Blitz-Atlas Wo es in Deutschland am häufigsten blitzt

Blitz über Bad Mergentheim, Baden-Württemberg

(Foto: dpa)

Mit dem Klimawandel sollen vermehrt Hitzegewitter einhergehen. Doch laut "Blitz-Atlas" schlugen 2016 in Deutschland so wenige Blitze ein wie nie. Wie es in Ihrem Landkreis aussieht und welche Erklärungen Forscher dafür haben.

Von Christoph Behrens (Text) und Katharina Brunner (Grafiken)

In keinem Landstrich in Deutschland sind 2016 häufiger Blitze eingeschlagen als in Wesel. Den Landkreis in Nordrhein-Westfalen trafen im vergangenen Jahr 4,1 Blitze pro Quadratkilometer, insgesamt 4297. Damit ist Wesel laut dem Blitz-Informationsdienst von Siemens (Blids) die derzeitige "Blitz-Hauptstadt" Deutschlands. Auch im bayerischen Aschaffenburg und im nordrhein-westfälischen Landkreis Borken blitzte es den Messungen zufolge mit je 3,8 Einschlägen pro Quadratkilometer sehr oft. Nur wenige Gewitter verzeichneten dagegen Flensburg (0,2 Blitze pro km²), Frankfurt an der Oder (0,2/km²) und Fürth (0,3/km²).

Siemens zählt die Blitzeinschläge in Deutschland kontinuierlich über ein Netz an Messstationen. Diese orten die elektromagnetischen Felder einer Blitzentladung bis auf 100 Meter genau. An den aktuellen Zahlen fällt auf, dass im gesamten Bundesgebiet im Jahr 2016 vergleichsweise wenige Blitze niedergingen, insgesamt waren es 431 644. Das ist die niedrigste Anzahl seit 1999 und ein deutlicher Rückgang zu 2015, als Blids rund 550 000 Einschläge zählte. Stephan Thern, der den Blitz-Informationsdienst leitet, erklärt die niedrige Zahl Einschläge damit, "dass im normalerweise blitzreichen August sehr wenige Gewitter zu verzeichnen waren". In Wesel habe es dagegen wenige, aber dafür sehr heftige Gewitter im Mai und Juni gegeben.

Doch auch langfristig ist die Zahl der Einschläge rückläufig. Zwischen 2006 und 2008 wurden beispielsweise jährlich rund eine Million Blitze in Deutschland gezählt. Die vergangenen sechs Jahre lag der Wert immer unter 700 000. Der Rückgang ist verwunderlich, da infolge des Klimawandels eine Zunahme von Hitzegewittern prognostiziert wird. Laut des globalen Blitz-Netzwerks WWLLN ("World Wide Lightning Location Network") ziehen in jedem Moment etwa 1000 Gewitterzellen irgendwo über den Globus. Der Klimaforscher Colin Price von der Universität Tel Aviv hat berechnet, dass die Zahl der Blitzschläge bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa ein Viertel zunehmen könnte, sofern die Welt sich weiter erwärmt wie bislang.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Klima auch in Deutschland erwärmt, die Lufttemperatur steigt durchschnittlich um 0,1 Grad pro Jahrzehnt - wieso ist also nicht auch die Zahl der Blitze gestiegen? Der Zusammenhang zwischen Temperaturen und Gewittern sei kompliziert, sagt Arne Spekat vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Der Mechanismus für die Entstehung von Gewittern ist für die Gegenwart bekannt", sagt der Meteorologe. "Aber für die Zukunft enthalten die Modelle große Unsicherheiten." Ein Gewitter formiert sich, wenn ein großer Temperaturunterschied zwischen der Luft in Bodennähe und den höheren Schichten der Atmosphäre entsteht. Die Atmosphäre wird dann zur Pumpe, die Luftpartikel nach oben saugt. Die Reibung lädt Gewitterwolken elektrostatisch auf, dieser Spannungsunterschied von mehreren Millionen Volt entlädt sich schließlich in einem Blitz.

Doch wie die Erderwärmung die Luftschichten in etwa zwölf Kilometern Höhe beeinflusst, "darüber wissen wir noch sehr wenig", sagt Spekat. Daher sei auch unklar, wie der Klimawandel die Pumpwirkung in der Atmosphäre und somit Gewitter beeinflusse. Zudem fehlt etwa in den Tropen, wo besonders viele Blitze niedergehen, ein flächendeckendes Messsystem, um Blitzhäufigkeit und Temperaturen zu vergleichen. Auch das deutsche Blids-System erfasst die Entladungen erst seit den 1990ern. Für verlässliche Aussagen brauchen Klimaforscher aber Daten über mindestens 30 Jahre. Zudem gibt es konkurrierende Verfahren zur Blitz-Ortung, die teilweise auf andere Zahlen kommen. Der Anbieter Nowcast zählte 2016 beispielsweise 640 000 Blitze, rund 10 000 mehr als 2015. Die Firma nutzt eine andere Technik als Siemens, mit der sich beispielsweise auch die Höhe von Gewittern und die Stärke einzelner Blitze erfassen lässt.

Langjährige Messungen zeigen in jedem Fall, dass das Risiko für Unwetter mit viel Niederschlägen mit steigenden Temperaturen zunimmt - denn wärmere Luftmassen können mehr Feuchtigkeit aufnehmen und als Regen wieder ausschütten. Solche heftigen Unwetter trafen im Mai und Juni 2016 vor allem Süddeutschland. In einer Pressemitteilung erläutert Nowcast, viele Gewitter hätten lediglich in einem kleinen Gebiet getobt und sich dann wieder aufgelöst. "So eine Wetterlage mit schwachen Winden und zahlreichen Gewittern ist sehr selten und gibt es statistisch nur alle 1000 Jahre", erklärt der Physiker und Chef von Nowcast Hans-Dieter Betz in der Mitteilung.

Die mehrjährigen Daten von Blids bestätigen zudem, dass einige Regionen besonders häufig vom Blitz getroffen werden. Spitzenreiter über den gesamten Zeitraum seit 1999 sind die bayerischen Landkreise Garmisch-Partenkirchen und Bertesgadener Land, mit durchschnittlich etwa vier Blitzeinschlägen pro Quadratkilometer. Nahe der Alpen ist das Risiko für Hitzegewitter besonders hoch. Heiße Luftmassen stauen sich vor allem im Sommer an den Bergen, die Bedingungen für starke Temperaturgefälle und somit für kräftige Unwetter mit Blitz und Donner sind dort also besonders günstig.

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