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Brexit:"Ich schäme mich für mein Land"

Anne Glover war oberste EU-Wissenschaftsberaterin. Mit dem Brexit befürchtet die schottische Biologin verheerende Folgen für die Forschung im Vereinigten Königreich.

Anne Glover hat ihre Kämpfe mit der Brüsseler Bürokratie gehabt. Die schottische Biologin war die erste oberste Wissenschaftsberaterin der EU-Kommission - und die letzte. Mit einem kleinen Budget und einem noch kleineren Stab an Leuten kämpfte die Forscherin dafür, wissenschaftlichen Erkenntnissen eine lautere Stimme im politischen Prozess zu geben. Als Jean-Claude Juncker vergangenes Jahr Kommissionspräsident wurde, schaffte er den Posten wieder ab. Aber Glover, die inzwischen an der Universität Aberdeen arbeitet, ist eine von zahlreichen Forscherinnen, die vom Brexit schockiert sind.

SZ.de: Frau Glover, was ist Ihre Reaktion auf die Entscheidung?

Ich bin ein bisschen fassungslos, aber ich schäme mich auch für mein Land. Ich habe nie gedacht, dass das passieren würde, obwohl ich in den letzten Tagen vor dem Referendum immer beunruhigter war.

Warum schämen Sie sich?

Weil in diesem Referendum nicht mit Fakten und Argumenten gekämpft wurde, sondern vor allem mit Vorurteilen gegenüber Immigranten. Ich glaube, es spielt auch eine Rolle, dass die Medien hier in den letzten 20 Jahren kaum je etwas Positives über die EU berichtet haben. Es war immer "wir" und "die". Niemand hat je versucht zu erklären, was das Europäische Projekt ist und warum es wertvoll ist.

Expertise stand in der ganzen Debatte nicht hoch im Kurs. Michael Gove hat kurz vor dem Referendum sogar gesagt: "Ich glaube die Briten haben genug gehabt von Experten."

Das spottet wirklich jeder Beschreibung. Wenn ich einen Hirntumor operieren lasse, möchte ich schließlich auch, dass ein Experte das macht. Es gibt jeden Grund, Expertise und Wissen zu schätzen. Aber in diesem Referendum wurde mit einer Anti-Eliten-Stimmung gearbeitet. Es war eine abstoßende Debatte auf beiden Seiten.

Was bedeutet das Ergebnis für die Forschung im Vereinigten Königreich?

Wir sind die größten Nutznießer der Förderung durch den European Research Council und mit den Fördergeldern kommen einige der besten Forscher aus Europa und anderswo ins Vereinigte Königreich. Wir profitieren davon und unsere Wirtschaft profitiert enorm davon und es bringt intellektuelle Stimulation und Kreativität. Auch ansonsten schneiden wir beim EU-Forschungsförderprogramm Horizon 2020 sehr gut ab. Die Royal Society hat vergangenes Jahr eine Analyse veröffentlicht, laut der wir zum 7. Rahmenprogramm ( dem Vorläufer von Horizon 2020) über sieben Jahre 5,4 Milliarden Euro beigetragen, aber 8,8 Milliarden Euro daraus erhalten haben.

Sie glauben das Geld geht der Forschung in Zukunft verloren?

Es ist natürlich noch sehr früh. Aber in der jetzigen Stimmung ist es für mich schwer zu sehen, wie eine Regierung, welche auch immer es dann ist, das wieder ausgleicht. Ich bin sehr pessimistisch, was unsere Chance angeht, die wissenschaftliche Exzellenz im Vereinigten Königreich aufrecht zu erhalten. Schon beim Anwerben der besten Forscher wird es in Zukunft wohl Hürden geben.

Anne Glover war "Chief Scientific Adviser" bei der Europäischen Kommission.

(Foto: Friends of Europe / CC by 2.0)

Wie wird die Trennung der Forschung im Vereinigten Königreich aus der EU-Forschungslandschaft jetzt genau stattfinden?

Das ist mir auch noch nicht ganz klar. Ich gehe davon aus, dass wir, bis es tatsächlich zum Brexit kommt, uns weiter bewerben können und auch weiter Forschungsprogramme hier gefördert werden können. Aber Menschen sind menschlich und ich mache mir Sorgen, wenn Forscher in Zukunft Bewerbungen prüfen und einen Projektpartner aus dem Vereinigten Königreich sehen, dass sie dann sagen: Was ist denn mit ihrer Langzeitinvestition in unser Europäisches Projekt. Das reicht vielleicht schon, um ein Fragezeichen über solche Bewerbungen zu hängen oder zumindest über die Beteiligung des Vereinigten Königreichs. Wer weiß, ob das wirklich passiert. Ich habe dafür keine Belege, aber Scheidungen sind häufig hässlich. Wer weiß, wie es bei dieser wird.

Sie sind schottisch und es wird jetzt auch über die Möglichkeit diskutiert, dass Schottland allein in der EU verbleibt.

Ich glaube es ist sehr wahrscheinlich, dass es jetzt ein zweites Unabhängigkeitsreferendum in Schottland geben wird. Wenn wir im Vereinigten Königreich bleiben, werden wir jetzt gegen unseren Willen aus der EU herausgezogen. Misst man unsere Forschung am Bruttoinlandsprodukt, ist Schottland Nummer Eins in der Welt. Wir sind eine Wissenschaftsnation und wir zählen darauf, dass die besten Forscher der Welt hierher kommen können und wir woanders hingehen können. Mein persönlicher Wunsch wäre jetzt, dass wir ein Unabhängigkeitsreferendum haben, ehe der Brexit passiert. Ich wäre lieber mit Schottland Teil der EU als Partner eines kleinen Englands zu sein.

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