dienst, wie der BuWiN zeigt. Ihre Arbeitslosenquote liegt danach kontinuierlich bei ein bis zwei Prozent. "Es lohnt sich zu promovieren", sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek in der Videokonferenz am Freitag. Laut BuWiN winken Promovierten jenseits der Hochschulen deutlich mehr Führungspositionen als Nicht-Promovierten und auch höhere Gehälter, so verdienen Juristen und Ingenieuren um die 10 000 Euro jährlich mehr.

Anders sieht es an den Unis aus. Schafft es der Promovierte über diverse Befristungen bis zur Professur, ist er im Schnitt bereits 40 Jahre alt. Und selbst diese Erstberufungen führen häufig wieder auf befristete Stellen. Der Nachwuchsschublade ist nicht leicht zu entkommen.

© SZ
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