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Bücher über Magie:Unscharfe Grenze zwischen Wissenschaft, Magie und Alchemie

Solche Bücher entstanden seit der Renaissance aus dem Interesse europäischer Gelehrter an allem, was neues Wissen versprach. Wissenschaftler im Christentum lösten sich nach und nach vom mittelalterlichen Zwang, alle Erkenntnisse über die Natur und ihre Gesetze im Sinne der christlichen Religion zu interpretieren.

Sie übersetzten und studierten nun auch zuvor verdrängte Werke antiker "heidnischer" Philosophen wie Aristoteles, die sie in den Bibliotheken jener Städte entdeckten, die den europäischen "Mauren" im Zuge der Rückeroberung Spaniens durch die Christen (Reconquista) abgenommen worden waren.

Bücher zur Magie

Eine kurze Recherche ergibt: Der erste Teil in lateinischer Sprache ist eine Liste von Tieren, Fabelwesen und Eigenschaften. Er wurde nicht ganz wörtlich dem Buch "De incertitudine et vanitate scientiarum liber" von Agrippa von Nettesheim entnommen.

(Foto: The Newberry Library, Chicago)

Zugleich aber hielt sich - auch unter den Gelehrten - hartnäckig der Glaube an das Übersinnliche, die Existenz von Hexen, an Dämonen, die Wirkung von Zaubersprüchen und den Einfluss der Planeten, Sterne und Tierkreiszeichen. Schließlich predigte auch die Kirche, dass sich verstorbene Heilige um Schutz und Hilfe bitten lassen. Da lag die Idee nahe, auch Dämonen kontrollieren und Tote beschwören zu wollen. Immerhin versprach so etwas ungeheuren Erkenntnisgewinn - und Macht. Vor allem die Werke arabischer Alchemisten und Astronomen und die jüdische Kabbala stießen auf großes Interesse.

Sowohl die katholische Kirche wie die Protestanten lehnten okkulte Praktiken ab, wie sie Zauberbücher lehrten. Insgeheim aber wurden die Werke kopiert und verbreitet. Selbst der Theologe Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, einer der wichtigsten Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts, bemühte sich in seinem Werk "De occulta philosophia", Religion und verschiedene Formen von Zauberei in einem auch von der Kirche akzeptablen System zu vereinen.

Ein weiterer berühmter Theologe und zugleich "Magier" war John Dee, Hofastrologe und -mathematiker von Königin Elizabeth I. von England. Selbst der Physiker Isaac Newton war überzeugter Alchemist: Bis Ende des 17. Jahrhunderts suchte er nach dem Stein der Weisen, mit dem sich unedle Metalle in Gold verwandeln lassen sollten.

Die Veranstalter der Ausstellung in Chicago erhoffen sich von ihrem Projekt nicht nur, dass enthusiastische Hobby-Forscher ihnen neue Informationen über die Manuskripte verschaffen. Es geht ihnen auch darum, den heute Lebenden die Menschen des 17. Jahrhunderts näher zu bringen. So sagte Fletcher der Website Atlas Obscura, es gehe darum, "verständlich zu machen, wie es war, die wirklich enormen Veränderungen damals zu erleben, die viel Angst und viel Aufregung verursacht haben".

Natürlich dient die Aktion auch der Werbung - aber auf äußerst originelle Art. Jeder, der sich berufen fühlt, kann zu den einzelnen Seiten der Manuskripte eine eigene Abschrift und Übersetzung vorschlagen, entsprechende Texte anderer korrigieren oder kommentieren. Die Angaben werden dann von der Bibliothek überprüft und veröffentlicht. Die Seite funktioniert also ähnlich wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia.

© SZ.de/chrb/dd

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