Sargassum-Plage:Gefährliche Algen breiten sich aus

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Sargassum-Algen am Strand „Gaviota Azul“ im mexikanischen Cancún. (Foto: REUTERS)

Braunalgen sind eine Plage für Mensch und Tier. Ein Teppich im Atlantik ist bereits Tausende Kilometer lang und wächst immer weiter. Kann man etwas dagegen tun?

Von Tina Baier

Wer schon einmal in der Karibik Urlaub gemacht hat, ist ihr vielleicht begegnet: der Braunalge Sargassum, die eigentlich keine einzelne Art ist, sondern sich aus verschiedenen Spezies zusammensetzt. An den Stränden von Cancún oder Jamaika türmen sich die Algen über Nacht zu hohen Haufen, versperren den Zugang zum Meer und verwandelt den schönsten Traumstrand in einen nach faulen Eiern stinkenden Ort.

Die Erderwärmung sowie die Verschmutzung der Meere mit Düngern und anderen Nährstoffen ließen bereits im vergangenen Jahrzehnt im Atlantik zwischen Westafrika und Südamerika den „Großen Atlantischen Sargassum-Gürtel“ wachsen. Es ist die größte Algenblüte der Welt, Tausende Kilometer lang, so riesig, dass sie sogar vom Weltraum aus zu sehen ist. Inzwischen ist die Algenblüte zu einem globalen Problem herangewachsen und richtet in den betroffenen Ländern großen Schaden an. Aus diesem Grund nahm sich Carla Machado von der University of York mit ihrem Team vor, aus der Not eine Tugend zu machen und zu untersuchen, ob die riesigen Sargassum-Mengen irgendwie nützlich sein können.

Denkbar wäre zum Beispiel, mithilfe der Algen Treibstoff oder Biogas herzustellen oder Sargassum zur Verbesserung von Böden zu nutzen, schreiben die Forschenden um Machado in einer Studie, die gerade in der Fachzeitschrift PNAS erschienen ist. Momentan werden die Algen in der Regel von Arbeitern, den „Sargazeros“, eingesammelt und auf Mülldeponien gebracht.

Junge Schildkröten schaffen es wegen der Algen-Berge nicht mehr ins Wasser

Eine Grundvoraussetzung dafür, dass Sargassum irgendwie in industriellem Maßstab als Rohstoff verwendet werden kann, ist den Studien-Autorinnen und -Autoren zufolge eine möglichst gleichförmige Zusammensetzung ihrer Inhaltsstoffe. Am besten in Kombination mit hohen Konzentrationen an Substanzen, die für die Industrie interessant sind. Das in Sargassum enthaltene Alginat zum Beispiel könnte als Verdickungsmittel verwendet werden. Andere Inhaltsstoffe wie Fucoxanthin könnten als Zusatz in Kosmetika interessant sein.

Um herauszufinden, ob Sargassum die Grundvoraussetzung erfüllt, sammelten die Forschenden zu sechs verschiedenen Zeitpunkten des Jahres 2021 Braunalgen an der Küste Jamaikas. Die Analyse der Proben ergab, dass die Zusammensetzung des Seegrases das ganze Jahr über konstant bleibt. Zumindest was den Proteingehalt anging, änderten sich daran auch nichts, als die Forschenden verschiedene Verarbeitungsmethoden testeten. Egal, ob sie das Seegras trockneten, einfroren oder sonst wie bearbeiteten: Der Gehalt an Eiweißstoffen blieb stets gleich. Auf andere Inhaltsstoffe hatte die Art der Verarbeitung durchaus Einfluss. Die Alginat-Konzentration beispielsweise war in den gefrorenen Proben am höchsten.

In ihrer Untersuchung konnten die Forschenden zudem nachvollziehen, woher die riesigen Sargassum-Mengen, die jeden Sommer an die Küste Jamaikas gespült werden, eigentlich kommen, und welchen Weg durch den Atlantik das Seegras nimmt. Dabei kam ihnen der Zufall zu Hilfe: Im Jahr 2021, als sie die Proben auf Jamaika einsammelten, brach nämlich auf der karibischen Insel St. Vincent der Vulkan La Soufrière aus.

Die Analyse der Proben, die die Forschenden im Spätsommer 2021 auf Jamaika gesammelt hatten, ergab, dass die Algen Asche enthielten, die eindeutig von La Soufrière stammte. Als Referenz diente La-Soufrière-Asche, die im Garten einer der an der Studie beteiligten Forscherinnen niedergeregnet war. „Es war aufregend, die Inhaltsstoffe der Asche in Sargassum nachzuweisen, das mehr als 1700 Kilometer durch die Karibik nach Jamaika gereist war“, sagt Hazel Oxenford von der University of the West Indies einer Presseerklärung zufolge.

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Berechnungen der Forschenden ergaben, dass die Asche, die sie in dem Sargassum aus Jamaika gefunden hatten, vier Monate zuvor wohl östlich von St. Vincent gemeinsam mit dem Seegras auf der Meeresoberfläche schwamm. „Diese Vulkan-Markierung bestätigte, dass das Sargassum, das jeden Sommer an den Stränden Jamaikas ankommt, eine monatelange Reise mit den Strömungen des zentralen tropischen Atlantiks hinter sich hat“, wird Studienautor Robert Marsh von der University of Southampton in der Pressemitteilung zitiert.

Eine sinnvolle Verwendung für Sargassum zu finden, ist auch deshalb wichtig, weil sich das Braunalgen-Problem nach Einschätzung der meisten Experten mit fortschreitendem Klimawandel in Zukunft noch verschärfen wird. Zudem bekomme der Große Sargassum-Gürtel „zusätzliche Nährstoffe aus Sahara-Staub, der über den Atlantik weht“, sagt Thierry Tonon von der University of York, der Pressemitteilung zufolge. „Riesige Mengen Seegras, die an die Küsten gespült werden, werden zur neuen Normalität werden.“

Ursprünglich stammen die Braunalgen des Sargassum-Gürtels aus der Sargasso-See, einer Meeresregion östlich von Florida. Erstmals beschrieben wurden sie im 15. Jahrhundert von Christoph Kolumbus. Damals traten sie aber nicht in derartigen Massen auf: „Die kleinen Mengen Sargassum, die früher in der Karibik an Land gespült wurden, waren ein Lebensraum für Schildkröten, Krabben und Fische und trugen während ihrer Zersetzung zur Strandbildung bei“, sagt Carla Machado.

Heute sind die Sargassum-Berge, die sich an den Küsten auftürmen, nicht nur für den Tourismus ein Problem, sondern auch für die Umwelt: Sie begraben jegliches Leben unter sich, und sind eine unüberwindbare Barriere für junge Schildkröten, die nach dem Schlüpfen schnell ins Wasser krabbeln müssen, um nicht gefressen zu werden oder zu vertrocknen. Wenn sie verrotten, werden nicht nur die übel riechenden Gase Ammoniak und Schwefelwasserstoff freigesetzt, sondern auch Nährstoffe, die unter anderem Korallenriffen schaden und das Sargassum-Wachstum immer weiter ankurbeln.

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